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Theater : Ayn Rands Roman «Streik» in Köln auf der Bühne

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Ayn Rands Roman «Atlas Shrugged» von 1954 hat in den USA philosophisch und politisch noch immer großen Einfluss, ist auf dem Alten Kontinent allerdings weniger bekannt.

Er ist auf Deutsch unter dem Titel «Der Streik» erschienen, und Stefan Bachmann (47), Kölns neuer Schauspielintendant, stellt sich seinem Publikum mit einer Bühnenadaption vor.

Die Uraufführung dauerte vier Stunden, war ebenso anspruchsvoll wie unterhaltsam und wurde im Depot 1, der derzeitigen Ausweichspielstätte des Kölner Schauspiels, am Samstagabend mit begeistertem Beifall begrüßt.

Ayn Rands (1905-1982) Roman hat alle Qualitäten eines Reißers. Im Mittelpunkt steht Dagny Taggart, eine junge reiche Amerikanerin von betörender Schönheit, einer Intelligenz, mit der sie (fast) alle Männer in den Schatten stellt, und von Beharrungsvermögen, Scharfsinn, unerschütterlichem Selbstbewusstsein und kompromissloser Konfliktbereitschaft. Sie setzt sich gemeinsam mit Gleichgesinnten in einem langen, opferreichen Kampf gegen eine rückwärtsgewandte Regierung der Mittelmäßigen durch.

«Atlas Shrugged» ordnet die englischsprachige Literaturwissenschaft den «novel of ideas» zu: Die Romanhandlung ist nur Verpackung, wichtiger ist die politische Philosophie. Der Starke setzt sich durch. Die Schwachen, hier die Vertreter des alten Geldes, die ihre Privilegien verteidigen, behindern nicht nur den Fortschritt, sie sind für den fortdauernden Niedergang verantwortlich. Einem Teil des konservativen Amerika gilt «Atlas Shrugged» als eine Art Bibel.

Schon bei einer kurzen Schilderung der Handlung, die Ayn Rand auf Hunderten Seiten ausbreitet, werden die an Groschenromane gemahnenden grellen Effekte deutlich - eine Steilvorlage für humorvolle Bühnenleute, zu denen Bachmann gehört. Allerdings verbindet er für die Bühne (gemeinsam mit seinem Dramaturgen Jens Gross) seine Neigung zum Knalligen mit Sarkasmus und analytischem Durchdringungsvermögen.

Bachmann und Gross verkürzen energisch, wo Ayn Rand ihr Thema breitgetreten hat, behalten aber das Personal und die Handlung bei. Nachdem die Regierung allen kreativen Kräften enge Fesseln angelegt hat, treten die in Streik – daher der Titel. Das Land geht vor die Hunde. Die Regierung der alten, verbrauchten Elite muss schließlich weichen.

Die Inszenierung bestach mit starken Bildern. Bachmann knüpft an die zentrale Metapher Rands für den Fortschritt an: Die Eisenbahn. Auf die Bühne rollt ein alter Kipper aus der DDR und lädt eine Ladung Schotter ab. Arbeiter breiten ihn zu einem Gleisbett aus, Schwellen werden verlegt und darauf die Schienen befestigt – die Bühnensprache erinnert an den sozialistischen Realismus, die Arbeit bekommt eine hohe Würde durch den zentralen Schauwert. Es ist diese Produktivität, für die sich Ayn Rand einsetzt – gegen Couponschneider, die nur genießen, was andere erarbeitet haben.

Stefan Bachmann hat als neuer Intendant in Köln seinen Einstand mit einem sozialen Stück gegeben, mit der Bühnenbearbeitung eines wichtigen Romans aus den USA, der bei uns mehr Bekanntheit verdient, und mit einem starken vierzehnköpfigen Ensemble, das in den vier Stunden Spielzeit kaum Schwächen zeigte. Ein bemerkenswerter Abend.

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erstellt am 13.Okt.2013 | 10:41 Uhr

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