Todesstrafe 1977 : Vor 40 Jahren: Frankreich köpft den letzten Mörder mit der Guillotine

Bis 1977 richtet Frankreich Schwerverbrecher mit dem Fallbeil hin. Der letzte Fall hat es in sich.

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05. September 2017, 16:31 Uhr

Marseille/Paris | Als am 28. Oktober 1977 die britische Punkband Sex Pistols mit ihrem Meilenstein „Never Mind the Bollocks“ das Hippie-Zeitalter und die staatliche Autorität zerdrischt, ist es gerade vorbei gegangen mit der mittelalterlich anmutenden Todesstrafe in ihren Breiten. Sechs Wochen zuvor – mitten im Deutschen Herbst – wird der letzte Mensch in Westeuropa hingerichtet – genauer gesagt enthauptet. Ausgerechnet an einem Sonntag, ausgerechnet mit einer Köpfmaschine und ausgerechnet in Frankreich. Dass es das letzte Verfahren dieser Art ist, ahnt man da noch nicht.

<p>Eine Guillotine, aufgenommen 2010 während der durch den französischen Rechtsanwalt Robert Badinter initiierten Ausstellung „Kriminalität und Strafe“ im Musee d'Orsay in Paris.</p>
Foto: dpa

Eine Guillotine, aufgenommen 2010 während der durch den französischen Rechtsanwalt Robert Badinter initiierten Ausstellung „Kriminalität und Strafe“ im Musee d'Orsay in Paris.

Unter dem Namen Guillotine ist das vor genau 40 Jahren letztmals verwendete Instrument des Terreur besser bekannt. Es ist genau jenes Gerät der fließbandartigen Hinrichtung, ohne das die französische Revolution vermutlich anders verlaufen wäre. Der Mann, dem 262 Jahre nach der Hinrichtung von Ludwig XVI. und seiner Frau Marie-Antoinette ein gleicher mechanischer Garaus blüht, heißt Hamida Djandoubi. Djandoubi, dem das rechte Bein fehlt, ist der Vergewaltiger seiner Liebhaberin, ihr Zwangszuhälter, ihr Mörder. Dafür kommt der attraktive Typ um die 30 am 10. September 1977 den Kopf ab – danach ist die Guillotine weltweit ausrangiert.

Um 4.40 Uhr des Tages wird der Verurteilte im Marseiller Gefängnis Les Baumettes von Scharfrichter Marcel Chevalier an das Todesgerät herangeführt. Die dritte Zigarette wird dem Tunesier nicht mehr gewährt. Chevalier, ein Freiberufler, dem eine Prämie von 6.000 Francs blüht, ist ungeduldig. Nach dem leerenden Schluck aus dem Glas des letzten Willens geht es los. Der Gehilfe kommt und schneidet den Hemdkragen des bald Sterbenden ab, dann wird auf das Geheiß den Henkers für das bessere Gelingen doch das ganze Hemd in Stücke geschnitten. Djandoubi wird bauchlängs in den Nebenraum bugsiert, sein Hals auf der Lunette fixiert und unter dem dumpfen Geräusch des Fallbeils durchtrennt. Sein umhergespritztes Blut wird mit dem Wasserschlauch abgespült, so beschreibt es die beiwohnende Untersuchungsrichterin. Das ist es dann mit der „warmen“ Todesstrafe.

Präsident Valéry Giscard d’Estaing hatte Tags zuvor noch die Chance, Djandoubis Todesurteil in eine Gefängnisstrafe umzuwandeln. Aber er, der erklärte Gegner der Todesstrafe, stellte sich anders als bei drei anderen Fällen in jenen Jahren nicht über den Richterspruch. Der Kopf war durch die Erfindung des Doktors Guillotin zu entfernen.

Der narrative Schrecken, den diese Vollstreckung mit sich trägt, wird lange nachwirken, auch wenn es durch die seit 1939 übliche Prozedur hinter Gefängnismauern kaum Zeugen gibt. Der Gefängnisarzt ist jedoch darunter. Und er verschweigt nicht die Kunde, dass Djandoubis Kopf nach dem Fall des Beils noch 30 Sekunden lang auf Zurufe reagiert haben soll. Solche Berichte gibt es zuhauf aus der Geschichte der Guillotine. Klaus Störtebeker lässt grüßen.

Die UN-Generalversammlung erklärt Ende 1977 ihr Gutdünken für die Abschaffung der Todesstrafe. Frankreich mustert erstmal nur die Tötungsmaschine aus. Die Ablösung dauert bis 1981, als François Mitterrand mit dem Versprechen Präsident wird, das nationale Zeitalter der Todesstrafe als letztes Land der Europäischen Gemeinschaft zu beenden. Mitterrand macht zudem den Anwalt Robert Badinter zu seinem Justizminister, dem es kurz vor Djandoubi gelungen war, den Kindermörder Patrick Henry vor der Guillotine zu bewahren. Am 19. Februar 2007 wird das Verbot in die französische Verfassung aufgenommen – „Niemand darf zum Tode verurteilt werden“, heißt es seitdem.

In Frankreich gibt es weiterhin viele Anhänger der Todesstrafe. Politisch gesellt sich dieses Klientel heute größtenteils zum rechtsradikalen Front National unter Marine Le Pen.

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