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Festspiele : Bejubelter «Lumpazivagabundus» in Salzburg

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Eine deutlich an Angela Merkel erinnernde Glücksgöttin Fortuna gießt ihr Füllhorn als Finanzspritze über schlecht wirtschaftende Handwerksgesellen.

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2013 | 13:23 Uhr

Ein fatal an die Geissens angelehnter neureicher Schneidermeister Zwirn und die spießbürgerliche Tischlerfamilie treten im einheitlichen Karo-Poloshirt-Golferlook auf.

Der deutsche Burgtheater-Chef Matthias Hartmann hat sich mit seiner Inszenierung der Nestroy-Zauberposse «Lumpazivagabundus» an ein Stück österreichischer Kulturgeschichte gewagt und ihm gleich einen gehörigen «Piefke»-Anstrich verpasst.

Das Premierenpublikum der Salzburger Festspiele war auf der Perner-Insel in Hallein begeistert. In dem Wiener Volkstheater-Stück geht es um eine Götterwette, ob sich drei zufällig ausgewählte Handwerksgesellen - ein «liederliches Kleeblatt» - mit Geld oder Liebe zu einem ordentlichen Leben bekehren lassen.

Vor allem das überragende und stargespickte Schauspiel-Ensemble lässt die schrill-bunte und klamaukhafte Inszenierung überzeugen: Nicholas Ofczarek gibt mit tiefstem Wienerisch einen grandiosen Schustergesellen Knieriem, der sich irgendwo zwischen Helmut Qualtinger und Edmund «Mundl» Sackbauer aus der ORF-Erfolgsserie «Ein echter Wiener geht nicht unter» durch das Leben grantelt. Sein versoffener Knieriem ist nicht nur komisch, sondern bekommt mit seiner fatalistischen Weltsicht - ein Komet wird bald eh alles zerstören - immer wieder echte Tiefe.

Michael Maertens gibt den gierig-triebhaften Schneider Zwirn mit überzogenem deutschen Akzent als schrägen, meckernden und leicht besserwisserischen Piefke, der sich aber durch nichts zu einem bürgerlichen Leben verführen lässt. Florian Teichtmeisters Tischlergeselle Leim, der als Einziger des Trios über die Liebe zu seiner Peppi schnell zum ordentlichen Leben findet, ist erst naiv und später im Spießerdress blasiert.

So gut Hartmanns knallig-unterhaltsame Inszenierung mit eingängigen Melodien von Abba über Wolfgang Petry bis Verdi samt Mitsing-Einlage beim Publikum ankam, ist sie doch mehr die Aneinanderreihung guter Ideen als stimmiges Gesamtkonzept. Die recht strenge Fortuna Maria Happel ist als Merkel-Persiflage mit steter Rauten-Handhaltung oder unbeholfener Jubel-Gestik wirklich witzig. Doch bleibt das EU-Szenario samt Euro-Luftballons und Feenkönig Stellaris (Peter Wolfsberger) als Anzug-tragender Polit-Bürokrat eher unaufgelöst. Dazwischen humpelt ein mit Körperflüssigkeiten beschmierter böser Geist Lumpazivagabundus als Teufel umher - statt mit Pferdefuß mit einem Stöckelschuh.

Von Nestroys spöttischer Gesellschaftskritik ist über weite Strecken nur wenig zu spüren. Erst zum Schluss hin wird klarer, dass das brave Bürgerleben auch nicht zwangsläufig ein Happy End bedeutet. In der letzten Szene blicken die drei geläuterten Gesellen ordentlich gescheitelt und arbeitsam aus einem Puppenhaus heraus. Auch wenn Fortuna ihre Wette verloren hat, die echte Angela Merkel würde es wohl freuen.

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