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TV-Kritik: "Borowski und der coole Hund" : So schön kann Tatort sein

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An der Kieler Förde avanciert der Tatort zum Hitchcock-Thriller. Nur für den schwedischen Co-Ermittler endet der Sonntagabend-Spaß mit Borowski jäh. Schade eigentlich.

Spannung à la Hitchcock, ambivalente Charaktere nebst wohldosiertem Humor: Mit dem Kieler Tatort "Borowski und der coole Hund" liefert das Öffentlich-Rechtliche einen furiosen Thriller, bei dem der eigentliche Horror im Kopf der Zuschauer entsteht.
Ein Besessener pfählt seine Opfer, streunende Tiere verbreiten Tollwut. Zugegeben: Das klingt, als hätten sich die Tatort-Macher wieder einmal zuviel vorgenommen. Doch statt unfreiwilliger Komik erwartet den Zuschauer Nervenkitzel. Das Publikum darf zittern, bisweilen schmunzeln, genießen. All das gelingt ohne erhobenen Zeigefinger binnen 90 Sendeminuten. Respekt.
Ermittler werden zu Gejagten
Der Kieler Krimi zeichnet komplexe Charaktere, voller Widersprüche und innerer Konflikte. Eine weltfremde Sex-Prinzessin und ein soziophober Tierschützer entlarven sich als harmlose Alltags-Irre. Doch hinter der Fassade eines freundlichen Sanitäters schlummert ein Besessener. Schließlich werden selbst die Ermittler zu Gejagten. Ohne eine Tüte Popcorn halten die Nerven der Zuschauer kaum stand.
Die Charaktere sind glaubwürdig entworfen und brillant besetzt; allen voran die Rolle des schwedischen Kommissars Stefan Enberg (Magnus Krepper), den seine Ermittlungen nach Schleswig-Holstein führen. Gesetze handhabt das Raubein flexibel, zudem macht Enberg jeder halbwegs attraktiven Frau Avancen. Oft mit Erfolg. Doch die neue Kieler Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) schmettert die Komplimente des Kollegen ab: "Mit dieser Sülze können Sie Brote beschmieren, cooler Hund funktioniert bei mir nicht." Ein entzücktes Lächeln kann Brandt sich trotzdem nicht verkneifen.
Enberg überlebt leider nicht lange
Enbergs Ehrgeiz ist geweckt. Schade nur, dass der schwedische Kommissar keine Gelegenheit mehr haben wird, die Brandt weich zu flirten - allzu bald wird der schwedische Kommissar selbst auf Pfähle gespießt. Wohl der einzig gravierende Schwachpunkt in "Borowski und der coole Hund": Das Fernsehpublikum hätte Enberg gern noch oft im Tatort begrüßt.
Besonders hübsch eine Szene, in der er seinen Freund Klaus Borowski (Axel Milberg) bei einer Vernehmung unterstützt. Unaufgefordert, versteht sich. Die Befragte - eine labile Nymphomanin - hat sich gerade absichtlich die Hand an einer Herdplatte verbrüht. Statt mitzufühlen führt Enberg der Quickie-Fee die Erbärmlichkeit ihres Daseins vor Augen. "Trotzdem hättest Du jetzt Lust, mit mir ins Bett zu gehen", raunt er anschließend in ihr Ohr und verschwindet. Dreister gehts nicht.
Subjektive Blickwinkel für extreme Schock-Momente
Wenigstens die einfallsreiche Kameraführung aus "Borowski und der coole Hund" könnte den Krimi-Fans erhalten bleiben. Regisseur Christian Alvart traut sich was. Gleich zu Beginn der Folge betrachtet der Zuschauer das Szenario beispielsweise aus den Augen eines Hundes. Als Borowskis Wecker schellt, kippt das Bild auf die Seite, die Kamera nimmt die Perspektive des liegenden Kommissars ein. Solch subjektive Blickwinkel ermöglichen extreme Schock-Momente: Beispielsweise als sich das Publikum mit einem Ermittler an das Haus eines vermeintlichen Psychopathen anschleicht: Plötzlich blitzt der Schopf einer Greisin zwischen Spinnweben im Fenster auf, hexengleich. Schreie gellen durch deutsche Wohnzimmer.
Ein Regisseur mit internationaler Erfahrung (Christian Alvart) und die Drehbuch-Vorlage eines Bestseller-Autors (Henning Mankell) geben dem Kieler Krimi Schub. Eine düstere Grundstimmung gepaart mit vagen Andeutungen beschert dem Publikum eine wunderbare Nervenprobe. Auch Sex-Talk und Fahndungsanalysen im Wodka-Suff wirken alles andere als öffentlich-rechtlich. So schön kann Tatort sein.

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erstellt am 08.Nov.2011 | 01:54 Uhr

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