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Die Rückkehr des stillen Gastes : „Tatort“ Kiel: Holt sich Korthals am Sonntag Borowskis Liebste?

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Aus der Onlineredaktion

Über drei Jahre sind vergangen, seitdem Lars Eidinger als Frauenmörder Kai Korthals durch die Wände ging. Die viel beachtete Episode setzt sich am Sonntag fort. Unser Rückblick ruft unvergessliche Szenen wieder wach.

shz.de von
erstellt am 28.Nov.2015 | 11:17 Uhr

Kiel | „Er ist in meiner Wohnung. Er kommt einfach durch die Wand!“ Der ARD-Trailer zum neuen „Borowski“ aus Kiel sorgte am Sonntagabend nach dem Lindholm-„Tatort“ für ein ganzes Bündel schauriger Gefühle und Erinnerungen.

Vor drei Jahren hatten es die Zuschauer in identischer Besetzung mit dem wohl übelsten Psychopathen in der Geschichte der ARD-Dauerserie zu tun. Das Problem der denkwürdigen Episode: Der Übeltäter entwischte. Die Wiederbelebung von Lars Eidingers verstörener Frauenmörder-Rolle Kai Korthals, der sich als „Lockpicker“ in die Wohnungen seiner Opfer schleicht, wurde lange sehnsüchtig erwartet und mit weiteren Highlights versüßt. „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ am kommenden Sonntag verlangt dem Zuschauer einiges an Nerven ab – und angesichts des ungewohnten Sequels von beinahe olympiadischer Ausdehnung ebenso ein gutes Erinnerungsvermögen.

Foto: NDR/Philip Peschlow

Schon Teil 1 („Borowski und der stille Gast“, Wiederholung 27. November 22 Uhr, ARD) war ein experimentierfreudiges Machwerk mit vielen unvergesslichen Szenen. Durch die offene Täterführung – so wird es auch in der Fortsetzung sein – konnten die Zuschauer sich ganz und gar den psychischen Abgründen und der Komplexität des Täters widmen. Selten wurde die Widerlichkeit heimlicher Intimität so eindringlich erzählt wie in jenem Kieler Tatort, für dessen Fortsetzung sich die Macher ein Hintertürchen offen gehalten hatten. Dass Kai Korthals in einer improvisierten Szene am Ende entkommt, widerspricht wie vieles anderes der üblichen Tatort-Logik: Als die Tür des Krankenwagens aufgeht, in dem der überwältige Frauenmörder liegt, ist die Pritsche leer. Sein ursprünglicher Fluchtplan sieht Dänemark vor. Er wird also nie weit weg sein von der Förde.

Als stiller Gast hat sich der schüchtern wirkende, freundliche Paketzusteller Kai Korthals zuvor in die Wohnungen junger Single-Frauen eingeschlichen und sich als heimlicher Mitbewohner eingenistet. Er macht ihnen heimliche Geschenke und spielt sogar mit ihren Kindern, wenn die Mütter sie unbeaufsichtigt zu Hause lassen. Großes Vergnügen bereitet dem unsichtbaren Psychopathen die Mitbenutzung der Zahnbürste seiner Opfer.

Korthals’ krankhafte Zuneigung gilt auch Borowskis Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), an deren liegen gebliebener Bretzel der perverse Stalker genüssliche Lutschspiele veranstaltetet. Nichtsahnend wird Brandt später die Reste zu sich nehmen. Als sie ihr Epilepsie-Medikament vergisst, wird Korthals, für den selbst Zellenwände kein Hindernis sind, mit seinem wohl gruseligsten Coup dafür sorgen, dass sie sie rechtzeitig bekommt. Er betont ja auch, dass er kein schlechter Mensch sei.

Wenn die Frauen Korthals auf die Schliche kommen und seine Liebe nicht erwidern, wird er sie auf bestialische Art töten. Lars Eidinger bedient sich in seiner definitiven Rolle einer minimalistischen Gestik und brilliert so schauderhaft, dass der Zuschauer sich nicht sicher sein kann, ob der Mörder nicht gerade neben ihm steht oder im eigenen Schlafzimmer wartet. „Er hat sie beschlichen, ist überall rumgekrabbelt, hat alles betatscht, besabbert, dieser Wichser, diese Spinne!“, wird Sarah Brandt über ihn sagen.

Neben der konstant beunruhigenden Spannung gelang es dem Film auch, in den Randszenen zu glänzen: Borowski bereitet einem legendären Begleiter einen genregemäßen Ausstand: Dass er seinen brauen VW-Passat – ein oft zitiertes Kult-Objekt – mit einem Schuss aus seiner Dienstwaffe aus der Serie befördert, ist an Schrägheit kaum zu überbieten.

Foto: NDR/Philip Peschlow

So viel zur Vergangenheit. Das Drehbuch für die Fortsetzung „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ am kommenden Sonntag schrieb abermals der mehrfache Grimme-Preisträger Sascha Arango.

Eidinger erklärt sich das ungeheure Echo nach dem Ursprungswerk so: „Die Leute fühlten sich in ihrer ureigenen Angst angesprochen, dass ihnen das passiert und plötzlich traut man der eigenen Zahnbürste nicht mehr“, sagt der 39-Jährige mit Blick auf die Manie seiner Figur Kai Korthals. Für den Berliner Film-und Theaterstar („Familienfest“, „Was bleibt“ sowie „Hamlet“ und „Richard III.“) war es keine Frage, den Psychopathen erneut zu spielen. „Es war außerdem gut zu zeigen, dass diese Figur sich auch sonst entwickelt hat. Dass diese längere Zeit des Untertauchens und auch der Isolation dazu geführt hat, dass sich bestimmte Verhaltensweisen verstärkt haben.“ Und das gelingt Eidinger mühelos, etwa wenn er die Zuschauer direkt anspricht und über sein Wesen sinniert - ein Monolog mit Gänsehaut-Faktor.

„Kai Korthals ist zurück!“ – diese Worte wird Brandt Kommissar Borowski am Sonntag per Telefon mitteilen. An einem Strand an der Kieler Förde wurde zuvor eine verwirrte Frau in einer sargähnlichen Gefriertruhe aufgefunden. Aus dem Leib der Misshandelten wurde ein Baby herausgeschnitten. Sie zeichnet Bilder des Täters, die keine Zweifel über dessen Identität offen lassen.

Neben dem „stillen Gast“ kehrt auch die Ex-Polizeipsychologin Frieda Jung zurück.

Neben dem „stillen Gast“ kehrt auch die Ex-Polizeipsychologin Frieda Jung zurück.

Foto: NDR/Philip Peschlow

Borowski – neuerdings schnauzbärtig – hat für solche Dinge derzeit eigentlich gar keinen Kopf. Er schwebt nach seiner neu entfachten Liebe zu seiner seit fünf Jahren nicht mehr gesehenen Ex-Kollegin, der Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert), auf Wolke Sieben. Doch als seine Braut nicht zum Rendevouz erscheint und tags darauf ebenfalls nicht auftaucht keimt ein schlimmer Verdacht auf. Der ehedem neurotische Grantler verliert die Nerven und entdeckt ganz neue Seiten an sich. Ist Korthals seinetwegen zurückgekehrt?

Mit dpa

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