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Deutschland & Welt

15. Dezember 2017 | 05:45 Uhr

"House of Night - Gezeichnet" : Vampire für Mädchen

vom

Hormonelles Chaos statt Blutrausch: In "House of Night – Gezeichnet" bleibt der Horror im Hintergrund. Der neueste Vampir-Roman in Bis(s)-Tradition plätschert recht spannungsarm dahin.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2010 | 10:24 Uhr

Schwarzer Mantel, blutverschmierte Reißzähne, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. So schlich Christopher Lee in den Fünfzigern noch stilecht als Untoter über die Leinwand. Dracula wie er im Buche steht. In dem ersten Vampirroman der Literaturgeschichte von Bram Stoker (1897), der bei zahlreichen Adaptionen als Vorlage diente, sind Vampire noch blutrünstige Monster, gefährlich, unheimlich. Damit ist – erstmal – Schluss.
Die bösen Untoten sind tot. Mehr als ein halbes Jahrhundert später funkeln die Bestien wie Strasssteinchen in der Sonne und sehen aus wie Hollywood-Stars. Stephenie Meyers Bis(s)-Tretralogie hat einen Hype um Vampire losgetreten und den Blutsaugern einen gründlichen Imagewechsel verpasst. Draculas Erben mutieren zu Teenie-Idolen, die sich über die Regeln des Mythos hinwegsetzen. Särge? Fehlanzeige. Sonne? Kein Problem, die schmeichelt sogar dem Teint der Vampire. Und die Wandlung zum Untoten hat in dem neusten Vampir-Roman auf dem Markt "House of Night – Gezeichnet" so gar nichts Blutrünstiges mehr. Die Hormone sind schuld. Und die hormonellen Wirrungen Heranwachsender werden zur Vampir-Teenie-Story verquirlt – ganz zum Entzücken des vornehmlich weiblichen und jungen Publikums.
"House of Night" statt "Hogwarts"
Denn Frauen haben sich nun auch im Vampir-Genre emanzipiert und den Vampir verweichlicht. Stephenie Meyer stopfte die Marktlücke "Vampire für Mädchen" und trat mit ihrer Romanreihe um Edward Cullen und Bella Swan ihrem Siegeszug in die Bestsellerlisten an. Das Erfolgsrezept beherzigt auch das Autorengespann P.C. Cast und Tochter Kirstin, die mit der neuen Vampirroman-Serie "House of Night – Gezeichnet" in ihre Fußstapfen treten. Die ersten bisher erschienenen sechs Bände haben allein in den USA bereits über acht Millionen Leser gefunden. Und hierzulande hat sich der erste Teil ebenfalls an die Spitze der Bestsellerlisten katapultiert.
Und auch von Joanne K. Rowlings Harry Potter schneidet sich das Mutter-Tochter-Gespann eine Scheibe ab. Schauplatz des Spektakels ist ein Vampir-Internat, "House of Night", statt "Hogwarts". Statt zu Zauberern werden die Schüler zu Vampiren ausgebildet, wenn sie denn die Wandlung überleben...
Die 16-jährige Zoey wird mitten im Schulalltag von einem Vampir-Späher gezeichnet. Von nun an prankt eine unübersehbare blaue Mondsichel auf ihrer Stirn. Sie weiß: Ihr bleibt nicht viel Zeit, um ins House of Night, das Internat für Vampyre (ja, mit ’y’ – Abgrenzungen zu anderen Vampirromanen sind bei so vielen Ähnlichkeiten ja mal hervorzuheben). Nur dort hat sie eine Chance, die Wandlung zu überleben, denn jetzt ist sie gezeichnet. Das bedeutet das unwiderrufliche Ende ihres normalen Lebens mit Freunden und Familie.
Vampiresker Zickenalarm
Die anfängliche Verzweiflung über ihr Schicksal verfliegt schnell. Die Beziehung zu den Eltern ist zerrüttet, seit ihr unerträglicher Stiefvater in die Familie kam. Mit "Fast-Ex-Freund" und Kiffer Heath hat sie sowieso bereits abgeschlossen. Und schnell findet sie neue Freunde und Gefallen an ihrem Vampir-Dasein. Der 08/15-Teenie entpuppt sich sogar als überaus begabt. Denn Zoey ist kein gewöhnlicher Vampyr – sie ist eine Auserwählte der Vampyrgöttin Nyx. Und sie ist nicht die Einzige im House of Night mit besonderen Fähigkeiten.
Aphrodite, Anführerin der "Töchter der Dunkelheit", einem exklusiven Kreis von Vampir-Schülern ist hinterhältig und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Gemeinheiten auch auszuspielen. Bei einer Zeremonie verliert Aphrodite die Kontrolle über heraufbeschworene Geister, die nichts gegen einen Bissen Vampyrschüler einzuwenden hätten. Das ist Zoeys Chance, Aphrodite vom Thron zu stürzen – und die ehrenvolle Aufgabe als angehende Hohepriesterin aufrichtiger anzugehen. Denn sie verfügt über größere Macht als die anderen ahnen. Aber Aphrodite gibt so schnell nicht auf – auch ihren Geliebten Erik nicht, in den sich Zoey längst hoffnungslos verliebt hat.
Zahme Untote, platte Charektere
Auch Vampire sind eben nur Teenager mit ihren alltäglichen Problemchen. Die werden in der Bis(s)-Reihe wie in "Gezeichnet" an dem Mythos Dracula aufgehängt, die Bestien dabei aber so domestiziert, dass ihnen jeglicher Biss fehlt. Sie sind Lebensretter statt todbringendes Monster, Romantiker, überaus schön und damit perfekt auf das junge weibliche Publikum ausgerichtet. Auch wenn die Hauptdarstellerin zur Vampyrin mutiert, sie hat die gleichen Ängste und Nöte die heranwachsende Mädchen haben: Es geht um Unsicherheit, Dazugehörenwollen, Anpassung und Rebellion, um das Entdecken des anderen Geschlechts und um die Veränderungen des eigenen Körpers – alles von der 16-jährigen Protagonistin übertrieben flapsig auf den Punkt gebracht. Die Autorinnen hätten gut daran getan, den Lesern diese Sprache nicht so aufzudrängen.
Die Geschichte plätschert im ersten Band oberflächlich daher ohne allzu viel Tiefgang. Die eigentliche Geschichte wird erst vorbereitet, aber es folgen ja noch einige weitere Bände. Insgesamt sind zwölf geplant. Männlichen Altersgenossen oder echten Genrefans diese Reihe schmackhaft zu machen unter dem Vorwand, es handelt sich um eine Vampir-Story, dürfte aber schwer werden, der Vorwand wird allzu schnell entlarvt. Die werden bei diesem Buch jedenfalls nicht auf ihre Kosten kommen, zu blutleer und zahm kommen die Untoten daher. Der Horror wird in den Hintergrund gedrängt, die Gruselgestalt Vampir auf die Bedürfnisse von Mädchen zugeschnitten – macht aber nichts. Wer die Bis(s)-Tretralogie verschlungen hat, dem wird auch mit der Romanreihe von P.C. Cast und Kirstin Cast unterhaltsamer Lesestoff geboten.

P.C. Cast, Kristin Cast, Gezeichnet – House of Night, 464 Seiten, Verlag: Fischer FJB; 16,95 Euro.

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