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Chronologie eines Steuerskandals : Uli Hoeneß vorzeitig auf freiem Fuß

vom
Aus der Onlineredaktion

Ab 29. Februar ist der frühere FC-Bayern-Präsident kein Häftling mehr. Steigt er wieder groß ein?

shz.de von
erstellt am 18.Jan.2016 | 16:28 Uhr

München | Der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Ex-Präsident und Manager von Bayern Müchen, Uli Hoeneß, wird seine Haft nicht in voller Länge verbüßen. Das Landgericht Augsburg bestätigte den Bericht der „Sportbild“ vom Montag, wonach die zuständige Richterin Simone Zwiener dem Antrag auf vorzeitige Haftentlassung stattgegeben habe. Am 29. Februar soll der gebürtige Ulmer nach 637 Nächten in Haft vorzeitig seine Entlassungsbescheinigung bei der Justizvollzugsanstalt abholen dürfen. Die zweite Hälfte der Haftstrafe wird als Bewährungsstrafe mit einer Dauer von drei Jahren ausgesetzt.

Uli Hoeneß, der sowohl als Provokateur als auch als Wohltäter in Erscheinung tritt, sah sich nach Bekanntwerden seiner Steuerhinterziehung großem Hass ausgesetzt. Sein Richter stand öffentlich stark unter Druck: Es dürfe keinen Promi-Bonus geben, aber es dürfe auch keinen Promi-Malus geben, so der öffentliche Diskurs.


Vorzeitige Entlassung – warum?

Zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon nach 21 Monaten ein freier Mann - wie kann das sein? Genießt der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Uli Hoeneß einen Promi-Bonus? Nach dem Gesetz nicht. Denn die vorzeitige Haftentlassung ist im Strafgesetzbuch eindeutig geregelt.

In Paragraf 57, Absatz 2, heißt es: „Schon nach Verbüßung der Hälfte einer (...) Freiheitsstrafe (...) kann das Gericht die Vollstreckung des Restes zur Bewährung aussetzen, wenn die verurteilte Person erstmals eine Freiheitsstrafe verbüßt und diese zwei Jahre nicht übersteigt oder die Gesamtwürdigung von Tat, Persönlichkeit der verurteilten Person und ihrer Entwicklung während des Strafvollzugs ergibt, dass besondere Umstände vorliegen (...).“

Hoeneß ist zwar Ersttäter und erfüllt damit die wichtigste Voraussetzung für die vorzeitige Entlassung. Allerdings wurde er zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt. Entscheidend ist in dem langen Satz aber das Wort „oder“. Die zuständige Strafvollstreckungskammer am Landgericht Augsburg ging davon aus, dass die dort beschriebenen „besonderen Umstände“ im Fall von Hoeneß zutreffen.

„Die Kammer hat nach Anhörung des Verurteilten entschieden, dass die gesetzlichen Voraussetzungen hierfür vorliegen“, teilte das Gericht mit. In der Pressemitteilung wurde Hoeneß' Bereitwilligkeit gelobt, sich – „trotz seiner Position“ – in das Leben in der JVA zu integrieren. Er habe großen Gesamtschaden angerichtet, aber durch die Zahlung von mindestens 43 Millionen Euro einiges wieder gut gemacht. Durch seinen allgemeinen Stand, der Einschätzung der Gefahr der Rückfälligkeit und sein allgemeines Verhalten als Häftling könne nun verantwortet werden zu erproben, ob „sich der Verurteilte künftig straffrei führen wird.

Seit Juni 2014 verbüßte der Macher des FC Bayern München seine Freiheitsstrafe. Hoeneß hatte durch nicht versteuerte Gewinne bei Börsenspekulationen eine heimliche Steuerschuld in Höhe von 28,5 Millionen Euro angehäuft und war im April 2014 der Steuerhinterziehung für schuldig erklärt worden. Insgesamt zahlte der Fußball-Boss und Würschen-Fabrikant über 50 Millionen Euro Steuern nach. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Mit Spannung wird erwartet, ob Hoeneß nach der Entlassung aus dem Gefängnis bei den Bayern wieder ganz vorne mitmischt oder es bei der Mitarbeit in der Jugendabteilung bleibt. Bereits seit dem 2. Januar 2015 ist Hoeneß Freigänger. Seither verbringt den Tag in München auf dem Vereinsgelände des FC Bayern an der Säbener Straße. Dort arbeitet er als „Assistent der Abteilungsleitung Junior Team“ im Nachwuchsbereich des FC Bayern. Er muss nur noch zum Schlafen hinter Gitter - nicht mehr in Landsberg, sondern im Freigängerhaus Rothenfeld nahe dem Starnberger See, wo die Haftbedingungen deutlich freizügiger sind. An den Wochenenden darf er bei der Familie sein. Nun sieht eines der schillerndsten Gesichter der Bundesliga-Geschichte der vollständigen Freiheit ins Auge.

 

Pikanterweise stehen Ende 2016 Präsidiumswahlen beim FC Bayern an. Nicht nur die Führungsriege, auch viele Fans fragen sich, ob Hoeneß dann seinen berühmt gewordenen Ausruf „Das war's noch nicht“ bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung vor Antritt seiner Haftstrafe wahr macht und bei der Organisation seines beruflichen Lebenswerks wieder ganz vorne mitmischt.

Wie sehr Hoeneß die Bayern-Familie am Herzen liegt, bewies er Anfang Dezember bei der Weihnachtsfeier im Münchner Spiegelzelt von Starkoch Alfons Schuhbeck. Mit Ehefrau Susi saß er inmitten von Vereinsspitze, Spielern und Trainerstab. Bei Gambas, Entenbrust und Lebkucheneis entbot Rummenigge Hoeneß einen „besonderen Gruß“. Teilnehmer der Feier wollen beobachtet haben, dass „der Uli“ den Abend sehr genoss.

Der Fall Hoeneß: Eine Chronologie

Januar 2013 Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an. Zuvor hatte die Bank Vontobel ihren Top-Kunden Uli Hoeneß angeblich vor Recherchen des „Stern“ gewarnt, der seit 2012 Informationen über einen Spitzenmann aus der Fußball-Bundesliga mit Schweizer Bankkonto gehabt haben soll.
20. März 2013 Hoeneß bekommt in seinem Haus am Tegernsee Besuch von den Ermittlern. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Dieser wird gegen Kaution außer Vollzug gesetzt
20. April 2013 Der „Focus“ macht den Fall öffentlich und berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst
21. April 2013 Hoeneß schließt einen Rücktritt als Präsident des FC Bayern München aus. Die Kritik an ihm nimmt zu
23. April 2013 Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet über den Haftbefehl und die Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro.
1. Mai 2013 Hoeneß gibt sich in einem „Zeit“-Interview reumütig.
6. Mai 2013 Hoeneß bleibt nach einem 8:0-Votum der Mitglieder Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG
30. Juli 2013 Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen Hoeneß wegen Steuerhinterziehung
13. November 2013 Hoeneß wird auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern gefeiert
23. Januar 2014 Die Staatsanwaltschaft München lässt bayerische Finanzbehörden wegen des Verdachts der Verletzung des Steuer- und des Dienstgeheimnisses durchsuchen
10. März 2014 Begleitet von einem riesigen Medieninteresse beginnt in München der Prozess. Hoeneß gesteht, 18,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben
11. März 2014 Die Summe der hinterzogenen Steuern wird noch höher - Grundlage sind Berechnungen einer Steuerfahnderin
13. März 2014 Das Landgericht München spricht Hoeneß wegen Hinterziehung von mindestens 28,5 Millionen Euro Steuern schuldig. Er wird zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
14. März 2014 Uli Hoeneß akzeptiert seine Haftstrafe und tritt mit sofortiger Wirkung von seinen Ämtern beim FC Bayern München zurück
2. Juni 2014 Hoeneß tritt seine Haft in Landsberg am Lech an.20. September 2014: Erster Ausgang: Für einige Stunden kann Hoeneß das Gefängnis verlassen, um sich mit seiner Familie zu treffen
24. Dezember 2014 Zu Weihnachten erhält Hoeneß Urlaub und darf zwei Nächte außerhalb der Gefängnismauern schlafen
31. Dezember 2014 Zweiter Urlaub für Hoeneß. Er darf den Jahreswechsel zu Hause verbringen
1. Januar 2015 Hoeneß wird Freigänger. Er muss jetzt nur noch zum Schlafen in die JVA, darf tagsüber außerhalb des Gefängnisses einer geregelten Arbeit nachgehen
24. Februar 2015 Sat.1 beginnt mit den Dreharbeiten zu einer Satire, die an den Fall Hoeneß angelehnt ist. Uwe Ochsenknecht spielt die Hauptrolle. Im Mai beginnt das ZDF mit den Dreharbeiten zu einem Doku-Drama mit dem Titel „Uli Hoeneß - Der Patriarch“.
3. November 2015 Der Anwalt von Hoeneß bestätigt, dass sein Mandant einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung gestellt hat. Eine Freilassung ist frühestens zur Hälfte der Haftstrafe möglich - zum 29. Februar 2016
21. Dezember 2015 Hoeneß ruft beim Radiosender Antenne Bayern an und spendet bei einer weihnachtlichen Spendenaktion 10.000 Euro
8. Januar 2016 Die für das Landsberger Gefängnis zuständige Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Augsburg entscheidet, dass die Haftstrafe zum 29. Februar ausgesetzt wird. Hoeneß erhält eine dreijährige Bewährungszeit.

 

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