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Theater : Rimini Protokoll: Krieg in allen Facetten

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Das Kollektiv Rimini Protokoll vermittelt dem Zuschauer bei der Ruhrtriennale nicht nur ein neuartiges und ungewohntes Theatererlebnis. Die preisgekrönte Gruppe hat mit «Situation Rooms» auch ein engagiertes Antikriegsstück geschaffen.

«Situation Room» - so heißt der Raum im Weißen Haus, in dem US-Präsident Barack Obama und sein Stab im Mai 2011 live am Monitor die Erstürmung des Verstecks von Terrorführer Osama bin Laden verfolgten. In der Turbinenhalle in Bochum hat Rimini Protokoll für ein «Multi-Player-Videostück» ein Labyrinth von Räumen geschaffen, durch die je 20 Zuschauer gelotst und in «Situationen» gebracht werden, die alle mit Krieg zu tun haben.

Das Besondere: Jeder «Zuschauer» bekommt einen mobilen Bildschirm und einen Kopfhörer und schlüpft in den einzelnen Räumen für je sieben Minuten in die Rolle eines der ebenfalls 20 Protagonisten. Sie alle haben mit Krieg und Waffen zu tun: Der französische Waffenhändler, der Arzt, die sudanesische Flüchtlingsfamilie, die Friedensaktivistin, der indische Kampfpilot.

Am Anfang steht ein Feldlazarett. Ein Chirurg aus Deutschland berichtet, wie er im vom Bürgerkrieg verheerten afrikanischen Land Sierra Leone am Fließband operiert. Es suchen weit mehr Verletzte Hilfe, als er operieren kann, er muss auswählen. Diese Auswahl ist grausam, mitunter ein Todesurteil. Eine Situation, unausweichlich.

Ein junger israelischer Soldat nimmt den Zuschauer mit auf Streife in Gaza. Er versteckt sich auf Wache, um kein Ziel zu geben, und fragt: «Was ist besser? Der Feind erschießt mich oder ich ihn?» Ein Techniker erklärt die Wirkungsweise von Drohnen - es sei doch billiger und effektiver, mit unbemannten, ferngesteuerten Flugzeugen Menschen zu töten als mit Hubschraubern. Kein Pilot werde gefährdet.

Eine andere Szene rückt den Linken-Abgeordneten des Bundestages Jan van Aken in den Mittelpunkt. Der ehemalige Biowaffen-Inspekteur bei den Vereinten Nationen (UN) wendet sich gegen den Export deutscher Waffen. Der dpa-Fotograf Maurizio Gambarini berichtet von seinen Erlebnissen im Kongo, Irak und in Afghanistan. Im Irak fragten amerikanische Journalisten am Abend nicht «How was Your day?» (Wie war dein Tag), sondern «How was Your war?» (Wie war dein Krieg).

In knapp eineinhalb Stunden durchlaufen die Zuschauer 20 Situationen in meist kleinen und schmutzigen Räumen. Die Collage weist keinen Ausweg, plädiert aber gleichwohl für ein Ende des unmenschlichen Wahnsinns. Die Wirkung ist umso bedrängender, weil jeder Zuschauer von den anderen isoliert wird. Man sitzt allein im «Situation Room» und trifft dort virtuell als Video auf dem iPad den Kriegs-Experten. Am Schluss der Episode folgt der Hinweis, wohin man weiter wandern soll.

Die Theatermacher von Rimini Protokoll - Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel - bezeichnen ihr Stück als «multiples Simultan-Kino» mit multiperspektivischen «Shootings». Wie immer arbeitet das Team nicht mit Schauspielern, sondern mit «Experten des Alltags». Die Wirkung ist erschütternd. Man fragt sich, lange bevor die «Aufführung» zu Ende ist, was man selbst tun könnte. Theater kann kaum unmittelbarer wirken.

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erstellt am 27.Aug.2013 | 10:17 Uhr

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