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Theater : Düsterer Thriller: «Orest» im Münchner Residenztheater

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Orest, der Königssohn aus dem Haus der Atriden, ist ein natural born killer. Bevor er sie tötet, spielt er mit seinen Opfern Katz und Maus.

shz.de von
erstellt am 15.Sep.2013 | 09:27 Uhr

Aigisthos, den Stiefvater und neuen König von Argos, lässt er die schwere Axt in der Hand wägen, mit der er ihn später im Swimmingpool seines Designerbungalows als Königspalast niedermetzelt. Und Klytaimnestra, Orests Mutter und Mörderin ihres Gemahls Agamemnon, bestäubt er mit der Asche aus der Urne des getöteten Gatten, bevor er sie im Ehebett zur Strecke bringt.

Zur Saisoneröffnung des Münchner Residenztheaters am Samstagabend inszenierte Regie-Jungstar David Bösch den griechischen Klassiker als düsteren, blutrünstigen Thriller. Buh-freier Jubel: Das Publikum schien sich zumindest gut unterhalten zu fühlen.

Grundlage der Inszenierung war eine Adaption des Atriden-Mythos aus der Zeit kurz nach dem Trojanischen Krieg. Der deutsche Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel hatte aus Texten der großen altgriechischen Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides des 5. vorchristlichen Jahrhunderts eine etwa zweistündige Bearbeitung geformt. Politische Bezüge interessierten Bösch freilich ebenso wenig wie die Götter, die damals noch über den Menschen thronten. So wird der von Schuldgefühlen gepeinigte Orest, der mit dem Muttermord den Vater rächte, im Original nach langer Irrfahrt von einem göttlichen Schiedsgericht freigesprochen.

Neben dem in blutverschmiertem Feinripp-Shirt und Cargohose agierenden Shenja Lacher als Orest war Andrea Wenzl als Muttermord-Anstifterin Elektra das Ereignis des Abends. Mit kindlich-rauchiger Stimme spielte sie eine moderne Pippi-Langstrumpf-Version der Lady Macbeth, die ihren Bruder in einen wahren Amoklauf hineintreibt. Im Gegensatz zu Orest, der immer wieder zweifelt und zaudert, gibt es in ihrem Rache-Furor gegen Mutter und Stiefvater, die ganze ältere Generation, kein Halten. Am Ende, als auch Onkel Menelaos (Norman Hacker), Tante Helena (Sophie von Kessel) und Kusine Hermione (Valerie Pachner) tot auf der Bühne liegen, befiehlt sie Orest, den Palast-Bungalow, den «Totenschrein»«, kurzerhand abzufackeln.

Schwach war dieser Abend keineswegs, allein schon die durchweg exzellenten Leistungen des Ensembles ließen keinen Leerlauf aufkommen. Auch Falco Herolds Bühne bot viel fürs Auge, einschließlich Videosequenzen, in denen Elektras Kindheits-Traumata vorgeführt werden, Pyrotechnik und Sphären-Musik. Trotzdem blieb am Ende ein schaler Nachgeschmack: Was soll das alles? Was geht mich das an?

Dass in jedem ein Ungeheuer schlummert, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, wird allabendlich in Fernsehen und Kino vorgeführt. Und natürlich ist im hyper-individualistischen Spätkapitalismus längst jeder nur für sich selbst verantwortlich. Doch ohne moralische Instanz, ohne transzendente Perspektive, rauscht das alles mehr oder weniger wirkungslos vorbei wie ein blutgesättigter Schwedenkrimi oder Action-lastiger «Tatort». Miroslav Nemec, der Münchner «Tatort»-Ermittler Ivo Batic, war übrigens einer der Gäste dieses Premierenabends.

Residenztheater München

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