zur Navigation springen

Theater : Wirr und verstörend: «Parzivalpark» auf Kampnagel

vom

Kunst mit Behinderten läuft Gefahr, die Darsteller zu verniedlichen, sie zur Schau zur stellen oder sich mit political correctness anzubiedern. Das Theatermacher-Duo Nina Ender und Stefan Kolosko steht nicht im Verdacht, in diese Fallen zu tappen - könnte man meinen.

In ihrem «Parzivalpark - Forschungsstandort auf dem Schlachtfeld der Hochleistungsgesellschaft» um die Frage, was ist normal und was darf die Reproduktionsmedizin, bleiben die behinderten Darsteller aber Statisten, agieren maximal als Chor im klassischen Sinne. Die Hauptakteure sind Ender und Kolosko selbst. Das Stück feierte auf Kampnagel in Hamburg Premiere.

Als das Publikum noch auf Einlass in den Saal wartet, tauchen Gestalten überwiegend in weißen Kitteln auf, teils blutverschmiert, teils an Zwangsjacken erinnernd - darunter Ender und Kolosko. Sie erklären, dass auf Betreiben der Pharmaindustrie eine einstweilige Verfügung die Aufführung verhindere. Man befürchte Einbußen in Millionenhöhe, gehe es in dem Stück doch um Abtreibung und Reproduktionsmedizin. Aber Kampnagel lasse sich davon nicht kleinkriegen.

Dann die Erlösung: «Das ist natürlich alles nur Theater. Wir gehen jetzt doch mal rein», verkündet Kolosko. Der Zuschauer fragt sich schon da: «Ja, was ist denn normal, wer von den Darstellern behindert?» Das zentrale Anliegen dieser politischen Theaterperformance, für die die Dramatikerin Ender und der Regisseur Kolosko, der lange mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat, Akteure aus Behinderteneinrichtungen auf die Bühne gebracht haben, ist somit klar.

Im Saal dann ein Mix aus Trödelladen und Gruselschloss auf der Bühne, der Zuschauer aber bleibt ausgesperrt, denn zunächst - und dann immer wieder - spielt sich alles hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang ab. Wenig später sitzen die Akteure an einer langen Tafel, da Vincis «Abendmahl» nachempfunden. Ender und Kolosko spielen - oder sind? - ein Paar, das über ein Kind spricht: Sie will, er hat Probleme mit der Zeugungsfähigkeit, will erst Karriere als Schriftsteller machen.

Ender erzählt von ihrem vorangegangenen Stück mit Demenzkranken, rezitiert aus Wolfram von Eschenbachs «Parzival», der doch auch Autist gewesen sei. Irgendwann gebiert sie auch ein Kind - mit viel Theaterblut und langen triefenden Bändern, die sich um ihre Beine winden. Wenig später sind Ultra-Nahaufnahmen von einer Abtreibung zu sehen - glücklicherweise in Schwarz-Weiß. Schauspieler Thomas Thieme erzählt in einer auf den Vorhang projizierten Sequenz von der Fruchtwasseruntersuchung und der Abtreibung seiner Frau.

Die Zuschauer sind da längst verloren, starren durch den Saal, tippen auf ihren Handys herum, plaudern - wenn sie die Aufführung nicht längst verlassen haben. So wirr, so ohne erkennbare Erzählstruktur geschweige denn -ökonomie passiert da irgendetwas auf der Bühne. Eine Therapiestunde? Ein Sozialprojekt? Eine Performance? Alles ist irgendwie blutverschmiert. Die Kritik ist angekommen, das Publikum verstört bis genervt.

zur Startseite

von
erstellt am 17.Okt.2013 | 10:17 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen