Nepal nach dem Erdbeben : Selfie-Touristen und selbstlose Helfer im Katastrophengebiet

Alle Ausländer in den Bergen Nepals, von denen die Polizei den Aufenthaltsort kannte, sind gerettet worden. Viele blieben - manche, um Tag und Nacht zu helfen, andere, um Selfies zu klicken oder zu kiffen.

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02. Mai 2015, 11:56 Uhr

Kathmandu | Während des Erdbebens herrschte Touristen-Hochsaison im Himalaya. „Als die Erde bebte, war uns sofort klar: Der Urlaub ist vorbei“, erzählt Martin Calineata. Der 27-Jährige aus der Nähe von Frankfurt am Main war während des Erdbebens vor einer Woche gerade mit Mediziner-Freunden in Nepal unterwegs. „Für uns Ärzte ist das selbstverständlich, wir wollen und müssen helfen“, sagt Calineata. Die Deutschen schlossen sich der Organisation Karma Flights an, die eigentlich Tandem-Paragliding für den guten Zweck anbietet. Doch nach dem Erdbeben stellten sie ein Hilfsteam auf die Beine und schickten es Richtung Epizentrum.

Die Fahrt ins Gebirge dauerte lange, und war wegen der zahlreichen Erdrutsche gefährlich. In Saurpani im schwer getroffenen Distrikt Gorkha bauten die Helfer ein großes Zelt auf, in dem sie medizinische Versorgung anboten und Kleidung sowie Nahrungsmittel verteilten. „Als wir kamen, waren die Schwerverletzten schon ausgeflogen, da war die Armee wirklich schnell“, sagt Calineata. „Wir haben viele Rippenbrüche behandelt, von verschütteten Menschen, und tiefe Schnittwunden, oft von herabfallenden Wellblechdächern.“

Mit im Karma-Flights-Lager ist auch der Deutsche Jordane Schönfelder - ein 191 Zentimeter großer Mann. Seine Arbeitskraft wird gebraucht, denn in vielen Dörfern Nepals gibt es kaum noch junge Männer. Diese leben meist in den Städten oder schuften als Arbeitsmigranten auf der arabischen Halbinsel oder Malaysia. „Wo Brücken eingestürzt waren, bin ich als erster durch den Fluss gewatet und habe Seile gespannt“, erzählt Schönfelder. Stundenlang habe er Ausrüstung getragen, Essen in die abgelegensten Dörfer gebracht, koordiniert und übersetzt.„Aber wir hatten auch Freiwillige im Lager, die haben nur unsere Verpflegung weggegessen und nichts selbstständig gemacht“, ärgert Schönfelder sich. Oder, noch schlimmer: Essen in den Dörfern gekauft.

„Die hatten nur ihre Kameras dabei. Das sind Schaulustige“, sagt der 25-Jährige. Auch Calineata berichtet von „Katastrophentouristen“, sowohl Nepalesen aus der nächsten Stadt als auch Ausländern. „Außerdem gab es Hippies, die nur in unserem Camp herumsaßen und gekifft haben, während andere die Berge hochgerannt sind.“

Die SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Elitsa Dincheva aus München war während des Bebens ebenfalls zufällig in Nepal. Sie wurde von der Katastrophe auf einer Wanderung überrascht und entkam nur knapp herabfallenden Steinen. Nun arbeitet sie in einem Camp, das sich speziell um kleine Kinder kümmert. „Die Kinder haben Bilder gemalt und man sieht richtig, wie sie versuchen, das Erdbeben darin zu verarbeiten: Auf den Bildern ist alles kaputt“, sagt sie.

Zehntausende Touristen flohen in der vergangenen Woche aus dem gebeutelten Himalaya-Land. Andere, wie einige Bergsteiger am Mount Everest, blieben erstmal mit ihren Vorräten in den Bergen, um nicht im Weg zu sein. Manche schlossen sich lokalen Gruppen an, etwa beim Verpacken von Reis, Nudeln, Säften, Zelten und Medikamenten für Bergdörfer. „Ich habe gesehen, wie zwei Israelis bei den Menschen in der Region Langtang geblieben sind, um zu helfen. Sie weigerten sich, in den Rettungshubschrauber zu steigen“, sagt die Israelin Dana Luria. „Ich bin sehr stolz auf sie.“

Der Deutsche Schönfelder kann das nicht von allen Ausländern behaupten. Manche gäben fast ihr letztes Hemd, damit es zu den Bedürftigen gebracht werden könne. „Im Touristenort Pokhara stehen die Leute Schlange, um zu helfen“, sagt er. Doch es gebe eben auch jene wie den jungen Österreicher, der zu ihnen ins Camp kam. „Er sagte uns, er habe eine medizinische Ausbildung - dabei hatte er nur einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Er schoss Selfies von sich, nach dem Motto: Guckt mal, wie ich helfe.“

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