Teilmobilmachung in Russland Militärhistoriker: „Putins Drohung ernst nehmen, aber nicht in Panik verfallen“

Von Thomas Ludwig | 21.09.2022, 14:55 Uhr | Update am 21.09.2022

Mit der Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte erreicht der Ukraine-Krieg eine neue Eskalationsstufe. Putin werde nicht tatenlos zuschauen, wenn die durch die „kriminellen Raubzüge“ erzielten Eroberungen bedroht seien, warnt der Militärhistoriker Bastian Matteo Scianna.

Der Militärhistoriker Bastian Matteo Scianna von der Universität Potsdam warnt davor, die russische Androhung atomarer Militärschläge im Ukraine-Krieg zu unterschätzen. Zwar zeige die Teilmobilmachung, „dass Präsident Putin zunächst konventionelle Mittel einsetzen möchte, um die militärische Situation zu seinen Gunsten zu verbessern und seine völkerrechtswidrigen Eroberungen politisch abzusichern“, sagte Scianna unserer Redaktion.

„Bei einem operativen Vorstoß der Ukraine sollte man einen russischen Einsatz taktischer Kernwaffen nie als komplett unrealistisch abtun.“
Bastian Matteo Scianna
Militärhistoriker Universität Potsdam

„Dennoch sollte man bei einem operativen Vorstoß der Ukraine einen russischen Einsatz taktischer Kernwaffen nie als komplett unrealistisch abtun, zumal es Teil der russischen Nukleardoktrin ist, eigenes Gebiet immer auch mit Kernwaffen zu verteidigen“.

Die aktuell getroffenen Maßnahmen zeigten, dass Putin „nicht nur tatenlos zuschauen wird“, wenn die durch die „kriminellen Raubzüge“ erzielten territorialen Hinzugewinne bedroht seien.

Narrativ vom Angriff auf „russisches Territorium“

Mit den Schein-Referenden in den russisch besetzten Gebieten wolle Moskau das „Narrativ stärken, der Westen bedrohe russische Gebiete, und man beschütze die lokale Bevölkerung und sichere die territoriale Integrität“ des Landes, sagte Scianna.

„Eine weitere Offensive der Ukrainer würde somit ‚russisches Territorium‘ treffen, was etwaige Gegenmaßnahmen für Putin einfacher und populärer machen sollen“. Der russische Präsident sei „politisch in der Defensive“.

Offen ist nach Ansicht des Militärhistorikers, welchen Wert die Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte tatsächlich für den weiteren Kriegsverlauf hat.

Scianna sagte unserer Redaktion: „Mit der Heranziehung weiterer Reserven werden vermutlich zunächst die vielfach ausgezehrten Verbände an der Kontaktlinie aufgefüllt oder ersetzt, um diesen eine Pause zuzugestehen. Es ist aber fragwürdig, welchen militärischen Wert die Reservisten haben: Können sie entsprechend ausgerüstet und versorgt werden? Und mit wieviel Begeisterung werden sie ihrer Aufgabe entgegensehen?“

Die westlichen Alliierten sollten angesichts der jüngsten Entwicklung „nicht in Panik verfallen“, betonte Scianna. Sie zeige schließlich, „dass man durch militärische Erfolge, die auch auf westlichen Waffenlieferungen beruhen, Putin in politische Schwierigkeiten bringen kann“.

Noch keine Kommentare