Niedrige Zinsen : Was im Alter von der Vorsorge bleibt

Griechenland ist nicht der einzige Schuldenstaat: Die Zeche zahlen die Sparer – aber viele ahnen noch gar nicht die Verluste.

shz.de von
04. Juli 2015, 10:25 Uhr

Geld löst sich nicht in Luft auf. Das gilt für die rund 88 Milliarden Euro, die Deutschland zur Griechenlandhilfe beigesteuert hat und die ganz oder jedenfalls teilweise abgeschrieben werden müssen. Steuerzahler und Sparer zahlen die Zeche, auch wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble gern darauf verweist, dass Kreditausfälle erst nach 2020 haushaltswirksam würden.

Tatsächlich werden die Bürgerinnen und Bürger schon heute auf nie gekannte Weise zur Kasse gebeten. Niedrige oder sogar negative Zinsen bekommen alle Sparer zu spüren. Doch viele ahnen noch gar nicht, welche langfristigen Folgen diese Phase gerade für Arbeitnehmer hat, die – wie immer wieder vom Staat empfohlen – neben den Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung private Altersvorsorge betreiben.

Anders als bei den Beamten, die im Alter staatlich alimentiert werden und gut 70 Prozent ihres letzten Gehalts als Pension erhalten, läuft bei den Arbeitnehmern in der freien Wirtschaft ein doppeltes Rentenkürzungsprogramm. Das Standardrentenniveau, das vor 35 Jahren noch bei knapp 60 Prozent lag, ist inzwischen auf rund 48 Prozent gesunken (Netto vor Steuern). Tendenz weiter fallend. Zugleich führt die staatlich verordnete Niedrigzinspolitik zu drastisch sinkenden Auszahlungen bei der privaten Altersvorsorge. Ähnlich wie in Griechenland sind deshalb nicht die hochverschuldeten Staaten und seine Beamtenapparate diejenigen, die zuerst den Gürtel enger schnallen, sondern die Mehrzahl der Arbeitnehmer mit durchschnittlichen Einkommen und überschaubaren Rücklagen, die nicht in Aktien angelegt worden sind.

Wie viel Geld den Privathaushalten durch die Niedrigzinsen entzogen werden, beziffert die Allianz mit jährlich mehr als 110 Milliarden Euro. Zum Vermögen der Privathaushalte von rund 25 Billionen Euro zählen u.a. Lebensversicherungen, Betriebsrenten, Rentenfonds oder Bankeinlagen. Eine Zinsänderung von einem Prozentpunkt schlägt mit 25 Milliarden Euro zu Buche.

Viele Arbeitnehmer, die private Altersvorsorge betreiben, haben keine Vorstellung, wie viel Geld sie derzeit verlieren – gemessen an den Versprechungen, die ihnen vor dem Finanzcrash 2008 beim Abschluss von Sparverträgen, Lebensversicherungen oder Betriebsrenten gemacht worden sind. Notleidende Banken wurden damals mit dem Geld der Steuerzahler gerettet, weil sie „systemrelevant“ sind. Die Bürgerinnen und Bürger sind für den Staat auch „systemrelevant“ – allerdings in einem anderen Sinne: Sie müssen die Suppe auslöffeln.

Wie das konkret aussieht, lässt sich an den Standmitteilungen ablesen, die Besitzer von Lebensversicherungen jährlich erhalten. Sie sind immer noch die am weitesten verbreitete Kapitalanlage mit Versicherungsschutz. Auf jeden Deutschen kommt mehr als eine Lebensversicherung; 90 Millionen laufende Policen sprechen für sich. Ein Beispiel für die Folgen der Niedrigzinspolitik: Im Jahre 2000 teilte ein großer Versicherungskonzern dem Inhaber einer Police mit, er könne im Jahre 2015 mit einer - allerdings nicht garantierten - Überschussbeteiligung von knapp 98 000 Euro rechnen. Tatsächlich sind bis zum Ablauf der Versicherung nur 18 400 Euro an laufender Überschussbeteiligung hinzugekommen – nicht einmal zwanzig Prozent der Summe, mit der der Versicherungskonzern vor 15 Jahren gewunken hatte. Mit Treu und Glauben hat dies nichts mehr zu tun.

Schuldenstaaten profitieren ebenso wie private Kreditnehmer von den niedrigen Zinsen. So muss das Land Schleswig-Holstein heute für seinen Schuldenberg „nur“ rund 700 Millionen Zinsen jährlich aufbringen. In Zeiten höherer Zinsen waren es auch schon mal knapp 1000 Millionen. Und weil „Systemrelevanz“ – siehe oben – so unterschiedlich ausgelegt werden kann, genehmigte der Staat den Lebensversicherern zur besseren Kapitalausstattung auch noch Änderungen bei der Ausschüttung der Überschussbeteiligung – zum Nachteil der Versicherten. Den Gewinnen der Versicherungskonzerne und ihren Aktienkursen an den Börsen kamen diese politischen Entscheidungen zugute. Umgekehrt wird es denen fehlen, die im Alter hoffen, mit dem Ersparten die immer spärlichere gesetzliche Renten ausgleichen zu können.

„Es gibt keine Alternative zur privaten Altersvorsorge“, heißt es von Seiten der Regierung. Wohl wahr. Anders als bei den Beamten-Pensionen, reicht die gesetzliche Rente selbst bei jenen Arbeitgebern, die ein Leben lang „eingezahlt“ haben, nicht. So liegt die Standardeckrente aktuell bei knapp 1200 Euro monatlich. Dazu muss der „Eckrentner“ 45 Jahre lang jeden Monat ein versichertes Einkommen verdient haben, das dem Durchschnittsentgelt aller gesetzlich Rentenversicherten entsprach. Und aus diesem Einkommen müssen Beiträge abgeführt worden sein. Eine solche Modellrechnung geht allerdings immer seltener auf, weil Arbeitsbiographien heute meist „gebrochener“ verlaufen. So liegt die durchschnittlich ausgezahlte Rente in der gesetzlichen Rentenversicherung unter 1000 Euro.

Selbst staatliche Zuschüsse zur privaten Altersvorsorge (Stichwort: Riester-Rente) können die Verluste durch die Niedrigzinsphase und politische Eingriffe in laufende Verträge nicht ausgleichen. So beschloss die große Koalition 2004, dass bei der Auszahlung von Direktversicherungen und Pensionsfonds volle Krankenkassenbeiträge abgezogen werden. Gut sieben Millionen Direktversicherungsverträge wurden von Arbeitgebern für Mitarbeiter abgeschlossen. Das böse Erwachsen für die leistungsbereite Mittelschicht kommt noch.

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