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Musik : Biograf: Verdi funktioniert überall auf der Welt

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Am 10. Oktober wäre der Komponist Giuseppe Verdi 200 Jahre alt geworden. Verdi-Biograf Christoph Schwandt war unter anderem Chefdramaturg der Oper Köln, heute lebt er in Aschaffenburg. Er ist Autor mehrerer Komponisten-Biografien. Die Nachrichtenagentur dpa sprach mit ihm über die Gründe für Verdis Dauererfolg.

Frage: Wieso erreichen Verdis Opern bis heute so breite Schichten?

Antwort: Er hatte ein Gespür für Bühnenstoffe, die überall auf der Welt spontan zugänglich sind: normale Menschen mit normalen Konflikten, anders etwa als bei Wagner. Seine Opern sind vital und unmittelbar - «La Traviata» funktioniert heute noch genauso wie 1853. Und das mit einer eingängigen Musik, die kunstvoll ist, ohne kompliziert zu sein.

Frage: Was ist das Einzigartige an seinen Arien?

Antwort: Die Textvorlagen spielen bei ihm eine große Rolle. Aus dem Text heraus ist in ihm die Melodie entstanden, der Kern der Melodie ist im Text also schon drin. Jede Oper hat ihre eigene Färbung, es gibt keine austauschbaren Versatzstücke. Eine Arie aus der einen Oper könnte man unter keinen Umständen in eine andere Oper versetzen.

Frage: Welche Bedeutung hat Verdi für die Entwicklung der Oper?

Antwort: Entscheidend ist, dass er eine sehr lange Zeit prägen durfte. Zu Beginn seiner Laufbahn knüpfte er an Komponisten an, die noch im 18. Jahrhundert geboren wurden, wie etwa Donizetti. Bei seinem Spätwerk standen schon Komponisten auf der Matte, die das 20. Jahrhundert prägten, wie zum Beispiel Puccini. Er profitierte auch von der Entwicklung der Verkehrsmittel. Dadurch hatte er die Chance, sehr schnell und überall berühmt zu werden.

Frage: Gibt es bei Verdi noch Neues zu entdecken?

Antwort: Es gibt nichts wirklich Unbekanntes, aber es gibt vernachlässigte Opern. Ich denke zum Beispiel, dass «Giovanna d'Arco» durchaus tauglich ist, öfter auf den Spielplänen zu stehen. Auch von «Nabucco» kennt man eigentlich nur Ouvertüre und den populären Chor.

Frage: Was für ein Mensch war Verdi?

Antwort: Er war sehr emotional, aber auch sehr kontrolliert. Ernsthaft, geradlinig, konsequent. Ein erdverbundener Landmann aus der Po-Ebene, kein mediterraner Typ.

Frage: Verdi und Wagner waren Zeitgenossen - und doch hört sich ihre Musik komplett unterschiedlich an. Wie erklären Sie sich das?

Antwort: Sie fanden verschiedene Voraussetzungen vor: Italien war noch ganz auf Sänger konzentriert; in Deutschland hatte das Orchester schon einen höheren Stellenwert. Dazu kamen charakterliche Unterschiede: Wagner war eine neurotische Persönlichkeit, Verdi machte kein Gewese um seine Person. Die beiden sind sich nie begegnet, aber Wagner hatte keine hohe Meinung von Verdi - wobei ein Faktor auch der Neid auf den großen Erfolg gewesen sein mag.

Frage: Wann sind Sie erstmals mit Verdi in Berührung gekommen?

Antwort: Ich erinnere mich lebhaft an eine Aufführung in der Arena di Verona, da war ich 14. Das war damals noch etwas ganz anderes als heute: Da dauerte eine «Aida» bis nachts um halb zwei und das Publikum bestand zu 85 Prozent aus Einheimischen. Das hat mich sehr beeindruckt, vor allem, weil Carlo Bergonzi damals den Radames gesungen hat, der bis heute für mich DER Verdi-Tenor ist.

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erstellt am 09.Okt.2013 | 09:37 Uhr

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