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Theater : Willy Brandt: Zwischen Melancholie und Weltpolitik

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Arbeiterkind, Widerstandskämpfer im Exil, Bundeskanzler, Friedensnobelpreisträger: Willy Brandts Leben böte Stoff für mehrere Theaterstücke. Der Österreicher Michael Wallner ist das Wagnis eingegangen, Brandts Biografie in ein einziges Stück zu kleiden.

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erstellt am 07.Sep.2013 | 11:37 Uhr

Herausgekommen ist «Willy Brandt - Die ersten 100 Jahre», eine Art Revue mit Musik, mal ernsthaft und mal komisch. Sie zeigt in Schlaglichtern Lebensstationen des vor 100 Jahren in Lübeck geborenen Politikers. Nach der Uraufführung in Brandts Geburtsstadt gab es langanhaltenden Applaus für das Stück und die Akteure.

Unter den Zuschauern war neben lokaler und regionaler SPD-Prominenz auch Schleswig-Holsteins SPD-Landesvorsitzender Ralf Stegner. Bundespolitische Parteiprominenz ließ sich dagegen wegen des Wahlkampfes entschuldigen. Das Publikum erlebte einen kurzweiligen Theaterabend, der neben Unterhaltung auch nachdenkliche Momente bot: Die innerparteilichen Machtkämpfe, die 1974 ebenso zum Sturz des Bundeskanzlers Brandt geführt haben wie die Affäre um den DDR-Spion und Kanzlerreferenten Günter Guillaume. Nachdenklich stimmt auch der Schlusssatz, wenn Brandts Leben 1992 in Unkel bei Bonn zu Ende geht und es heißt: «Wie viele Mauern gibt es noch auf der Welt. Es wäre doch schön, wenn alle so friedlich fallen würden wie die deutsche.»

Das Publikum erlebt einen über weite Strecken müden, ausgelaugten, von Selbstzweifeln geplagten Brandt, großartig gespielt von Andreas Hutzel. Der sieht dem früheren Bundeskanzler zwar kaum ähnlich, beherrscht aber dafür seine charakteristische Sprechweise und Gestik perfekt. Für die dunkle Seite Brandts steht die «Dunkelheit», die ihn als innere Stimme durchs Leben begleitet. Sara Wortmann spielt diese allegorische Figur ganz in Schwarz gekleidet (Kostüme: Tanja Liebermann) sehr eindringlich und mit vollem Körpereinsatz. Die von Heinz Hauser gestaltete Bühne ist nur sparsam möbliert, ein halb durchsichtiger Vorhang teilt die Bühne in die Ebenen von Gegenwart und Vergangenheit, von Traum und Wirklichkeit.

Das Stück beginnt im Frühjahr 1974 kurz vor dem Rücktritt Brandts und endet mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, in dem Brandt wenige Jahre vor seinem Tod die späten Früchte seiner Ostpolitik erblicken konnte. Dazwischen gibt es immer wieder Rückblenden, die in Brandts Kindheit, seine Zeit im norwegische Exil und als Regierender Bürgermeister von Berlin zur Zeit der Berlin-Krise und des Mauerbaus führen. Bei dieser sprunghaften Reise durch die Zeitgeschichte setzt Wallner Vorkenntnisse voraus. Denn nicht alle Protagonisten sind so klar zu erkennen wie Hans-Dietrich Genscher mit gelbem Pullunder (Peter Grüning), Herbert Wehner (griesgrämig und mit Pfeife: Robert Brandt) oder Günter Grass (Timo Tank).

Eine Spezialität von Schauspielinszenierungen am Lübecker Theater ist die Musik. Für «Willy Brandt - Die ersten 100 Jahre» hat Willy Daum eine Bühnenmusik geschrieben. Aus der Kanzlerschaft Brandts macht er eine Minioper mit Rezitativen und Arien. Musikalisch ist das ein netter Einfall, auch wenn nicht alle Schauspieler wirklich gut singen können. Einige Szenen bewegen sich allerdings an der Grenze zum Klamauk, etwa wenn Brandt und der russische Bär Leonid Breschnew die Ostverträge in einem Sumo-Ringkampf aushandeln. Möglicherweise will Wallner mit solchen Szenen andeuten, dass Brandt auch eine Menge Sinn für Humor hatte. Dem Publikum im nicht ganz ausverkauften Großen Haus hat es jedenfalls gefallen.

Theater Lübck

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