Entlaufen in SH : Silvester-Hunde: Die traurigen Folgen der Knallerei

Diva aus Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) floh schon am 30. Dezember 2016 panisch vor einem Silvesterknaller – ihre Familie sucht weiter nach der Hündin.

Diva aus Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) floh schon am 30. Dezember 2016 panisch vor einem Silvesterknaller – ihre Familie sucht weiter nach der Hündin.

Böller und Raketen – für viele ein großer Spaß, für Tierbesitzer und vor allem für Tiere selbst purer Stress. Aktuelle Zahlen erschrecken.

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09. Januar 2018, 10:52 Uhr

Es ist eine traurige Statistik, die jetzt auf Facebook veröffentlicht wurde. Insgesamt 965 Hunde sind bundesweit um Silvester herum entlaufen. 533 davon sind wieder zuhause – 65 jedoch konnten nur tot gefunden worden. Das jüngste Opfer ist ein zwölf Monate alter Welpe aus Nordrhein-Westfalen. Überfahren während oder nach der panischen Flucht vor Böllern. Noch unklar ist der Verbleib von 367 Hunden.

Zum dritten Mal hat die AG Silvesterhunde sich die Mühe gemacht, Vermisstenmeldungen von Tasso, Ebay und sämtlichen Facebookseiten zu sammeln, zu sortieren und zu dokumentieren. Der Zeitraum: Vom 26. Dezember bis zum 4. Januar, da Feuerwerkskörper häufig auch in diesen Tagen gezündet werden. Noch bis Montag wurden die Daten aktualisiert.

Auch ein toter Hund in Schleswig-Holstein

Die AG Silversterhunde ist eine Gruppe von rund 50 Ehrenamtlern – darunter auch Vera Meyer aus Gettorf, die die Region Kiel und Eckernförde beackert hat. „Die Dunkelziffer wird leider sogar noch höher sein“, glaubt die 44-Jährige. „Wir können nur das berücksichtigen, was irgendwo gemeldet wird.“

Zumindest etwas weniger dramatisch scheinen zum Glück die Zahlen in Schleswig-Holstein in diesem Jahr. Beim Verein Tasso gingen zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Januar insgesamt 25 Meldungen ein. 19 vermisste Hunde und sechs Katzen. Mittlerweile wurden, abgesehen von einem Hund, alle Tiere zurückgemeldet. Auch dieser könnte aber bereits wieder in Sicherheit sein, nicht immer melden die Besitzer sich noch einmal.

Entlaufene Hunde in SH und HH 2017/18

Quelle: AG Silvesterhunde

Das Tierregister Tasso erfasse jedoch nur die dort angemeldeten Tiere – bundesweit immerhin fast neun Millionen. Auch für Schleswig-Holstein könne die Dunkelziffer damit jedoch höher sein, betonte Pressesprecherin Laura Simon gegenüber shz.de.

Ein regionaler Blick auf die gesammelten Daten der AG Silvesterhunde zeigt dann auch ein etwas anderes Bild. Diese verzeichnet insgesamt 38 entlaufene Hunde in dem untersuchten Zeitraum. Die meisten – nämlich 29 – sind auch hier bereits wieder zuhause. Ein Tier aus Reinbek konnte aber nur noch tot gefunden werden. Unbekannt ist der Status von acht Hunden aus Schleswig-Holstein. In Hamburg zählten die Ehrenamtler sechs Fälle. Bis auf eines sind alle Tiere als zurückgekehrt gemeldet worden.

Eine stichprobenartige Umfrage bei Schleswig-Holsteins Tierheimen bestätigt, dass die Jahreswende 2017/18 für die meisten Hunde im hohen Norden relativ glimpflich ausgegangen sein könnte. So berichtete das Tierheim Uhlenkrog in Kiel gegenüber shz.de etwa von acht als vermisst gemeldeten Hunden. Alle seien bereits wieder zuhause. In Flensburg seien zwei Hunde und zwei Katzen abgegeben worden – und ebenfalls wieder von ihren Besitzern abgeholt, teilte Tierheimleiter Stefan Bargmann mit.

Auslandshunde sind besonders ängstlich

Auch Katja Vogel, Tierheimleiterin in Henstedt-Ulzburg, zeigte sich erleichtert über verhältnismäßig wenige Fälle. Weitaus dramatischer sei es in den Vorjahren zugegangen. „Im letzten Jahr hat sich hier ein Hund panisch durch eine Katzenklappe gezwängt und wurde später überfahren.“ Auch für Katzen sei die Silvesterknallerei übrigens purer Stress, betonte sie. „Zwei stürzten in unserem Einzugsbereich im Vorjahr von einem Balkon, die eine war sofort tot, die andere hatte eine gebrochene Hüfte.“

Ein Grund für den glimpflichen Ausgang zum letzten Jahreswechsel könne das schlechte Wetter gewesen sein. „Da wurde vielleicht weniger geknallt.“

Bundesweit jedoch scheint die Zahl der Silvester-Hunde zu steigen. 2016/17 zählte die AG „nur“ 508 entlaufene Hunde, davon wurden 39 tot aufgefunden. „Das hängt auch mit der wachsende Zahl sogenannter Auslandshunde zusammen, die etwa aus Rumänien oder Griechenland nach Deutschland kommen, und häufig besonders ängstlich sind“, meint Vogel. Etliche dieser oft traumatisierten Tiere sind weiterhin verschwunden.

So wie Diva aus Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde), die am 30. Dezember 2016 verschwand und von ihrer Familie weiterhin schmerzlich vermisst wird. Eine eigene Facebook-Seite soll bei der öffentlichen Suche helfen. Mehrmals soll die Hündin kurz nach ihrer Flucht gesichtet worden sein.

Die Hündin Diva

„Ich lief und lief und lief. Und irgendwann schaute ich mich um und wusste nicht mehr, wo ich bin. Da war ich anscheinend im Dorf Bokel-Bahnhof. Ich schaute mich um. Eine Frau sah mich, aber ich kannte sie nicht und hatte Angst. Da kam auch schon der nächste Knall. Dabei war noch gar nicht Silvester. Ich rannte wieder los...ins Moor“, heißt es dort in einem Beitrag.

Ziel der mühsamen Zähl-Aktion der AG Silvesterhunde sei es, solche Fälle zukünftig zu verhindern und weiter für die Problematik zu sensibilisieren – vor allem Hundebesitzer, aber auch rücksichtslose Menschen, die Böller sogar mutwillig in der Nähe von Hunden hochgehen ließen. „Wir arbeiten gegen Windmühlen, aber das machen wir gern“, sagt Vera Meyer. „Jeder tote Hund ist einer zu viel.“
 

Hinweise für Hundehalter

Bewusstes Spazierengehen

Schon ein paar Tage vor und auch nach Silvester achtsam sein. So bietet es sich etwa an, morgens schon eine große Runde mit dem Hund zu gehen, wenn eher noch nicht geknallt wird. Gegen Abend sollte das Tier vorsichtshalber nur kurz rausgelassen werden. Danach nicht mehr.

Doppelte Sicherung und Leinenpflicht

Neben der normalen Leine kann noch ein Sicherheitsgeschirr genutzt werden. Eine Leine sollte um den eigenen Körper gelegt werden. Auf Freigang sollte in diesen Tagen verzichtet werden. Vera Meyer von der AG Silvesterhunde: „Die eine Woche überlebt der Hund es schon angeleint. Wenn er voller Adrenalin und panisch wegrennt, ist die Chance dagegen groß, dass er es nicht überlebt.“

Sicherheitsgeschirr kann man auch mieten

Über die Initiative „Tierschutz rettet Leben“ können Sicherheitsgeschirre gegen eine Kaution und eine wöchentliche Gebühr von zwei Euro gemietet werden. Auch Vera Meyer vermietet dieses Zubehör. Das Angebot wird mittlerweile gut genutzt und die Gebühren fließen in die Anschaffung neuer Geschirre.

Homöopathische Betreuung und andere Hilfsmittel

Homöopathie kann helfen, den Hund zu beruhigen. Damit sollte man aber bereits frühzeitig anfangen. Die Behandlung sollte mit einem Tierarzt oder Tierheilpraktiker besprochen werden. Auch Bachblüten oder sogenannte Rescuetropfen können beruhigend wirken. Hilfreich könnten auch Geräusch-CDs oder sogenannte thunder-shirts sein.

Beruhigungstabletten

Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass viele Tierschützer von diesen Pillen abraten. Die Kritik: Einige Produkte stellten den Hund nur ruhig, er bekomme aber weiterhin alles mit, sei dabei aber bewegungsunfähig.

Höhle bauen, Sicherheit ausstrahlen, ablenken

Es kann helfen, dem Hund in der Wohnung eine Höhle zu bauen und ihm je nach Typ Gesellschaft zu leisten oder aber ihn in Ruhe zu lassen. Bei einigen Tieren kann es auch helfen, während des Feuerwerks ausgiebig zu spielen. Das lenkt ab. In jedem Fall ist es sinnvoll, selbst Sicherheit auszustrahlen.

Kurztrip

Hat man einen ängstlichen Hund, kann man dem Problem auch einfach entgehen, indem man etwa eine Gegend aufsucht, in der möglichst wenig geknallt wird.

Ein „NoGo“...

... ist es, den Hund um 0 Uhr mit nach draußen zu nehmen – auch wegen der Verletzungsgefahr und dem Lärm.

 
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