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Theater : Lilienthal soll Kammerspiel-Chef werden

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Es ist eine winzige Anekdote, die einen kleinen Vorgeschmack gibt, auf das, was da künftig kommen könnte an den Münchner Kammerspielen. Matthias Lilienthal schaut etwas verdutzt und sagt. «Ich kriege in München böse Blicke ab, wenn ich über eine rote Ampel gehe... was ich eigentlich immer tue.»

Der Berliner soll von 2015 an Intendant der Münchner Kammerspiele sein. In einem so bürgerlichen Umfeld wie der Münchner Maximilianstraße hat er noch nie gearbeitet. Aber ein bisschen Fremdheit zwischen der Stadt und dem Intendanten ihres Theaters sei doch gar nicht so verkehrt.

Lilienthal ist 53 Jahre alt und hat ein Faible für die Enfants terribles der deutschen Theaterszene. Fast zehn Jahre lang war er der Dramaturg von Frank Castorf an der Volksbühne Berlin, als die ihre Hochzeit hatte. Er gilt als Entdecker von niemand Geringerem als Christoph Schlingensief. «Er hat immer Neues gesucht und vor allem auch Neues gefunden», sagt Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers und nennt Lilienthal «einen der zukunftsweisendsten und wandlungsfähigsten Theatermacher unserer Zeit».

Erst 2012 wurde das Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) unter Lilienthals Leitung von den Kritikern der Zeitschrift «Theater heute» zum «Theater des Jahres» gekürt. Sein neues Haus, die Kammerspiele, erhielten die Auszeichnung in diesem Jahr unter ihrem Chef Johan Simons, der von 2015 an lieber Intendant der Ruhrtriennale sein will, um näher bei seiner Familie in den Niederlanden sein zu können.

Die Fußstapfen, in die Lilienthal tritt, sind also groß, doch seine Schuhe sind es auch. Bislang ist er zwar nur der Wunschkandidat von Küppers, doch seine Wahl im Kulturausschuss des Stadtrates am 26. September gilt als sicher; einen Gegenkandidaten gibt es nicht. «Matthias Lilienthal wird Intendant der Münchner Kammerspiele», überschreibt das Kulturreferat am Montag überzeugt seine Mitteilung.

Er will an die erfolgreiche Arbeit von Frank Baumbauer, dessen Dramaturg er übrigens von 1988 bis 1991 am Theater Basel war, und Johan Simons anknüpfen, sagt Lilienthal. International soll das Haus bleiben - und vielleicht noch ein bisschen internationaler werden. «Belgien und die Niederlande möchte ich zum Beispiel durch Paris und Tokio ergänzen.»

Das zu glauben, fällt angesichts seiner jüngsten Projekte nicht schwer. Bereits zum zweiten Mal leitet er das Festival «Theater der Welt», das 2014 in Mannheim stattfinden soll. 2012 ging er als Professor nach Beirut - eine Stadt mit noch mehr Bürgerlichkeit und Glamour als München, wie er sagt.

Doch das ist noch nicht alles, was Lilienthal vorhat. Dafür, dass er noch gar nicht offiziell als Nachfolger bestätigt ist und sein Amt erst 2015 antreten soll, sind seine Pläne schon ziemlich konkret. «Ich werde versuchen, auch sehr lokal zu sein.» Joseph Bierbichlers «Mittelreich» würde er ganz gerne in München inszenieren, sagt er. Ansonsten kann er sich ungewöhnliche Projekte wie das Berliner Format «X Wohnungen» mit theatralen Führungen und Performances auch in München vorstellen, wo er mehr junge Leute und mehr Migranten ins Theater holen will. Die Mitarbeiter der Kammerspiele hätten ihn sehr freundlich begrüßt, sagt er. «Die Leute haben Lust auf ein solches Abenteuer.»

Bis es soweit ist, hat Simons aber noch zwei Spielzeiten vor sich. «Ich werde die Maschine noch antreiben, damit er in ein Haus kommen kann, das richtig lebt», sagt der Intendant, der sich über seinen Nachfolger richtig zu freuen scheint. Und einen Tipp hat er auch noch für ihn: Die Maximilianstraße könne man ganz gefahrlos auch ohne Ampel überqueren - und ohne zu schauen. Das mache jeder. «Das hat damit zu tun, dass die Leute zeigen, sie sind da.»

Münchner Kammerspiele

«Theater heute» auf Kultiversum

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erstellt am 16.Sep.2013 | 15:51 Uhr

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