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Musik : Hintersinnige Liederabende: Franz Wittenbrink wird 65

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Ob er den 65. groß oder klein feiert, hat Franz Wittenbrink noch überlegt. «Dann habe ich mich entschieden: extrem klein - nur mit der Familie», erzählt der Theatermacher.

shz.de von
erstellt am 23.Aug.2013 | 13:23 Uhr

Seine drei erwachsenen Töchter sind dabei, wenn er am Sonntag (25. August) den Geburtstag begeht. Nicht im heimischen Hamburg, sondern im «kleinen Rückzugshäuschen», das er seit langem in Italien hat. «Leider schaffe ich es immer nur im Sommer, ein paar Wochen hinzufahren», sagt der Regisseur und Komponist, der vor allem mit szenischen Liederabenden wie «Sekretärinnen» oder «Männer» bekanntwurde. «Eigentlich will ich seit zehn Jahren mehr Zeit haben», meint er lachend, «aber dafür habe ich noch viel zu viele Projekte im Kopf».

Mit hintersinnigen Liederabenden landete Wittenbrink einen Volltreffer. Seine «Sekretärinnen», die Mitte der 90er Jahre anfangs nur zu später Stunde am Schauspielhaus in Hamburg starteten, wurden zum Kassenknüller. Ob «Männer» oder «Mütter» - die Wittenbrink-Abende feierten sensationelle Erfolge. «Mit dem Liederabend hat Wittenbrink ein altes Genre neu belebt oder gar ein neues geschaffen: den Wittenbrink-Abend», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» mal. «Mit großer Lust bringt er Geschichten aus dem Leben auf die Bühne, textet Lieder um, komponiert neu, mixt dabei Pop und Klassik und lässt bei Bedarf auf Schlager Heavy Metal, auf Choräle Schnulzen folgen.»

Die Wittenbrink-Abende eroberten Bühnen in ganz Deutschland. «Ich habe per Zufall diese szenisch-musikalischen Abende erfunden, aus einem Revoltengeist heraus», erzählt er, «weil ich die Schauspielermusikabende, die es bis dahin gab, zwar schön, aber letztendlich langweilig fand». Das muss man doch auch anders können, habe er sich gedacht.

Widerspruchsgeist zeigte Wittenbrink nicht zum ersten Mal. Der gebürtige Bad Bentheimer rebellierte als junger Mann und gehörte in den 70er Jahren zu den Mitbegründern des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands. «In den Marxismus hat mich endgültig die Bundeswehr getrieben», sagte er mal in einem «Spiegel»-Interview. «Ich saß als Rekrut oft genug im Knast, weil ich auf Matrizen Flugblätter gegen die Nato abgezogen hatte. Eines Tages schmuggelte mir ein Fähnrich das "Kommunistische Manifest" in die Zelle, und ich erkannte blitzartig: "Alles Scheiße hier." Dann habe ich den großen Fehler gemacht, von einem Katholizismus in den anderen zu fliehen...» Später habe er gemerkt, dass er «wieder in einer unmenschlichen, dogmatischen Ideologie gelandet war».

Als sechstes von 13 Kindern war Wittenbrink in einer streng katholischen Familie aufgewachsen, mit neun Jahren spielte er am Klavier schon die Beethoven-Sonaten. Sein Onkel, der ehemalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU), verhalf dem musikalischen Jungen zu einem Platz bei den Regensburger Domspatzen. Als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche im Jahr 2010 auch den traditionsreichen Knabenchor erreichte, meldete sich auch Wittenbrink zu Wort. Von einem «ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust», berichtete er, der bis 1967 dort Schüler war.

Der studierte Soziologe, der auch mal als Müll- und Fernfahrer arbeitete und eine Maschinenschlosser- sowie Klavierbauerlehre abschloss, brachte seine Werke unter anderem am Theater Basel, am Berliner Ensemble, am Burgtheater Wien und bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne. Derzeit sitzt er gerade an einem Stück für die Berlin Comedian Harmonists: «Eine Berliner Geschichte von heute, in der es um drei Brüder geht, deren Café kurz vor der Pleite steht und von einem griechischen Investor aufgekauft werden soll. Irgendwann kommen sie auf die Idee: Wir probieren es mit Musik», beschreibt Wittenbrink das «Café ohne Aussicht» für das Theater am Kurfürstendamm. Außerdem bereitet er einen «Exil»-Abend für das Berliner Ensemble und das Augsburger Brechtfestival vor und will aus dem «Pumuckl»-Stoff ein Musiktheater machen.

«Mit meinem Leben bin ich total glücklich», sagt Wittenbrink. «1948 in einem zerstörten Deutschland aufzuwachsen, 65 zu werden, ohne Krieg erlebt zu haben, und in einer ziemlich ordentlichen Demokratie aufgewachsen zu sein, wo man seinen Mund aufmachen kann - ich habe ja auch eine Revoluzzer-Vergangenheit - insofern bin ich sehr glücklich.» Alle seine drei Töchter studieren inzwischen. «Und ich genieße es total, mit denen zu diskutieren», erzählt er. «Wir sind natürlich eine Streitkultur gewöhnt - also eine schöne, die Spaß macht.»

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