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Festspiele : Getragen-klassisch: Peter Steins «Don Carlo»

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Es war die Society-Premiere in diesem Jahr in Salzburg: Sofort ausverkauft, mit angeblich tausenden Menschen auf der Warteliste und viel bevölkert mit Sponsoren und Geldadel.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:19 Uhr

Wer im Großen Festspielhaus am Montag dabei war, war von der fünfstündigen Version von Verdis «Don Carlo» begeistert: Der deutsche Regie-Altmeister Peter Stein zeigte eine getragen-gediegene Inszenierung in ästhetisch-kühlen Bildern. Bis zu historischen Kostümen (Annamaria Heinreich) genau an der Vorlage - eine Umdeutung oder andere Regietheater-Einfälle gibt es bei ihm nicht. Dem überwiegend älteren Publikum gefiel das sehr gut.

Doch erst die hochkarätigen und durchweg ausgezeichneten Sänger um eine musikalisch wie schauspielerisch herausragende Anja Harteros als Elisabetta und Jonas Kaufmann als Don Carlo machten die Oper zum Riesenerfolg. Antonio Pappano leitete die Wiener Philharmoniker so einfühlsam wie mitreißend. Auch Thomas Hampson als Rodrigo, Ekaterina Semenchuk als Eboli und Matti Salminen als König überzeugten. Eric Halfvarson zeigte einen dröhnend-grausamen Großinquisitor.

Für die Festspiele erarbeiteten Stein und Pappano die fünfaktige Urfassung der Oper mit erstem Fontainebleau-Akt und weiteren später gestrichenen Passagen, was zum Verständnis des Historien-Liebesdramas beiträgt: Die französische Köngistochter Elisabetta soll den Sohn des spanischen Königs Filippo II heiraten, um den französisch-spanischen Krieg zu beenden. Bei ihrer Begegnung im aus Not vom Volk abgeholzten Wald Fontainebleau verliebt sich das Paar sofort. Doch dann entscheidet sich der König, selbst Elisabetta zu heiraten, und aus dem Liebes- wird ein verzweifeltes Mutter-Sohn-Paar.

Am spanischen Hof bleibt die unerlaubte Liebe der beiden kaum jemandem verborgen - woraus zahlreiche Verwicklungen und Intrigen entwachsen. Auf politischer Ebene greift noch die grausame und mächtige Inquisition ein, der auch der aufrichtige Rodrigo (Thomas Hampson) zum Opfer fällt. Zuletzt kann nur noch der offiziell verstorbene Karl V. seinen Enkel Don Carlo vor den menschlich-politischen Verwicklungen und seinem rächenden Vater retten - ob als Geist oder in echt bleibt offen.

Steins aufwändige Inszenierung ist präzise, ästhetisch und geradlinig, wenn auch etwas schleppend: Für fast jede Szene lässt er Ferdinand Wögerbauer ein neues Bühnenbild aufbauen, vieles ist in bläulich-graues Licht getaucht. Für intimere Szenen zoomt der Vorhang zusammen und zeigt nur einen Teil der Bühne.

Der Wald in Fontainebleau ist bei Stein beispielsweise eine riesige Fläche mit auf dem Boden liegenden schwarzen abgeholzten Bäumen vor Holzvertäfelung. Die Hofdamen vergnügen sich an einem schlichten Wasserbecken mit angedeutetem Baum darüber, und der Ball wird zur mit Lampions beschienenen Open-Air-Veranstaltung mit Festzelt, Irrgarten und übergroßem Mond.

Einiges ist aber allzu klassisch: Karl V. thront als Goldstatur auf einem Steinsockel, das grausame Fest zur Ketzerverbrennung mit langsam aufziehendem Gefolge samt Fahnen-Spektakel und Prunk-Kleidung erinnert arg an ein Mittelalter-Festival. Als die als gelbe Flammen mit Spitzhut gekleideten Ketzer brennen, bewölkt sich dramatisch der Himmel im Hintergrund und färbt sich rot. Das Publikum war allerdings rundum begeistert und feierte frenetisch Regie wie Musik.

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