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Musik : Abenteuer Moderne - Komponist Udo Zimmermann wird 70

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Im Rentenalter hat sich das Leben des Komponisten Udo Zimmermann noch einmal gewandelt. Nicht nur beruflich. Er hat alle Ämter abgegeben, ein neues modernes Haus am Elbhang gebaut, noch einmal geheiratet - und endlich wieder Zeit für die Musik.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2013 | 00:07 Uhr

«Sie ist mein Lebenselixier», sagt der Dresdner, der am Sonntag (6. Oktober) 70 Jahre alt wird. Zwar dämpfen motorische Einschränkungen manchmal seinen Tatendrang. «Es geht nicht mehr so glatt wie früher, eher bergauf und bergab.» Seinem Schaffen tut das aber keinen Abbruch.

Nach zwölfjähriger Zwangspause schuf Zimmermann seit 2009 unter anderem zwei Solokonzerte für den Cellisten Jan Vogler und die Geigerin Elena Denisowa. Der Dresdner Kreuzchor, in dem Zimmermanns musikalische Laufbahn begann, will zum 800-jährigen Bestehen 2016 ein Te Deum von ihm, erzählt er stolz. Zudem spukt die Oper zu «Gantenbein» nach Max Frisch in seinem Kopf - seit nunmehr 15 Jahren. «Sie hat schon Satz und Stimme», sagt Zimmermann, der nicht ans Aufhören denkt. «Wenn etwas fertig ist, kommt wieder was Neues.»

Die Musenquelle sprudele ohne Unterlass. «Ohne schöpferische Konsequenz bringt das aber nichts», erklärt er seine Aktivität. Dabei sieht sich Zimmermann weniger als Komponist denn als Theatermensch, der auch komponiert. «Theater und Musik liegen mir am Herzen und gehören zusammen, das Theater ist von der Musik amalgamiert und die Musik amalgamiert das Schauspiel.» Das reine Komponieren und Dirigieren sei stets zweitrangig gewesen.

Der Künstler lebt für das Experimentelle. Davon künden nicht nur seine Jahre als Intendant des Europäischen Zentrums der Künste in Dresden-Hellerau. Ende 2008 übergab er «diese Erbschaft». Anfangs schaute er wehmütig zurück, wie aus seiner Vision eines Labors für zeitgenössische Kunst mit Eigenproduktionen ein Gastspielort wurde. «Wehmut vergeht aber.» Als einst sehr engagierter Kulturpolitiker sieht er die Abhängigkeit der Kultur von der Ökonomie mit großer Sorge, nicht nur in Hellerau. «Wenn sich da nichts tut, verschwinden wichtige Positionen, die nicht anders auszufüllen sind.»

Von Förderung profitierte auch er einst, als Sänger im Dresdner Kreuzchor. Damit stand sein Weg früh fest: Er studierte in seiner Heimatstadt Komposition und Gesang, war Meisterschüler und Assistent bei Walter Felsenstein in Berlin. Noch als Student landete er einen Riesenerfolg mit «Die Weisse Rose» über die Geschwister Scholl. Die Oper gehört im In- und Ausland zu den am häufigsten gespielten Werken zeitgenössischer Musik. Vier weitere Opern, viel Vokalsinfonik und Werke für Kammerensemble folgten.

In Dresden gründete er das spätere Zentrum für zeitgenössische Musik, das als Forschungsort und Ausrichter von Konzerten und Festivals internationalen Ruf in der Szene der Neuen Musik erlangte. 2004 wurde daraus das Hellerauer Europäische Zentrum, das alle Sparten wie Theater, Tanz, Architektur, Bildende und Medienkunst vereinen sollte. Daneben dirigierte Zimmermann renommierte Orchester, arbeitete an wichtigen Opernhäusern und füllte als Leiter der «musica viva»-Reihe des Bayerischen Rundfunks beim gleichnamigen Festival in München Säle - und das ausschließlich mit modernen Tönen.

Weltweit aktiv und doch immer seiner Heimat treu, war er Professor für Komposition an der Musikhochschule ebenso wie Dramaturg der Staatsoper. Manche sahen ihn gar als Chef der 1985 wiedereröffneten Semperoper. «Das wär's gewesen», sagt er. Zwar erfüllte sich dieser Traum nicht, Opernintendant war er trotzdem: in Leipzig und Berlin. Die zwölf Leipziger Jahre mit 27 Uraufführungen sieht er als größte Herausforderung, die drei Jahre Generalintendanz in Berlin kosteten dagegen Unmengen seiner Energie. Trotz vorzeitigen Abgangs dort möchte er sie aber nicht missen. «Ich bereue nichts.»

Zimmermann denkt zwar noch immer europäische Visionen von einer Vernetzung der Künste, doch es ist stiller geworden um ihn. Wenn er nicht über Noten sitzt, geht er spazieren und liest, trainiert seine Muskeln mit Reiten und Schwimmen. Am Vorabend seines Geburtstages will er eine Aufführung seiner Oper «Die Weisse Rose» in Hellerau besuchen, dann folgt ein Familienfest. Neben den zwei Söhnen kommt auch die Tochter aus erster Ehe: Schauspielerin Claudia Michelsen. Sie hat ihn auch schon zum Großvater gemacht. «Zwei Mädchen», sagt Zimmermann nicht ohne Stolz. «Das Abenteuer bleibt.»

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