Christianstraße in Neumünster Tufan Krioglu: Der Türke mit dem Bundesverdienstkreuz

Von Christina Norden | 17.08.2017, 17:50 Uhr

Die türkische Gemeinde ist eine zentrale Anlaufstelle beim Thema Integration – vor allem Dank Tufan Kiroglu.

Wer zu Tufan Kiroglu ins Büro der türkischen Gemeinde in der Christianstraße kommt, bekommt als erstes einen Tee angeboten. Bei einem Glas des türkischen Nationalgetränks lassen sich Probleme leichter lösen. Damit kennt sich Tufan Kiroglu aus. Aus seinem 1995 ursprünglich für türkische Arbeiter gegründeten Verein hat sich inzwischen eine Integrationsberatungsstelle entwickelt – auch, wenn das offiziell gar nicht seine Aufgabe ist.

Mehr Informationen:

Christianstraße Beschreibung des Projekts


Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße


Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden. Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Längst sind es nicht mehr nur Türken, die bei Tufan Kiroglu Rat suchen. „Inzwischen haben wir sogar mehr Mitglieder aus anderen Nationalitäten“, sagt der 68-Jährige. Insgesamt sind es aktuell 40 Familien. Syrer, Afghanen, Bulgaren, Rumänen sogar Vietnamesen. Die offiziellen Migrationsberatungsstellen seien voll belastet, arbeiten nur mit Termin. „Wenn man aber nur einen Brief verstehen will, dauert das fünf Minuten. Dazu braucht man keinen Termin, das machen wir“, meint Kiroglu.

 „Auch wenn die Leute nicht Türkisch sprechen, versuchen wir zu helfen“, so Kiroglu. Inzwischen verfüge er über ein gutes Netzwerk von Dolmetschern. Oder er verständigt sich mit Händen und Füßen. Wie neulich. „Da hat mich ein junger Mann aus Syrien aufgesucht. Er hat es geschafft, mir deutlich zu machen, dass seine Frau sehr wahrscheinlich schwanger sei und sie einen Termin beim Frauenarzt brauchen“, erinnert sich Kiroglu. „Also habe ich bei einem Arzt angerufen und ein Treffen arrangiert.“ Diese Hilfsbereitschaft spricht sich in der Nachbarschaft herum – und so ist die türkische Gemeinde zur zentralen Anlaufstelle der meisten Zuwanderer geworden.

Der entscheidende Faktor dabei ist Vertrauen. Im Gegensatz zu allen anderen Initiativen, die sich in der Christianstraße bei der Integrationsarbeit engagieren, haben Tufan Kiroglu und seine Frau Nilgün am eigenen Leib erlebt, was es heißt, die Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land zu gehen. Und das mit Erfolg! Tufan Kiroglu hat es geschafft. Er ist ein Vorbild für alle, die bei ihm Rat suchen. Er ist integriert. Das zeigt nicht nur sein deutscher Pass, den er neben dem türkischen sein Eigen nennt. Das zeigt sein Leben.

Vertrauen ist der Schlüssel zur Integration

Tufan Kiroglu war einer der ersten Türken in Deutschland, die Mitglied in einem SPD-Kreisvorstand wurden. (Zitat: „Jetzt ist das keine Nachricht mehr, aber 1982 haben Radio und Fernsehen über mich berichtet.“) Er war der erste Türke in Schleswig-Holstein, der Mitglied einer Ratsversammlung wurde. 27 Jahre lang engagierte er sich im Kreisvorstand der Awo in Neumünster. Er hat ein Buch über die ersten Türken in Neumünster geschrieben, war ehrenamtlicher Richter beim Amtsgericht und organisierte beruflich Lehrgänge für ausländische Jugendliche. Für all das wurde er 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Kiroglu ist stolz auf das, was er selbst geschafft hat. Und er weiß, was er von anderen verlangen kann. „Als ich 1976 nach Neumünster gekommen bin, war es deutlich schwerer, sich hier einzuleben als heute“, erinnert er sich. „Als ich nach Deutschland kam, haben meine Frau und ich in der Uni Deutsch gelernt. Da gab es ein Buch. Da haben wir sehr viel Grammatik gelernt. Das konnte ich am Ende sogar besser als die Deutschen. Aber sprechen konnte ich nicht.“ Heute bietet Kiroglu bei der türkischen Gemeinde selbst Deutschkurse an. „Die neuen Bücher sind viel besser. Man lernt die passenden Vokabeln, die man braucht, um sich eine Wohnung zu suchen oder einkaufen zu gehen.“

Sprache ist wichtig, aber nicht das Wichtigste

Sprache ist für Kiroglu ein Schlüssel zur Integration. Aber es ist nicht der Anfang. „Man kann nicht erwarten, dass die Menschen zuerst Deutsch lernen und dann wird mit der Integration begonnen“, erklärt er. Das dauere sonst zu lange. Kiroglu wünscht sich, dass Zuwanderer mehr in ihrer Sprache informiert werden – zum Beispiel, wie Behördengänge funktionieren. „Die Menschen leben hier, sie müssen auch ohne Sprache integriert werden.“

Integration per Whatsapp

Ein erster Schritt dazu sei, dass die Nationalitäten sich selbst in Gruppen organisieren. Auch dabei helfe die türkische Gemeinde. „Wir haben schon für die syrische, bulgarische und rumänische Community Satzungen verfasst“, erzählt Kiroglu. „Wenn die unter sich nicht organisiert sind, dann haben wir 800 Personen, die nicht Deutsch können. Wie soll man die dann erreichen?“ Wenn die Menschen sich aber untereinander vernetzen, gibt es jeweils Ansprechpartner – wichtig für die Polizei, für die Stadt und die türkische Gemeinde. „Wir informieren über unser Integrationsangebot via Whatsapp“, erzählt Kiroglu. Jede Community hat eine eigene Whatsapp-Gruppe. Die Originalnachricht wird dann jeweils auf Deutsch verschickt und dann in den einzelnen Gruppen übersetzt. „Ab dem ersten Tag kann man so Integration einfacher machen“, glaubt Kiroglu.

Konflikte im Keim ersticken

Doch natürlich ist nicht immer alles einfach. Krioglu erlebt jeden Tag, welche Probleme Migranten in der Christianstraße haben. Dabei betont er: Es ist nicht die Ausländerfeindlichkeit („Von Zeit zu Zeit werden Wände mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert, aber es gibt hier keine Schlägerein.“) Vielmehr schaukelten sich Probleme mit der Zeit hoch. Er erinnert sich zum Beispiel an einen Konflikt in der Daz-Klasse der Helene-Lange-Schule. „Mit Tischen beworfen und beklaut: An Sprach-Schulen eskaliert die Gewalt“, titelten Medien im Januar 2017. Auch Eltern hatten sich massiv – mit Kampfhunden – in den Streit der Nationalitäten eingeschaltet und es kam auf dem Schulhof zu Massenschlägereien. Laut Krioglu begann die Eskalation, als ein Mädchen einem anderen an den Haaren gezogen hatte. Daraufhin entbrannte ein Streit zwischen den Familien. Polizei und Schulleitung seien hilflos gewesen. Doch seitdem zwischen den Kindern wieder Frieden herrsche („gemeinsamer Sport verbindet“), verstünden sich auch die Eltern wieder besser. „Man muss Konflikte von Anfang an lösen, da kann die Polizei nicht helfen, weil sie keine Vertrauensperson sind, weil sie die Sprachen nicht verstehen, auch nicht die Stadt“, ist Kiroglu überzeugt. Stattdessen müsse man vor Ort sein, um den Streit im Keim zu ersticken.

Das gelte auch in anderen Bereichen – zum Beispiel, wenn sich Migranten verschulden. „Zu mir kommen immer wieder Leute, die die Rundfunkgebühren nicht gezahlt haben und dann Probleme bekommen.“ Sie verstehen nicht, was in den Briefen steht, also zahlen sie nicht. Kiroglu erklärt dann: „Wenn du ein Schreiben bekommst, dann musst du zahlen. Wenn du nicht zahlen willst, musst du Widerspruch einlegen. Wenn du nicht zahlen kannst, musst du das auch sagen. NICHT WARTEN. NICHT WEGSCHMEISSEN.“ Wenn man ihnen das von Anfang an klar machen würde, gäbe es weniger Probleme, ist sich Kiroglu sicher. Deshalb ist es wichtig, immer vor Ort und am Ball zu sein.

Doch das kostet viel Zeit und Kraft. Kiroglu ist eigentlich in Rente, aber es gibt noch so viel zu tun. An ein Ende seines Engagements ist noch nicht zu denken. Kann es denn so weiter gehen? Kiroglu ist überzeugt, dass Integration gelingen kann. Er selbst ist das beste Beispiel. Nur einen Wunsch hat der Ehrenamtliche: eine hauptamtliche Schreibkraft, die den ganzen Papierkram erledigt. Ob das klappt? Abwarten und Tee trinken.