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Theater : «Vortex Temporum»: Der Musik beim Entstehen zusehen

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Die Halle 4 in der Bochumer Jahrhunderthalle ist nackt und leer. Nur auf dem Boden überschneiden einander wie mit spröder Kreide gezeichnete Kreise, als hätte jemand mit einem riesigen Zirkel experimentiert.

Kühle Arbeitsbeleuchtung taucht die Bühne in fahles, manchmal fast verlöschendes Licht. Das ist die karge Szenerie für Anne Teresa De Keersmaekers neue Choreografie «Vortex Temporum», die letzte Uraufführung der diesjährigen Ruhrtriennale.

Die gefeierte flämische Choreografin ist bekannt für ihren analytischen, ja sezierenden Umgang mit der Musik. Diesmal hat sie sich für ein mystisches Grenzwerk der Neuen Musik entschieden: «Vortex Temporum» - was soviel heißt wie «Zeitstrudel» -, das Vermächtnis des 1998 verstorbenen französischen Komponisten Gérard Grisey.

Die ersten gut zehn Minuten des Abends überlässt De Keersmaeker allein dem belgischen Neue-Musik-Ensemble «Ictus» und dessen Atem beraubend souveräner Ausführung von Griseys spröder, geräuschlastiger Musik. Dann kommen die sieben Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie «Rosas» auf die Bühne und positionieren sich genau da, wo vorher die Musiker spielten.

Ohne Musik entwickeln sich erste, vorsichtige Tanzbewegungen, die wie immer bei De Keersmaeker mehr aus Alltagsbewegungen als aus Tanzgesten abgeleitet sind. Es ist, als würden die Tänzer den gerade gehörten ersten Satz von Griseys mal eruptiver, mal an der Grenze zum Stillstand verharrender Musik nachtanzen.

Als die Musiker zurückkommen, fließen Musik und Tanz zusammen in ein magisches Geflecht unlösbarer Konstellationen. Es kommt zu Paarbildungen zwischen den Tänzern und den Musikern, die zum Teil der hoch präzisen, dabei oft improvisiert wirkenden Choreografie werden. Alle Akteure reagieren mit höchster Sensibilität aufeinander, so dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob die Musiker die Tänzer in Bewegung bringen oder die Tänzer mit ihren ganz urtümlich wirkenden Bewegungen die Musik selbst hervorbringen.

So entsteht der faszinierende Eindruck, als würde man der Musik selbst bei ihrem Entstehen zuschauen. Und zwar absoluter Musik, die nur sich selbst genügt und nichts ist als Klang und Rhythmus. Die Tänzer reagieren darauf mit purer Bewegung, die zugleich absichtslos wirkt und doch hoch verdichtet ist. De Keersmaeker erzählt keine Geschichte, die Tänzer äußern weder Befindlichkeiten noch Gefühle, und sind doch jeder für sich äußerst individuell präsent, wenn auch mit eher strenger, fast abweisender Ausstrahlung.

Das Publikum in der Bochumer Jahrhunderthalle folgt dem hoch abstrakten und dennoch unmittelbar zugänglichen Geschehen mit gespannter Konzentration, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Am Schluss verebben Musik und Bewegung, das Licht geht aus und es folgt eine lange Stille, bevor zögerlich der Applaus einsetzt, der sich dann rasch zu einhelliger Begeisterung steigert. Ein starker Abend.

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erstellt am 04.Okt.2013 | 17:47 Uhr

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