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Theater : Stemanns verrückte «Kommune der Wahrheit»

vom

Vor dem Thalia-Theater steht ein Mann im beigefarbenen Hosenanzug und verkündet die Nachrichtenkommentare des Tages durch ein Megafon: «Jetzt hat auch Peer Steinbrück sein Markenzeichen: den Stinkefinger» oder: «Der bayerische Landtagswahlkampf entpuppte sich als harmloses Scharmützel.»

shz.de von
erstellt am 15.Sep.2013 | 10:57 Uhr

Neugierig bleiben die ankommenden Theaterbesucher stehen, hören interessiert zu, bis der Musikzug Halstenbek vorbeikommt und «Ja, wir sind mit' m Radl da!» anstimmt. In einem Fenster über dem Eingang steht eine Frau mit Megafon und brüllt hinunter: «Wir machen ab jetzt die Welt, wie sie uns gefällt. Ab sofort ist die Wirklichkeit abgeschafft. Willkommen in der Kommune der Wahrheit!» Passanten bleiben stehen: «Was ist denn hier los? Eine Demo?», fragen sie.

Nein, keine Demo. Erfolgsregisseur Nicolas Stemann, eher bekannt für seine Klassiker-Adaptionen und Interpretationen von Texten der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek, hat mit seinem verrückten Nachrichtentheater «Kommune der Wahrheit» in Hamburg Station gemacht. Die unterhaltsame Theaterperformance, die in statischer Form schon bei den Wiener Festwochen zu sehen war, beschäftigt sich mit der Vielfalt an Informationen, die täglich auf uns einstürmen, und wie wir damit umgehen.

Noch bis Dienstag setzt sich der Regisseur mit seinem Team dem Strom der Nachrichten aus. Ziel ist es, wie der 44-Jährige wenig später im Foyer verkündet, eine «Wirklichkeitsmaschine» zu installieren, mit der es möglich sei, «die jeweiligen Ereignisse unmittelbar in theatrale und künstlerische Energie umzuwandeln».

Dafür haben sich die Mitglieder der Kommune, allen voran die Schauspieler Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph und Patrycia Ziolkowska, auf den Fluren und Foyers des Theaters verteilt. Im Eingangsfoyer, dem Generator-Raum, sitzt links ein Kommunenmitglied auf einem «Nachrichtenfahrrad», rechts ein anderes unter der «Nachrichtendusche». Dabei soll «der Strom der Nachrichten aus der Dusche in den Kopf geleitet und von dort in die Netze und die Köpfe der anderen eingespeist werden».

Im Logenrangfoyer agiert Daniel Lommatzsch in einer Telefonzelle und versucht, «die Energie der Wirklichkeitsmaschine in die Wohnzimmer der Menschen zu senden», indem er Leute anruft. Und im Mittelrangfoyer, der Schaltzentrale, singen Kommunenmitglieder zu Nachrichten aus Syrien «Oh, Diktator» auf die Melodie des Gefangenenchores aus «Nabucco».

Bei etlichen Theaterbesuchern stoßen sie damit auf Unverständnis: «Und dafür haben wir auch noch Geld bezahlt», stellt eine Besucherin fest, während eine andere meint: «Nein, bitte nicht noch mehr Informationen, wir sind sowieso schon völlig verwirrt.» Andere sind begeistert: «Ich find's spannend. Erfrischend strange», meint Maike Bartl, 41, aus Hamburg. Und der 26-jährige Marvin ergänzt: «Ich bin überwältigt von dem, was so ein Staatstheater machen kann. Was für eine verrückte Maschine daraus wird.»

Als die Show nach 75 Minuten auf der Bühne weitergeht, bleiben etliche Plätze leer. Und so erfahren die, die schon nach Hause gegangen sind, nicht, wie das Experiment zu Ende gegangen ist: «Wir wollten die Nachrichten transformieren - stattdessen haben die Nachrichten uns transformiert», stellen die Kommunemitglieder auf einer riesigen Videoleinwand fest.

Thalia-Theater

Kommune der Wahrheit

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