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Musik : Masur: Ich bin vorsichtig mit den Plänen

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Insel Usedom (dpa) – Das Gehen fällt ihm schwer. Doch im Konzertsaal entwickelt Kurt Masur seine bekannte Präsenz. Die Kraft, sagt der 86-Jährige Stardirigent, schöpfe er aus der Musik.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2013 | 11:03 Uhr

Erstmals nach seinem Sturz vor sieben Monaten in Tel Aviv steht Kurt Masur wieder im Konzertsaal – in einem Sonderkonzert zum 20. Usedomer Musikfestival in Peenemünde auf der Insel Usedom. Zuvor unterrichtet er dort Nachwuchsdirigenten in einem Meisterkurs.

Die Nachrichtenagentur dpa sprach mit der Dirigentenlegende über Überraschungen, das Orchestersterben und die Kraft von Volksliedern.

Frage: Sie leiten einen Meisterkurs mit Nachwuchsdirigenten. Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit mit dem Nachwuchs?

Antwort: Das ist das Wichtigste überhaupt. Ich bin jetzt in einem Alter, wo du denken musst, irgendwann hörst du auf. Wo sind die, die das weiterführen? Ich habe es immer als Gewinn betrachtet, in einen Austausch zu kommen mit jungen Dirigenten, die ihre eigenen Gedanken erarbeiten, die mich überraschen und Fragen stellen.

Frage: Können Sie einen dieser Momente schildern, in denen ein junger Dirigent Sie überrascht hat?

Antwort: Ich bin ein Dirigent für Mendelssohn, ich erinnere mich an einen Meisterkurs, ein junger Dirigent dirigierte die Schottische Sinfonie und machte im letzten Satz ein paar Tempiübergänge, auf die ich bisher in all den Jahren noch gar nicht gekommen war. Er hatte Recht. Und das war das Kuriose, davon habe ich profitiert.

Frage: Was wollen Sie jungen Nachwuchsdirigenten auf den Weg geben?

Antwort: Dirigiere nicht, um dich zur Schau zu stellen. Dirigiere, um das Werk aufzuführen, mit dem du dich identifizierst. Und versuche immer die Verständlichkeit des Spiels des Orchesters darauf einzustellen, dass auch für den unvorbereiteten Zuhörer neue und frische Eindrücke entstehen und er das Gefühl hat: Ich habe begriffen, worum es dem Komponisten geht.

Frage: Hat sich die Beziehung zwischen Dirigent und Orchester in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Antwort: Die Rolle des Dirigenten musste sich verändern, weil die Orchester viel stärker geworden sind. Früher war der Dirigent eine Art Diktator, er war unangreifbar. Das ist heute nicht mehr der Fall. Heute geht es darum, die Partnerschaft zwischen Dirigent und Orchester so stark zu machen, dass das Orchester intuitiv dem Dirigenten in dem folgt, was dieser gerne möchte.

Frage: Die Deutsche Orchestervereinigung beklagt, dass seit 1992 rund ein Fünftel der Orchester – vor allem kleinere - dem kommunalen Sparzwang zum Opfer gefallen sind. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Antwort: In Deutschland haben wir damit etwas aufgegeben, was in der Welt eine Art Monopolstellung war. Man hat früher auch die kleinen Orchester respektiert, weil sie mit großem Verantwortungsbewusstsein musiziert haben. Wenn Oberbürgermeister Orchester streichen, weil das Geld spart, dann hat das mit Kultur nichts mehr zu tun. Das ist kriminell.

Frage: Was sollte man dagegen tun?

Antwort: Das ganze musikalische Erziehungssystem muss wieder lebendig gemacht werden. Es ist sagenhaft, dass es Schulen gibt, in denen man keinen Musikunterricht hat, weil die Lehrer fehlen. Das Singen deutscher Volkslieder ist verloren gegangen durch die Achtlosigkeit aller: durch die Presse, die Musikschulen, Lehrer. Es sind Dinge verloren gegangen, die für uns wertvoll waren und sind, wie die Gemeinsamkeit des Musizierens. Wenn sich Mütter wieder angewöhnen würden, für ihre Kinder ein kleines Schlaflied zu singen, dann würde sich das Kind nach 30 Jahren noch erinnern. Es wird ein Leben lang davon profitieren. Hits oder Schlager sind keine Volkslieder. Heute wird am Radioknopf gedreht, das ist alles sehr hübsch. Aber es ist nicht dasselbe, als wenn ich mit Freunden singe.

Frage: Was sind Ihre Pläne für die nächsten Monate?

Antwort: Ich bin derzeit ein bisschen vorsichtig mit den Plänen. Sie haben gesehen, dass ich mit einem Stock in den Raum gekommen bin. Ich bin nicht mehr sehr gut auf den Beinen nach den beiden Unfällen. Was mir heute am wichtigsten ist, ist die Sorge um die jungen Dirigenten, um den Nachwuchs. Es sind weitere Meisterkurse geplant.

Frage: Ein Konzert ist konditionell sehr anstrengend, wo nehmen Sie die Kraft her?

Antwort: Wenn man im ständigen Dirigieren ist, dann ist das nicht anstrengend. Ich bin aus der Zeit trainiert, als ich zwischen den New Yorker Philharmonikern und dem Gewandhausorchester in Leipzig pendelte. Man nimmt die Kraft aus der Musik. Wenn die Menschen wüssten, wie viel Kraft man aus der Musik ziehen kann!

Usedomer Musikfestival

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