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Theater : Intendant Petras: Erschlagen von Aufmerksamkeit

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Neuer Intendant, andere Regisseure, weitgehend neues Ensemble - das Stuttgarter Schauspiel startet am 25. Oktober runderneuert in die erste Spielzeit unter der Leitung von Armin Petras.

«Das soll anstrengend sein, das wird intensiv, aber niemals lau», versprach der 49-Jährige im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Petras kam vom Berliner Maxim Gorki Theater nach Stuttgart.

Frage: Geht es gar nicht ohne Mütze? Antwort: Nee. Geht nicht. Ich habe aber eine Wette laufen. Wenn wir den Altersdurchschnitt unserer Zuschauer in den nächsten Jahren nicht um drei Jahre senken, gibt es ein Foto ohne Mütze.

Frage: Wächst die Nervosität?

Antwort: Es geht noch, aber man spürt es langsam. Natürlich. Wir sind uns alle darüber im Klaren, dass die Eröffnung ein besonderes Aushängeschild sein wird. Aber wir freuen uns darauf, dass das Haus sich nun bald mit Leben füllt.

Frage: Für jemand aus dem coolen Berlin ist Stuttgart...

Antwort: Die Stadt ist kleiner, aber das Theater ist größer. Für uns ist das keineswegs die kleinere Aufgabe. Wir haben uns während der Vorbereitungszeit zwei Jahre lang inhaltlich auf Stuttgart zubewegt. Jetzt, wo wir da sind, spüren wir, dass es eine große Vorfreude gibt - und eine Freundlichkeit, die ich so aus Berlin nicht kenne.

Frage: Vergleichen Sie bitte mal Stuttgart und Berlin...

Antwort: Es gibt hier viele ganz alltägliche Dinge, die mich begeistern: Dass ich bis zur Probebühne 20 Minuten mit dem Fahrrad durch den Park fahren kann zum Beispiel. Oder die Bäder, den Blick von den Hügeln in die Stadt. Ansonsten ist Berlin meine Heimat, nach Stuttgart bin ich gekommen, um neue Themen und Geschichten zu entdecken: «Das kalte Herz» ist eine der großartigsten Geschichten über Kapitalismus und die zerstörerische Kraft des Geldes. In Berlin hätte ich das wahrscheinlich nicht inszeniert.

Frage: Und die Menschen?

Antwort: Mich fasziniert das Vorhandensein einer lokalen Bürgerschaft, die sich ihrer Stadt gegenüber in der Verantwortung sieht; das habe ich so noch nicht erlebt. Als ich aus Berlin kam, war ich erschlagen von so viel Aufmerksamkeit und Interesse. Interesse an Nähe - das bin ich überhaupt nicht gewöhnt. In Berlin gibt es Interesse an Ellenbogen. Was mir besser bekommt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Frage: Wie sieht es mit Ihren Zielen aus?

Antwort: Ich habe einen Vertrag über fünf Jahre und will diese Zeit intensiv nutzen. Zwei Dinge sind dabei wichtig: Das eine ist, dass wir innerhalb des Hauses zu einem starken Team zusammenwachsen. Der andere Punkt ist, dass die Stadt nach fünf Jahren sagt, das ist etwas Besonderes, was hier passiert ist. Das soll anstrengend sein, das wird intensiv, aber niemals lau. Das werden kraftvolle künstlerische Positionen sein. Alles hat mit uns hier etwas zu tun.

Frage: Worauf hat sich das Publikum einzustellen?

Antwort: Jeder Neustart bringt neue Regiehandschriften mit sich, neue Gesichter auf der Bühne, neue Ästhetiken, eine Neudefinition dessen, was Theater kann und soll. Wir haben viele Stoffe auf dem Spielplan, die aus der Region stammen. Gleichzeitig ist das Schauspiel Stuttgart seit dieser Spielzeit Mitglied der Europäischen Theaterunion, was unsere internationale Ausrichtung stärken wird. Wir werden Produktionen realisieren, die sich im Grenzbereich zur Musik und zum Tanz bewegen. Auch die Nähe zu Oper und Ballett wird wichtiger werden.

Frage: Die Faust ist weg - und damit auch das politische Theater?

Antwort: Die Frage ist, was die Definition für politisches Theater ist. Ich schätze sehr, was Hasko Weber und Volker Lösch gemacht haben, aber ich möchte auf der Bühne zunächst mal Fragen stellen und nicht Antworten geben.

Frage: Wozu braucht es diese erschreckende Optik?

Antwort: Wir suchen nach Spuren auf der Landkarte der Menschheit und der Region, von der Höhlenmalerei über die grafischen Arbeiten Willi Baumeisters bis hin zum körperlichen Ausdruck: dem Pinselstrich, dem Tintenklecks. Erschrecken wollen wir niemanden. Aber erstaunen und irritieren ist durchaus Sinn und Zweck von Kunst. Wir sind ja nicht bestellt worden, um Traditionen abzubilden. Wir wollen Spuren aus alten Zeiten für das Heute sichtbar und fruchtbar machen. Wir wollen eine Lupe auf die Region hier richten, die Besonderheiten herausholt und fürs Heute vergrößert.

Frage: Brauchte es so starke Veränderungen im Ensemble?

Antwort: Ich freu mich auf die Kollegen, die hierbleiben, habe aber auch den Eindruck, dass das Publikum sehr neugierig ist auf neue Gesichter. Dass Schauspieler wie Franziska Walser, Edgar Selge oder Peter Kurth hier fest im Ensemble sind, ist eine starke Geste, auch an die Stadt.

Schauspiel Stuttgart

Vita Armin Petras

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erstellt am 22.Okt.2013 | 08:53 Uhr

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