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Silvester in Köln : Übergriffe auf Frauen: Die Nacht der Schande und ihre Folgen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Schock über die sexuellen Übergriffe gewaltbereiter Männerrudel in der Silvesternacht ist groß und lässt fast vergessen, dass sexuelle Übergriffe Alltag sind. Auch in Schleswig-Holstein.

shz.de von
erstellt am 10.Jan.2016 | 11:04 Uhr

„Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Po, dann an meinen Brüsten, schließlich wurde ich überall begrapscht“, schildert eine Frau in Köln. „Die Männer waren so grob. Sie zerrissen erst meine Strumpfhose und dann meinen Slip“, sagt eine Überfallene in Hamburg.

Am Silvesterabend hatten vor dem Kölner Hauptbahnhof rund 1000 Männer vielfache Übergriffe auf Frauen verübt. Die Ereignisse haben der Diskussion um härtere Strafen für Asylbewerber neuen Zündstoff geliefert.

Es sind Übergriffe, die, so die Kölner Polizei, teils Ablenkungsmanöver für Taschendiebstähle waren, eine Masche, die bekannt ist. Doch das, was in der Silvesternacht in deutschen Städten geschah, nennt Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei, „eine völlig neue Dimension der Gewalt“. Die Ratlosigkeit ist mit Händen zu greifen. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, gibt zu Protokoll: „Das war ein organisiertes Vorgehen, eine neue bisher einzigartige Dimension, aber keine organisierte Kriminalität.“

Das Unwohlsein ist gewachsen, auch zehn Tage nach den Taten von Köln oder Hamburg fehlt jede Erklärung für dieses Massen-Phänomen. Und Dinge, die nicht zu erklären sind, machen Angst. Schummerige Passagen, dunkle Parkplätze, Fußgängertunnel: Orte, an denen es Frauen ohnehin schnell mulmig wird, sind mit den Silvester-Ereignissen zu besonders neuralgischen Punkten geworden. Es sind subjektive Empfindungen einzelner Frauen, tatsächliche „No Go Areas“ gibt es in Schleswig-Holstein nicht, da sind sich Polizei und Sozialverbände einig.

Doch leider sind auch im Norden Sexattacken gegen Frauen und junge Mädchen fast alltäglich. Jährlich werden im Land rund 300 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung bekannt, die Zahl ist seit Jahren auf diesem Niveau stabil. Die Opfer sind fast ausschließlich Frauen – laut der Polizeilichen Kriminalstatistik zu über 95 Prozent. Die Aufklärungsquote dagegen sank in den vergangenen Jahren von 81,3 Prozent (2013) auf 76,9 Prozent (2014). Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor. Sexualstraftaten haben in Schleswig-Holstein 0,8 Prozent Anteil an der Gesamtkriminalität, bezogen auf die Gewaltverbrechen sind es jedoch über fünf Prozent.

Sexuelle Gewalt: Ein weltweites Problem
Als „Spitze eines sehr miesen Eisbergs“ bezeichnet die Grünen-Politikerin Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordrhein-Westfalen, die Silvester-Ereignisse. Gewalt gegen Frauen werde zu oft verharmlost. „Wir brauchen eine größere gesellschaftliche Verurteilung dieses männlichen Machtmissbrauchs“, verlangt sie.

Tatsächlich belegen Untersuchungen und Erhebungen, dass Gewalt gegen Frauen zwar in einem Zusammenhang mit dem Wohlstandsgefälle auf der Welt steht – eine vorwiegend muslimische Angelegenheit, wie Reaktionen auf die Übergriffe von Hamburg und Köln glauben machen könnten, ist sie indessen nicht. Weltweit erleiden etwa 35 Prozent aller Frauen Prügel, Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen oder andere Gewalttaten, ging 2013 aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. In Regionen mit einem hohen Durchschnittseinkommen wie Nordamerika, Westeuropa, Australien und Japan sind danach 23,2 Prozent und im restlichen Europa 25,4 Prozent der Frauen Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch Beziehungspartner; in Südostasien 37,7 Prozent, in Afrika 36,6 Prozent.

„Gewalt gegen Frauen ist ein globales Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß“, stellt WHO-Generaldirektorin Margaret Chan fest. 2014 brachte eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zu Tage, dass in den 28 EU-Mitgliedsländern 33 Prozent der befragten Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr Gewalt erlebten; in Deutschland waren es 35 Prozent.

Falscher Diskussionsansatz

Dass die überfallenen Frauen ihre Peiniger aus der Silvesternacht als nordafrikanisch oder arabisch aussehend bezeichnen, macht eine sachliche Diskussion oder Aufarbeitung fast unmöglich. Das Thema ist sensibel in einer Zeit, in der über Höchstgrenzen für Flüchtlinge gestritten wird.

„Flüchtlinge dürfen nicht unter Generalverdacht gestellt werden“, sagt Wendt, aber: „Dieses Verhalten von nordafrikanischen Männern gegenüber Frauen ist ja aus den Berichten von Urlaubern und Journalisten aus den Herkunftsländern nicht fremd.“ Und: „Auch in einigen Flüchtlingsunterkünften gibt es Probleme mit Gewalt, Übergriffen und Missbrauch von Frauen und Kindern.“

Der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht von einer „Grundhaltung, in der aktuellen Flüchtlingsdebatte kein Öl ins Feuer zu gießen. Man will den Rechten keinen Zulauf verschaffen“. Er attestiert der Politik mit ihren Rufen nach der ganzen Härte des Rechtsstaats und schärferen Gesetzen „verbale Kraftmeierei“ und verlangt, dass man sich angesichts der Einwanderungswelle aus Kulturen männlicher Dominanz mehr um junge alleinstehende Männer unter den Flüchtlingen kümmern müsse. Pfeifer spricht von Machokultur, die verhindert werden müsse – und die auch in Deutschland noch nicht allzu lange überwunden ist.

Bis zum Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes 1958 hatten Männer in allen Eheangelegenheiten das letzte Wort. Erst seit 1977 dürfen Ehefrauen auch ohne Einverständnis ihrer Männer berufstätig sein, erst 1979 wurden alle väterlichen Vorrechte in der Kindererziehung beseitigt, erst seit 1997 steht Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe. Bis heute sind tradierte Rollenbilder fest verankert. Wie weiland putzen in der Werbung die Frauen und Meister Propper ist ihr Berater.

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