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Germanwings-Flug 4U9525 : Schweigeminute für tote Schüler aus Haltern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

16 Schüler und zwei Lehrerinnen eines Gymnasiums in NRW sterben an Bord der abgestürzten Germanwings-Maschine.

shz.de von
erstellt am 24.Mär.2015 | 20:16 Uhr

Haltern | Mit einer Schweigeminute gedachten alle Schulen in Nordrhein-Westfalen den Opfern des Flugzeugabsturzes in Frankreich. Um Punkt um 10.53 Uhr, dem Zeitpunkt, an dem am Dienstag der Kontakt zum Flug 4U9525 abbrach. „Wir können den Schmerz nur teilen, und aus dem gemeinsamen Teilen kann ein wenig Trost erwachsen“, sagte Schulministerin Sylvia Löhrmann. 16 Schüler und zwei Lehrer des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See waren am Dienstag beim Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ums Leben gekommen.  „An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es vorher war“, sagt der Schulleiter des Gymnasiums, Ulrich Wessel, am Tag nach dem Unglück. Die Stadt kündigte an, alle öffentlichen Veranstaltungen abzusagen.

In der westfälischen Stadt erinnert am Mittwochmorgen ein Lichtermeer vor dem Gymnasium an die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen, die bei dem Unglück ums Leben kamen. „Hier herrscht ein Schockzustand“, sagte ein Polizist. Die verunglückten Schüler hatten mit ihren beiden Lehrerinnen nach einem Spanien-Aufenthalt wieder in die Heimat zurückkehren wollen. „Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein“, stand auf einem Schild auf dem Schulhof.

Die Kinder der Schule hatte der Direktor am Unglückstag nach Hause geschickt. Doch schon am Nachmittag kommen sie wieder. Sie nehmen sich in die Arme, halten sich an den Händen. Viele weinen. Dann stecken sie Kerzen an. Ein paar auf dem steinernen Tischtennistisch, der auf dem Schulhof steht, noch viel mehr vor dem Eingang zum Schulgebäude, der von einem Mannschaftswagen der Polizei versperrt wird. „Irgendwie“, sagt ein junges Mädchen, „kann man gar nicht begreifen, was da heute passiert ist.“

Die sechste Stunde ist vorbei, da tönt die Stimme von Direktor Ulrich Wessel aus der Lautsprecheranlage der Schule. Der Unterricht sei für heute beendet, sagt er, aber das sei kein Grund zur Freude. „Es ist etwas Schlimmes passiert“. Die älteren Schüler ahnen, was er damit meint. Sie haben schon gehört von dem Absturz der Germanwings-Maschine. „Und natürlich war bekannt, dass unser Spanisch-Kurs an diesem Tag zurückkommen sollte“, sagt Jan, der in ein paar Wochen Abitur machen will. 16 Jungen und Mädchen und zwei Lehrer waren vor einer Woche nach Llinars del Vallés bei Barcelona aufgebrochen, um sich zu revanchieren für einen Besuch der Spanier im Dezember. Seit sechs Jahren schon gibt es diesen Austausch.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die schreckliche Nachricht auf dem Schulhof. „Viele haben geweint“, sagt Jan: „Irgendeinen aus der Gruppe hat jeder gekannt.“ Kurz keimt Hoffnung auf, die Reisegruppe habe den Flieger verpasst, habe auf den Nachmittagsflug umgebucht. Aber seit zehn Uhr am Morgen gibt es keine Internet-Nachrichten mehr von der Gruppe. „Das klingt jetzt vielleicht komisch“, sagt Dustin. „Aber dann weißt du, es ist etwas passiert.“ Notfallseelsorger sind gekommen, um zu trösten, wo es keinen Trost gibt. Am Nachmittag wirkt die Stadt wie gelähmt. Niemand lacht, keiner lächelt, alle kennen nur ein Thema. „Schlimm“, sagen sie beim Bäcker, „entsetzlich“ in der Eisdiele.

In der direkt neben dem Gymnasium liegenden Alexander-Lebenstein-Realschule ist der für diesen Tag angesetzte Elternsprechtag abgesagt worden. Einige Eltern sind noch vor Ort, in ihren Gesichtern nur Leere. In Kleingruppen stehen Lehrer auf den Treppen vor dem Hauptportal. Sie sprechen nicht, sie schauen nur. Ins Nichts. „Ich darf gar nicht daran denken, was die Eltern der verunglückten Kinder jetzt durchmachen“, sagt eine Mutter. „Es muss wie ein Alptraum sein, der nie mehr endet.“

Einige Mädchen gehen langsam vom Schulhof, halten sich dabei gegenseitig im Arm. Kurzfristig hat die St. Sixtus-Gemeinde für die Schüler aus ihrer Kirche einen Trauerraum gemacht. Auf dem Weg hinüber in die Innenstadt sprechen die Schülerinnen über ihre Mitschüler, mit denen sie nie wieder eine Pause verbringen können, über ihre Lehrerinnen, das unendliche Leid der Familien. In der Kirche hat Kaplan Thorsten Brüggemann den jungen Leuten einen „Ort der Stille“ geschaffen, an dem „sie trauern können, ohne beobachtet zu werden“.

Nebenan beginnt derweil die Pressekonferenz von Bürgermeister Bodo Klimpel. Sichtlich angegriffen spricht er vom „schwärzesten Tag in der Geschichte unserer Stadt“ und von einem „Schockzustand, der überall zu spüren ist“. „Das ist so ziemlich das Schlimmste was man sich vorstellen kann.“

Auch in der spanischen Kleinstadt Llinars del Vallés hat sich tiefe Trauer ausgebreitet. „Die Familien der spanischen Schüler hatten ihre deutschen Gäste am Morgen zum Bahnhof gebracht“, sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Josep Aixandri. „Von dort fuhren sie mit der Bahn zum Flughafen von Barcelona.“ Der Germanwings-Airbus stürzte auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf ab.

Das Joseph-König-Gymnasium soll heute nicht geschlossen bleiben. „Es wird aber keinen normalen Unterricht geben“, sagt Klimpel, sondern „eine schulinterne Veranstaltung in der Aula“. Trauerarbeit. Die wird nicht an einem Morgen zu bewältigen sein, ahnt Kaplan Brüggemann, der den ganzen Tag als Notfallseelsorger unterwegs war. „Bis die Stadt dieses Unglück verarbeitet hat, das wird dauern.“

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