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Jakarta, Istanbul und Scharm el Scheich : Terror gegen Touristen: Diese Strategie steckt dahinter

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Aus der Onlineredaktion

Starbucks in Jakarta, Sehenswürdigkeiten in Istanbul, Hotels in Tunesien und Westafrika: Viele Anschläge in den vergangenen Monaten nehmen touristische Ziele ins Visier. Die Strategie bleibt nicht ohne Wirkung.

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erstellt am 14.Jan.2016 | 13:49 Uhr

Istanbul | „Zuhause zu bleiben, fühlt sich irgendwie falsch an, sagt die deutsche Touristin in Istanbul dem Reporter des ZDF. Sie ist eine der wenigen Besucher der Stadt, die bereits am Mittwoch, einen Tag nach dem Anschlag eines Selbstmordattentäters, der zehn deutsche Touristen mit in den Tod riss, an einer Stadtführung teilnimmt.

Noch ist nicht ganz klar, wer hinter dem Terror in der türkischen Metropole steckt, doch der Bombenanschlag bestätigt einen blutigen Trend der vergangenen Monate: Immer öfter richtet sich islamistischer Terror gegen Touristen. Hinter den Angriffen auf Urlauben steckt ein doppeltes Kalkül der Terrorplaner.

Ganz wohl sei ihr aber nicht bei dem Besuch der Altstadt, so die Touristin weiter. Doch sie wolle sich nicht einschüchtern lassen. Viele andere Urlauber werden sich überlegen, ob sie die weltberühmten Sehenswürdigkeiten Istanbuls in der nächsten Zeit besuchen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière betonte am Tag nach dem Anschlag zwar, er sehe keinen Grund von Reisen in die Türkei abzusehen. Man dürfe dem Terror nicht nachgeben. Das Auswärtige Amt warnt aber in seinen Reisehinweisen davor, in den größeren Städten der Türkei „belebte Plätze im innerstädtischen Bereich“ zu besuchen. Und dazu gehören natürlich alle Publikumsmagneten für Touristen.

Der Anschlag in Istanbul reiht sich nahtlos ein in einen auffälligen Anstieg von islamistischen Terroranschlägen auf Ausländer in verschiedenen islamischen Ländern:

Ziel der Terroristen beim jüngsten Anschlag in Jakarta am Donnerstag war unter anderem eine Filiale des US-Kaffeeriesen Starbucks, die von vielen Ausländern in der indonesischen Hauptstadt besucht wird.

Notarzteinsatz in Jakarta: Unter den Toten sollen vier Attentäter sein.
Notarzteinsatz in Jakarta: Unter den Toten sollen vier Attentäter sein. Foto: Bagus Indahono

Im beliebten ägyptischen Badeort Hurghada haben vor wenigen Tagen zwei junge Männer Touristen mit einem Messer angegriffen und verletzt. Am 31. Oktober starben 224 russische Urlauber und Flugbegleiter, als in ihrem Flugzeug kurz nach dem Start im Urlauberzentrum Scharm el Scheich eine Bombe explodierte.

Nach dem Start in Scharm el Scheich war die russische Maschine über der Sinai-Halbinsel abgestürzt.
Nach dem Start in Scharm el Scheich war die russische Maschine über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Foto: Maxim Grigoriev
 

Im westafrikanischen Mali richtete sich ein Angriff in der Hauptstadt Bamako am 20. November gegen ein vor allem von Ausländern besuchtes Luxushotel. 170 Menschen werden zwischenzeitlich als Geiseln genommen. Über 20 Opfer werden getötet.

 

Schwer getroffen wurde auch Tunesien: Im März 2015 starben dort 24 Menschen bei einem Anschlag auf das bei Touristen beliebte Bardo-Museum in der Hauptstadt Tunis. Am 26. Juni eröffnete ein Attentäter das Feuer auf Touristen an einem Hotelstrand in der Nähe von Sousse. 38 Menschen kamen ums Leben. Die meisten Opfer waren Briten.

Tunesische Rettungskräfte bergen Tote am Strand nach dem Anschlag im Juni 2015.
Tunesische Rettungskräfte bergen Tote am Strand nach dem Anschlag im Juni 2015. Foto: dpa

Die Liste ließe sich noch fortsetzen und auch die Anschläge von Paris am 13. November zielten auf bei Einheimischen wie Besuchern gleichermaßen beliebte Orte.

Die Terroristen verfolgen ein doppeltes Ziel

Die Auswahl der Ziele ist alles andere als Zufall. „Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension“, sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Fünf Jahre nach dem arabischen Frühling komme besonders der südliche und östliche Mittelmeerraum nicht zur Ruhe. Auch das Auswärtige Amt sieht „Tourismuszentren“ und „besondere Sehenswürdigkeiten“ als bevorzugte Ziele islamistischer Terroristen. Die perfide Botschaft kommt an: Bereits vor dem Anschlag von Istanbul gaben 20 Prozent der Deutschen laut einer GfK-Umfrage an, sie wollen ihr Reiseverhalten unter dem Eindruck des Terrors ändern.

Die Planer des Terrors verfolgen ein doppeltes Ziel mit den Anschlägen: Sie wollen die Besucher aus dem Westen fernhalten, weil sie diese als Träger der westlichen Kultur sehen und die fremden Einflüsse durch Tourismus und Globalisierung ablehnen. Daneben stellt der Tourismus für viele Regime aber auch eine wichtige Einnahmequelle da. Das gilt insbesondere für die Tunesien, Ägypten und die Türkei, wo die Urlauber jeweils ein zentraler Pfeiler der Wirtschaft sind.

Die Strategie funktioniert - zumindest für einzelne Länder. Insgesamt ist zwar bisher kein Rückgang des Reisens durch Terrorismus festzustellen, aber das Beispiel Tunesien zeigt, dass die Islamisten ihr Ziel erreichen können. Dem eigentlich beliebten Urlaubsland am Mittelmeer blieben 2015 die deutschen Urlauber nach den Anschlägen fern. Einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich sieht der Deutsche Reise-Verband (DRV). Einer der wenigen Wirtschaftszweige der dem Land Wachstum und Arbeitsplätze bescheren könnte, liegt am Boden.

Die Türkei ist ein wirtschaftlich wesentlich stärkeres Land, könnte aber auch in Schwierigkeiten kommen: Die wichtige Tourismusbranche des Landes hat ohnehin schon Probleme, weil ihre wichtigste Zielgruppe, die Russen, der Türkei nach dem Streit über den Abschuss eines Kampfjets nahe der türkisch-syrischen Grenze fern bleiben. Der Anschlag nahe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee am Dienstag wird möglicherweise auch deutsche Touristen abschrecken. Sie waren bisher die zweitgrößte Gruppe der Türkeiurlauber.

Der Abzug der Touristen aus den vom Terror betroffenen Ländern wird aber vermutlich auch Gewinner hervorbringen. Im Tourismusfachmagazin FVW hieß es bereits im Dezember, der Ausblick für das östliche Mittelmeer falle vorsichtig aus. Spanien und Portugal, aber auch das bisher als sicher geltende Marokko, würden davon profitieren.

(mit dpa) 

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