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Theater : Alfred Döblins «Karl und Rosa» in Bonn auf der Bühne

vom

Mit «November 1918» hat Alfred Döblin einen vielstimmigen Roman über die deutsche Revolution geschrieben. Den dritten Teil, «Karl und Rosa», hat das Schauspiel Bonn jetzt auf die Bühne gebracht.

shz.de von
erstellt am 03.Okt.2013 | 11:21 Uhr

Die Hauptrolle bei Döblin spielt die gescheiterte Novemberrevolution, die Bühnenfassung von Regisseurin Alice Buddeberg und Dramaturgin Nina Steinhilber setzt den Schwerpunkt auf Rosa Luxemburg. Sie leidet an einer Haftpsychose, nimmt Kontakt mit ihrem gefallenen Geliebten und dem Teufel auf. Luxemburgs politischer Scharfblick tritt in den Hintergrund - sie streitet und scheitert mit Karl Liebknecht im Januar 1919 und wird erschossen.

Eine zweite Geschichte wird mit der ersten verflochten: Ein junger Lehrer kehrt schwer verletzt aus dem Krieg heim. In der Schule zurück, muss er rasch vermitteln. Sein Direktor hat ein unerlaubtes Verhältnis mit einem Schüler. Die Schlichtungsversuche scheitern, der engagierte, humane Lehrer wird immer weiter an den Rand gedrängt. Ein dritter Strang handelt von genusssüchtigen Zeitgenossen, die sich von den politischen Ereignissen desinteressiert abwenden.

In der Bühnenbearbeitung fehlt eine ganze Dimension des Romans: Die Reaktion. Auch die SPD-Politiker Friedrich Ebert und Gustav Noske, die bei Döblin entscheidende Rollen spielen, treten in Bonn nicht auf. Da die Revolutionäre keine Gegner haben, fehlt es an dramatischer Dynamik. Und die Analyse ist unvollständig: Denn die Konterrevolutionäre tragen natürlich ihren Teil zum Scheitern der Revolution bei.

Buddeberg setzt auf deutliche, aber abstrakte Mittel: Eine schiefe Ebene, die die Spieler nur schwer besteigen können, auf der sie aber leicht wieder herabgleiten. Nach der Pause regnet es auf der Bühne, Schlamm entsteht und die Schauspieler wälzen sich oft im Dreck - die Revolution hinterlässt deutliche Spuren.

Acht Darsteller spielen über zwanzig Rollen. Das enge Regiekorsett zwingt sie ins Expressive, das nicht selten die Brülloper streift. Überhaupt wirkt die Inszenierung über Strecken expressionistisch. Sophie Basse als Rosa Luxemburg hebt die Stimme, wenn sie ihren Argumenten Nachdruck geben will, die Brillanz von Rosa Luxemburgs Rhetorik sucht der Zuschauer vergebens. Alois Reinhardt läuft als Satan zu großer Form auf, die Augen seines Teufels blitzen, wenn er sich am menschlichen Chaos freut.

Die beste Szene der anfechtbaren Inszenierung ist die letzte. Der Mörder von Rosa und Karl hat seine Patronen verschossen, dann erlöschen die Scheinwerfer und Bilder von Aufständen werden wie Irrlichter auf die dunkle Bühne projiziert: Prag, Kairo ... Die Bonner Quintessenz lautet: Wenn eine Revolution gescheitert ist, folgt die nächste. Die Revolution und ihr Scheitern sind kein einmaliges Ereignis - das Gleiche kehrt immer wieder.

Das Uraufführungspublikum in den Bad Godesberger Kammerspielen applaudierte am Mittwoch kurz vor Mitternacht begeistert, der Beifall wollte gar nicht enden.

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