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Theater : FC Bergman zeigt Theaterstück über das, «was man nicht sieht»

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Ein rätselhafter Titel, eine Theatertruppe mit erklärungsbedürftigem Namen: Die Ruhrtriennale präsentiert einen absurden Abend über die Absurdität des menschlichen Lebens und erntet stürmischen Beifall.

FC Bergman, ein Theaterkollektiv aus Belgien, gab seinem Stück einen rätselhaften Titel: «300 el x 50 el x 30 el». Am Freitagabend hatte die tragische Farce ihre Deutschlandpremiere bei der Ruhrtriennale.

Während der Zuschauer darüber grübelt, ob mit dem Titel die Maße eines Raumes angedeutet werden sollen, lässt sich der Name der Theaterleute klarer erkennen: FC wie Fußballclub, die sechs jungen Theaterleute glauben an die Kraft des Kollektivs – und Bergman, wie der berühmte schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman. Tatsächlich spielt eine Kamera in dem Stück eine entscheidende Rolle.

Sie ist auf einen Wagen montiert, den drei Helfer auf einem Gleis im Kreis um die Bühne im Salzlager der ehemaligen Essener Kokerei Zollverein fahren können. Die Szene zeigt eine Lichtung in einem Wald, der Rasen ist herbstlich mit Laub bedeckt. Vorn sitzt an einem Tümpel ein Angler, stoisch, nicht aus der Ruhe zu bringen.

Im Halbkreis, der sich zum Publikum hin öffnet, stehen sechs heruntergekommene Hütten. Das Publikum würde nichts über die Bewohner erfahren, wenn nicht die Kamera auf drei Bildschirme übertrüge, was in den ärmlichen Behausungen vor sich geht. Es ist, wie FC Bergman im Untertitel sagt: «Ein Theaterstück über das, was man nicht sieht.»

Am deutlichsten ist die Anspielung auf Ingmar Bergman – seine berühmten «Szenen einer Ehe». Ein Mann mit entblößtem Unterleib betrachtet und stimuliert halbherzig seine kümmerliche Erektion. Der Phallus wird im Lauf des sechzigminütigen Stücks weiter erschlaffen, der Sex war auch schon mal besser. Das Bild hat nichts Obszönes, es wirkt auch nicht als Anklage der ehelichen Ödnis, sondern eher komisch. Das kommt durch die Kamera – alles ist ja nur gestellt, Kunst.

Das anklagendste Bild zeigt eine hochtoupierte Dame, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Sie schaufelt sich Berge edelster Speisen in den unersättlichen Mund, während um sie herum ein Lakai, der sie bedient, und ein Mädchen stehen, die ganz offenbar Hunger haben. Die Frau gibt nicht nur nichts ab, sie scheint die Mitmenschen nicht einmal zu bemerken und isst weiter, schaufelt und schaufelt. Das Bild wirkt nicht wie eine Anklage gegen die Reichen mit den kalten Herzen, mehr wie ein Witz über anklagende allegorische Bilder, über Gesellschaftskritik auf dem Theater.

Schon der rätselhafte Titel hätte dem Zuschauer auf die Spur führen können: Es handelt sich bei «300 el x 50 el x 30 el» um einen klaren Fall von absurdem Theater, in dem die Logik durch Abwesenheit glänzt. Hinzu kommt, dass belgischer Surrealismus das Fieber steigert, Spottlust zum Lachen reizt und die Dekonstruktion bis zum Exzess getrieben wird. Ein komischer Abend über die Absurdität des menschlichen Lebens – am Ende drängt die gesamte über 60-köpfige Statisterie der Ruhrtriennale auf die Bühne, hüpft und singt, ehe die Scheinwerfer, während die Kamera wie im Rausch um die Szene fegt, erlöschen.

Die tragische Farce gelingt, der Witz zündet, es wird viel gelacht, und am Schluss will der stürmische Beifall nicht enden. Die Inszenierung ist außerordentlich dicht, die Schauspieler haben, obwohl sie sich mitunter entblößen müssen, Freude am Spiel – und oft erinnern sie erfolgreich mit ihren Übertreibungen an den Wahnsinn des Alltags, der hier durch den Kakao gezogen wird: die Politik, das Verhältnis der Geschlechter, der Gegensatz von Arm und Reich. Es wird kein Wort gesprochen, nur Musik eingespielt und gesungen.

Die Ruhrtriennale unter der Leitung von Heiner Goebbels hat gut daran getan, FC Bergman einzuladen. Dieser jungen flämischen Truppe ist noch einiges zuzutrauen.

Informationen zum Stück

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erstellt am 31.Aug.2013 | 14:53 Uhr

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