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TV-Kritik: "Die Ballade von Cenk und Valerie" : Tatort: Theatralischer Abgesang auf Cenk Batu

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Die Figur des Cenk Batu hat den Tatort gehörig auf den Kopf gestellt - mit mäßigem Erfolg. Auch der Abschiedsfilm mit Hamburgs verdecktem Ermittler trägt dick auf.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2012 | 01:31 Uhr

Hamburg | Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) zählte nie zu den Lieblingen des Sonntagabend-Publikums. Vielleicht hatte der NDR den Zuschauern mit dem eigenwilligen Hamburger Tatort-Kommissar ein wenig zuviel zugemutet. Ein einsamer Wolf statt eines Ermittler-Teams, Wirtschaftskriminalität und organisiertes Verbrechen statt überschaubarer Mordfälle - das passt nicht ins Konzept. Eines ließ sich den Tatorten mit Mehmet Kurtulus jedoch nie vorwerfen: Einfallslosigkeit.
Das gilt auch für den sechsten Fall des Kommissars Batu, der gleichzeitig sein letzter ist. Bereits der Titel, "Die Ballade von Cenk und Valerie", lässt es erahnen, dass der Film nicht eben auf eine realistische Erzählweise abzielt. Gewaltige Bilder und ganz große Fragen stehen im Zentrum der theatralisch überhöhten Story. Dieser Tatort ist nach dem Muster klassischer Tragödien gestrickt: Der Held gerät in einen schicksalhaften Konflikt und muss schließlich zwangsläufig scheitern. Ein gewagtes Konstrukt für den Sonntagabend-Klassiker.
Klassische Tragödie trifft Superhelden-Comic
Cenk Batu ermittelt diesmal in Banker-Kreisen. Schon bald kreuzt die weltweit gesuchte Auftragsmörderin Valerie (Corinna Harfouch) seinen Weg, die todkranke Frau hat noch einen letzten Auftrag angenommen: die Ermordung des deutschen Bundeskanzlers (Kai Wiesinger). Zugleich kreist der Film um die Liebesgeschichte zwischen Cenk und seiner Freundin Gloria (Anna Bederke). Als Killerin Valerie die junge Geliebte des Kommissars entführt, wechselt Batu die Seiten. Die Schlinge legt sich immer enger um seinen Hals, bis sein Tod schließlich unausweichlich wird.
Batus Gegenspielerin Valerie hat nahezu übermenschliche Fähigkeiten. Sie ist Profikillerin, Autistin, Superhirn, und Todgeweihte in einem – kurz: Sie scheint eher einem düsteren Superhelden-Comic denn einem Tatort zu entspringen. Drehbuchautor und Regisseur Matthias Glasner sagt, er habe mit Valerie bewusst keine realistische Figur entwickeln wollen. Dieser Plan geht auf - vieles andere bleibt unklar.
Hamburger Tatort will auch in Zukunft anecken
"Die Ballade von Cenk und Valerie" generiert sich als eine Aneinanderreihung von Übertreibungen. Nicht nur klassische Struktur und Comic-Charaktere, sondern auch die filmischen Mittel laden den Tatort künstlich auf. Regisseur Glasner setzt auf Handkameraaufnahmen, Zeitlupen und dramaturgisch verdichtetes Licht. Doch all diese Kunstgriffe abzielen scheinen einen reinen Selbstzweck zu erfüllen. Sie erleichtern weder eine Identifikation mit dem Protagonisten, noch erzeugen sie ironische Distanz zum Erzählten. Stattdessen hinterlassen sie den Zuschauer ratlos, bisweilen überfordert.

Immerhin beschert Cenk Batus letzter Fall dem Kommissar einen Abgang mit ungewöhnlichen Bildern und hochkarätigem Geleit. An seiner Seite spielen etwa Corinna Harfouch (als Auftragskillerin Valerie), Christoph Letkowski (als Banker) und Kai Wiesinger (als Bundeskanzler).


Auch in Zukunft - wenn Til Schweiger die Ermittlungen an der Alster übernimmt - will der Hamburger Tatort anecken. Christian Granderath, Fernsehfilmchef beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), kündigte bereits an, dass man den Wagemut mit dem Format nicht verlieren werde. Es gelte insgesamt: "no risk, no fun!"


Der Hamburger Tatort: Mit sechs Episoden gehört Batu im ältesten Tatort-Revier zu den Ermittlern mit den wenigsten Einsätzen - weit hinter den beliebten Kommissaren Brockmöller und Stoever: Das Duo Charles Brauer und Manfred Krug brachte es zwischen 1986 und 2001 auf 38 Ausgaben. Krug, der bereits ab 1984 ermittelte, kann noch drei Folgen mehr vorweisen.
15 Fälle lösten danach Casstorff (Robert Atzorn) und Holicek (Tilo Prückner), bevor 2008 Batu antrat. Der erste Tatort-Ermittler überhaupt, Hauptkommissar Trimmel (Walter Richter), war von 1970 bis 1982 in elf Folgen zu sehen, in gerade mal drei dagegen Oberstleutnant Delius (Horst Bollmann) von 1979 bis 1985.
Auch Hannelore Elsner ermittelte 1997 in zwei Fällen, die jedoch im Rahmen ihrer ARD-Serie "Die Kommissarin" als Filme für den Hamburger Tatort ausgestrahlt wurden. So hätte Til Schweiger schon damals zum Einsatz als Tatort-Kommissar kommen können, wäre er nicht kurz zuvor als Kriminalkommissar Nick Siegel aus der Elsner-Serie ausgestiegen. Nun fällt für den 48-Jährigen im September die erste Klappe in Hamburg.

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