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Theater : Politkomödie «Jalta» in Düsseldorf

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Schauplatz Jalta auf der Krim: In dem mondänen Badeort treffen sich im Februar 1945 die Staatsmänner Stalin, Churchill und Roosevelt, um die Nachkriegsordnung zu bestimmen.

Für den schwedischen Dramatiker Lucas Svensson (40) ist das historische Ereignis Grundlage für seine Komödie «Jalta», die am Samstagabend im Düsseldorfer Schauspielhaus herausragend uraufgeführt wurde.

Svensson charakterisiert seine Figuren einfach, fast simpel, alle sind von der verantwortungsvollen Aufgabe völlig überfordert: Stalin ist offenbar schwer gemütskrank, vermutlich sogar verrückt, Churchill trinkt viel zu viel und leidet unter kindischen Anwandlungen, ähnlich wie Roosevelt, dem geografische Kenntnisse fehlen; fatal, wenn man Europa neu aufteilen soll.

Eigentlich möchte Roosevelt das gar nicht, er würde es gern Fachleuten überlassen - zumal er stark mit sich selbst beschäftigt ist. Sein Selbstwertgefühl hat schrecklich gelitten, nachdem er an Kinderlähmung erkrankt ist. Eine Steilvorlage für Stalin, der sich gern durchsetzt.

Svensson ordnet seinen drei Hauptpersonen drei Attachés zu: Lavrentij ist Stalin hündisch ergeben, im Wortsinn, er nimmt es sogar hin, dass der Diktator, aus seiner Laune heraus, Lavrentijs Frau ermorden lässt. Harry verachtet seinen Chef Roosevelt, er hat längst dessen brüchiges Selbstbewusstsein erkannt und schmiert ihm, wenn der Präsident das braucht, Honig ums Maul. Smith überwacht den Whisky-Konsum von Churchill, nicht immer erfolgreich. Smiths Versuche, Churchills Fehler zu korrigieren, scheitern, weil der Chef sich natürlich nicht von einem Nachgeordneten hineinreden lassen kann. Nie! Prinzipiell!

Es geht um viel, Svensson rückt das Schicksal Polens in den Mittelpunkt. Die Polen fallen in die sowjetische Einflusssphäre, weil Churchill nicht aufpasst, überfordert oder/und einfach (zu) betrunken ist. Stalin haut ihn übers Ohr.

Ist das nun ein Stoff für eine Komödie? Ist es nicht vielmehr eine Tragödie, wenn die Völker der Welt dem Urteil von zwei kindischen alten Männern und einem Verrückten ausgesetzt sind?

Die Inszenierung von Ex-Intendant Staffan Valdemar Holm (55) gibt dem Dramatiker zunächst Recht, der sein Schauspiel als Komödie bezeichnet. Es ist ein Vergnügen, überlebensgroßen Staatsmännern dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück vom Sockel geholt werden.

Dazu hatte Regisseur Holm die Idee, fast alle Rollen von Frauen spielen zu lassen. Scharfsinnigere Kritiker des starken Geschlechts gibt es nicht. Sie wissen alles - und was sie nicht wissen, ahnen sie.

Welche schauspielerischen Finessen nun Imogen Kogge (Churchill), Karin Pfammatter (Roosevelt), Stina Ekblad (Stalin) und ihre Spießgesellinnen ersonnen haben, um diese starken Männer auf Normalmaß zurückzustutzen, das ist ein Spaß - und ein Vergnügen, geistreichen Schauspielerinnen, die zu den Spitzen ihres Fachs gehören, zuzuschauen.

Nach der ersten Hälfte kippt die Komödie, sie wird rätselhaft, absurd, bekommt tragische Züge. Kein Wunder, wenn die führenden Politiker von ihren Aufgaben überfordert werden. Am Anfang wirft Churchill die Frage nach der Demokratie auf und am Ende wird sie mit den gleichen Worten wiederholt – dringlich.

Die Zuschauer sollen die Frage beantworten. Am Vortag der Bundestagswahl war das eine Mahnung. In der Uraufführungsinszenierung von Holm wirkt sie unabweisbar. Der Autor, sein Regisseur und das bestens aufgelegte Ensemble können verdienten Beifall verbuchen.

Infos zum Stück am Schauspielhaus

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erstellt am 22.Sep.2013 | 11:57 Uhr

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