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Plötzlicher Kindstod : Warum Babys im Schlaf sterben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Plötzliche Kindstod ist die häufigste Todesart im ersten Lebensjahr. Eine neue Studie belegt: Vor allem junge Säuglinge sollten allein im Bett schlafen.

Flensburg | Es ist der Albtraum aller Eltern: Das Baby, das abends friedlich eingeschlafen ist, liegt am Morgen tot in seinem Bettchen – es hat im Schlaf aufgehört zu atmen. Zwar ist die Zahl der Säuglinge, die am Plötzlichen Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome; SIDS) sterben, in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Doch immer noch ist er mit rund 150 Fällen im Jahr in Deutschland die häufigste Todesart von Kindern im ersten Lebensjahr. Eltern erscheint das leise Sterben unvorhersehbar, medizinisch sind die Ursachen bis heute nicht geklärt.

Mediziner sprechen vom SIDS, wenn ein gesundes Kind ohne erkennbaren Grund zwischen dem 8. und 365. Lebenstag stirbt. Meistens trifft es Kinder im ersten Lebenshalbjahr, am häufigsten zwischen dem zweiten und vierten Monat. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. „Bislang wurde vermutet, dass Herzrhythmusstörungen, Unterzuckerung, Krampfanfälle oder auch Infektionen verantwortlich sein könnten“, sagt Privatdozent Dr. Michael Dördelmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Flensburger Diako. Vermutungen, die allerdings nicht bewiesen seien.

Aktuell werde unter Medizinern als Ursache ein „defekter Rezeptor“ diskutiert: eine Zelle im Gehirn des Babys, die – ähnlich einem Messgerät – bei einem zu hohen Kohlendioxidgehalt im Körper Alarm signalisiert. Etwa, wenn das Baby mit dem Gesicht im Kissen liegt und nicht genug Sauerstoff bekommt. „Normalerweise würde das Kind dann den Kopf heben oder drehen, um richtig atmen zu können“, erklärt Dördelmann. „Funktioniert der Rezeptor aber nicht richtig, bleibt es in der Position liegen, die lebensrettende Schnappatmung setzt nicht ein, das Kind erstickt.“ Doch auch das ist laut Dördelmann bislang eben „nur eine Hypothese“.

Eindeutig belegt sind dagegen laut Dördelmann die Faktoren, die das SIDS-Risiko erhöhen – wie etwa die Bauchlage. „Kinder im ersten Lebensjahr sollten immer auf dem Rücken schlafen. Auch die Seitenlage ist nicht ratsam.“

Statt unter einer Decke sollten Säuglinge grundsätzlich im Schlafsack liegen; je nach Temperatur im warmen Sommer darunter nur mit einem Body bekleidet. Denn auch Überwärmung ist gefährlich: Experten vermuten, dass sie den Atemantrieb des Babys, der meist noch schwach ausgeprägt ist, hemmt. „Füße und Hände dürfen etwas kühler sein, Rumpf und Nacken müssen sich warm anfühlen“, so Dördelmann. Ideal ist beim Schlafen eine Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad.

Kissen, Felle, Kuscheltiere oder -tücher gehören nicht ins Babybett. „Alles, was auf den Atemwegen zu liegen kommen kann, ist tabu“, erläutert der Kinderarzt eine Grundregel für die Schlafumgebung im ersten Lebensjahr. Die andere Empfehlung lautet: Das Babybett sollte im Elternschlafzimmer stehen, das Kind aber nicht im Elternbett schlafen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass vor allem bei jüngeren Babys ein höheres SIDS-Risiko besteht, wenn sie nicht allein im Bett liegen. Neben der Körperwärme von Mutter oder Vater können auch das Kissen oder die Bettdecke der Eltern dem Kind zum Verhängnis werden. Dördelmann: „Schlafen die Eltern aber mit dem Säugling in einem Raum, können sie eher bemerken, wenn etwas mit dem Kind nicht stimmt, es zum Beispiel schwer atmet oder röchelt.“

Auch eine rauchfreie Umgebung – sowohl vor als auch nach der Geburt – spielt eine große Rolle. Dördelmann: „Es reicht nicht aus, wenn in Gegenwart des Säuglings nicht geraucht wird – auch die Bestandteile des Zigarettenrauchs etwa in Vorhängen oder Möbeln können die Atmung belasten.“ Zudem seien die Atemwege der Kinder von rauchenden Müttern oft vorbelastet, ihr Immunsystem ist schwächer. Positiv soll sich dagegen das Stillen auswirken. „Experten haben nachgewiesen, dass gestillte Kinder nachts leichter und häufiger aufwachen, sodass die Gefahr eines Atemstillstandes im Zusammenhang mit einer schwereren Erweckbarkeit bei ihnen seltener vorkommt als bei nicht gestillten Babys“, informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Beherzigten Eltern diese Regeln, sei das Risiko für den Plötzlichen Kindstod extrem gering, betont Michael Dördelmann. Dass es in Deutschland trotzdem noch – im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa den skandinavischen – vergleichsweise viele Todesfälle gibt, liegt seiner Meinung nach an immer noch mangelnder Information. „Unser Gesundheitssystem ist vor allem auf das Behandeln von Krankheiten und vergleichsweise weniger auf die Prävention ausgerichtet“, kritisiert der Kinderarzt. „In Sachen Aufklärung gibt es bei uns deutlichen Nachholbedarf.“

Risikofaktoren altersabhängig

Forscher vom Children’s Mercy Hospital in Kansas City (USA) analysierten Daten zu Todesfällen bei Kindern im Hinblick darauf, ob Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod altersabhängig sind. Das Ergebnis: Insbesondere in den ersten drei Monaten ist es für Säuglinge besonders riskant, mit anderen Personen in einem Bett zu schlafen. Ältere Babys scheinen dagegen häufiger an Kissen, Tüchern oder einem Plüschtier zu ersticken. Gefunden wurden die toten Kinder am häufigsten in Bauchlage. Bei den älteren Kindern ging dem Tod  häufiger ein Wechsel der Schlafposition voraus als bei den jüngeren – fast immer waren die Kinder dabei vom Rücken oder von der Seite auf den Bauch gerollt. Der Wechsel von der Rücken- in die Bauchlage gelingt Kindern meist erst ab dem vierten Monat. Die Studienautoren vermuten, dass sie sich dabei in Leintüchern verheddern können oder mit dem Gesicht auf Plüschtieren zu liegen kommen und ersticken. Im Gegensatz dazu wird jüngeren Kindern das Unvermögen, sich zu drehen, im Bett mit anderen Personen zum Verhängnis. Kinder im Alter von weniger als drei Monaten können aus eigner Kraft auch kaum den Kopf heben, wenn sich eine andere Person im Schlaf an oder über sie rollt. Eltern sollten daher auf diese Gefahr besonders bei jüngeren Säuglingen aufmerksam gemacht werden, raten die Kinderärzte. Quelle: Ärztezeitung

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erstellt am 28.Aug.2014 | 15:38 Uhr

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