Besser als das Original? : "Sicario 2" zündelt mit Trumps Mexiko-Rhetorik

Sicario 2 - Day of the Soldado: Alejandro Gillick (Benicio Del Toro).
Sicario 2 - Day of the Soldado: Alejandro Gillick (Benicio Del Toro).

Ist "Sicario 2" eine Bebilderung der Trump-Rhetorik? Oder gerade nicht? Die Fortsetzung des Action-Thrillers überrascht.

shz.de von
17. Juli 2018, 00:00 Uhr

Berlin | Plötzlich hochpolitisch: Drei Jahre nach dem Original platzt "Sicario 2" (Filmstart 19. Juli) mit seiner Geschichte vom Menschenhandel der der mexikanisch-amerikanischen Grenze mitten in die Migrationsdebatte. Wie positioniert sich der Film mit Josh Brolin und Benicio del Toro?




 

Sicaro - worum geht es hier eigentlich?

In Denis Villeneuves „Sicario“ (2015) ermordete der Auftragskiller Alejandro einen mexikanischen Kartellboss samt Frau und Kindern – im Auftrag der CIA und zugleich mit persönlichem Motiv: Die Mafia hatte seine Familie auf dem Gewissen. In der Fortsetzung wird der Söldner reaktiviert – diesmal um die Tochter eines Drogenbosses zu entführen, die Tat dessen Konkurrenz in die Schuhe zu schieben und die Kartelle so in einen Krieg zu verstricken. Je mehr die Gangster sich gegenseitig bekämpfen, desto leichter ist ihr grenzüberschreitender Menschenhandel zu unterbinden. (Hollywood-Schurke Del Toro ist gesetzestreu)

Folter, Selbstjustiz und Gewalt gegen die eigenen Leute: Schon im ersten Teil zeichnete der Thriller ein finsteres Bild vom Amerikas Rolle im mexikanischen Drogenkrieg. Die Fortsetzung schließt nahtlos daran an; drei Jahre und eine US-Wahl später ist trotzdem alles anders: Durch Donald Trumps Mauerbau-Pläne steht die Genre-Produktion im direkten Kontext der Migrationspolitik. Bedient die Fiktion also Ängste, mit denen Trump in der Realität Politik macht?


Sicario 2 - Day of the Soldado: Matt Graver (Josh Brolin).
Sicario 2 - Day of the Soldado: Matt Graver (Josh Brolin).


Verfilmt "Sicario 2" Donald Trumps Propaganda?

Am Anfang schrillen tatsächlich alle Alarmglocken: In der ersten Sequenz zündet ein illegaler Einwanderer bei der Grenzkontrolle einen Sprengstoffgürtel. In der zweiten, nur schwer auszuhaltenden, reißt ein Supermarkt-Attentäter eine Mutter und ihr Kind mit sich in den Tod. Die dritte feiert die klinische Präzision, mit der US-Spezialkräfte Piraten töten. Flucht und Terror sind eins, das Land ist nicht mehr sicher, und nichts brauchen die USA dringlicher als die Schlagkraft von Militär und Geheimdiensten: Die ersten Minuten von „Sicario 2“ erscheinen wie die Bebilderung rechter Rhetorik. Danach erscheint es dann fast als notwendige Grausamkeit, wenn der CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) einen Verdächtigen unter Druck setzt, indem ihn beim Drohnenangriff auf sein eigenes Haus zusehen lässt. Aber eben nur fast.

Denn Alejandros verdeckte Operation entgleitet: Die zündelnden CIA-Leute entfachen einen Flächenbrand, der sie bald selbst bedroht und eine internationale Krise provoziert. Am Ende stellt sich sogar heraus: Der Supermarkt-Attentäter vom Anfang war nicht mal über Mexiko eingereist. Was ändert das schon, fragt der CIA-Mann. Es ändert die Geschichte, die wir der Welt erzählen, antwortet ihm seine Chefin. Das gilt auch für den Thriller selbst – der die Fantasie einer sauberen Geheimdienstaktion nur zitiert, um sie nach allen Regeln der Kunst implodieren zu lassen. Beim Abspann ist „Sicario 2“ ein Film über den militärischen Kontrollverlust, über Krieg als Inszenierung und über die Marktlogik eines Menschenhandels, den geschlossene Grenzen nur lukrativer machen. (Von Ant-Man bis Bergman: Was bringt der Kino-Monat Juli?)

Am Ende will "Sicario" zu sehr den dritten Teil

Die Geschichte ändern – das Prinzip gilt auch für die Figuren, die diesmal alle ins Kippen geraten. (Die Regie ist bei der Fortsetzung von Denis Villeneuve an Stefano Sollima gegangen, das Drehbuch hat wieder Taylor Sheridan geschrieben.) Die Tochter des Drogenbosses, eingeführt als aggressive Tyrannin, entwickelt sich zur Augenzeugin der Schleppergewalt. Josh Brolins CIA-Mann Graves wird vom Vollstrecker zum trotzigen Zweifler. Und Benicio del Toro, der den Söldner Alejandro im ersten Film als zielstrebigen Rächer spielte, ist müde geworden. In einer der wenigen stillen Szenen spricht er in Gebärdensprache vom Tod seiner gehörlosen Tochter. Eine einzige Geste, und über seine hoffnungslose Trauer ist alles gesagt. Sollimas Film ist nicht nur in seiner Gewaltdarstellung ungeheuer suggestiv; ihm gelingen auch Dialoge, die in einem Wort Bedeutungsräume öffnen, und Blicke, in denen das ganze Leben einer Figur erzählt ist.

Nur am Schluss will der ausgezeichnete Thriller zu viel. Geschichten um die junge Generation des Drogenkonflikts – neben der Tochter des Kartellchefs spielt ein Nachwuchskiller eine größere Rolle – bleiben offen. Und ein ebenso spektakuläres wie deprimierendes Ende der Haupterzählung wird mit einem Taschenspielertrick wieder zurückgenommen. Das alles ist nötig, um einen dritten Teil zu drehen – den man dann aber, bitte schön, zumindest ganz schnell sehen möchte.

„Sicario 2: Day of the Soldado“. USA 2018. R: Stefano Sollima. D: Benicio Del Toro, Josh Brolin, Catherine Keener, Matthew Modine. 122 Minuten, ab 18 Jahren. Der Film startet am 19. Juli in den deutschen Kinos.


 



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