Christianstraße in Neumünster Ein Quartiersmanager im Kampf gegen den sozialen Abstieg

Von Christina Norden | 17.08.2017, 17:54 Uhr

Alexander Kühn will das Positive betonen, aber auf Missstände aufmerksam machen. Kein leichtes Unterfangen.

Alexander Kühn ist ein Kümmerer. Seine offizielle Berufsbezeichnung ist Quartiersmanager des Vicelinviertels in Neumünster. Aber was der 36-Jährige konkret macht, lässt sich banaler ausdrücken: Er kümmert sich um die Bedürfnisse der Bewohner. Und da hört es dann auch schon wieder mit der Banalität auf. Denn als Kümmerer in der Christianstraße steht man vor vielen Herausforderungen.

Mehr Informationen:

Christianstraße Beschreibung des Projekts

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden. Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Leerstehende Geschäfte, hohe Arbeitslosigkeit, überdurchschnittlich viel Bewohner mit Migrationshintergrund, viele sanierungsbedürftige Gebäude: Kühns Arbeitsort gilt als sozialer Brennpunkt in Neumünster. „Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Stadtteil nicht noch weiter abgehängt wird.“

Kühn arbeitet im Auftrag der Stadt, finanziert wird seine Arbeit durch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“. Der Titel klingt nett, ist aber eigentlich das Eingeständnis dafür, dass im Stadtteil etwas schief läuft - oder zumindest schlechter als anderswo. Zum Vergleich: Zuletzt wurden in Schleswig-Holstein außer dem Vicelinviertel noch sechs andere Gebiete durch das Programm gefördert. „Der Bund unterstützt die Stabilisierung und Aufwertung städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligter und strukturschwacher Stadt- und Ortsteile“, heißt es von offizieller Seite. Alexander Kühn erklärt: „Im Prinzip hängt hier aber alles mit Integration zusammen.“

Sein Ziel ist es, das Vicelinviertel zu einem lebenswerten Stadtteil für Familien mit Kindern, Senioren und junge Paar- und Singlehaushalte unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft zu entwickeln. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht. Stattdessen will der studierte Geograf Impulse setzen, um das multi-kulturelle Zusammenleben zu verbessern. Zur Verfügung stehen ihm dafür pro Jahr bis zu 30.000 Euro. Das Geld wird dabei nicht für eine große Sache ausgegeben, sondern auf Projekte à 2500 Euro aufgteilt. So kann jedes Jahr das multi-kulturelle Stadtteilfest gefeiert werden, Hinterhöfe werden verschönert, leerstehende Schaufenster mit Fotos der Anwohner beklebt. Jeder Anwohner kann Anträge für Projekte stellen, von denen der Stadtteil profitiert. Ein Vergabebeirat entscheidet schließlich, welche der beantragten Maßnahmen umgesetzt werden können.

„Wenn es die Projekte nicht geben würde, dann sehe es hier noch ganz anders aus“

Die Fördersummen sind allerdings ein politisch heiß diskutiertes Thema, berichtet Kühn. „Immer wieder stellen Gegner das Projekt in Frage. Es laufe immerhin schon seit 1999. Dann heißt es: Wo sind die Abiturienten aus dem Vicelinviertel? Dabei bedenkt keiner, dass viele Probleme immer wieder in solchen Stadtteilen landen. Man sieht vielleicht keinen Fortschritt, aber wenn es die Projekte nicht geben würde, dann sehe es hier noch ganz anders aus.“

Kühn ist als Quartiersmanager deshalb nicht nur Kümmerer, er ist auch Fürsprecher. Er weiß, dass das Vicelinviertel der einzige Stadtteil in Neumünster ist, in dem es keine zuverlässige Nachmittagsbetreuung gibt und er spricht Themen wie diese laut an. „Es kommt dann immer das Argument, hier arbeitet doch eh niemand. Das stimmt vielleicht teilweise. Aber es gibt einen Anteil, der gerne arbeiten möchte, und es kann nicht sein, dass sie daran gehindert werden. Wenn sie nicht das gleiche Angebot bekommen, werden sie nie aus dem Vicelinviertel herauskommen.“

Immer wieder gerät er im Gespräch in die Zwickmühle, auf die Probleme aufmerksam zu machen und gleichzeitig Vorurteile zu bekämpfen, indem er das Schöne und Positive hervorhebt. Dann sagt er Sätze wie: „Nirgendwosonst hört man so viele verschiedene Sprachen und riecht man so viele Aromen.“ Oder: „Ich weiß nicht, ob das alles in den Artikel muss, das ist ja jetzt immer so negativ.“

Zuwanderer werden abgezockt

Aber Kühn weiß, dass er die Probleme nicht klein reden kann. Stattdessen begibt er sich in die Ursachenforschung. „Der Hintergrund, warum es hier aktuell nicht besser werden kann, ist dass es in den vergangenen Jahren eine so starke Zuwanderung von Menschen gab, die den katastrophalen Wohnraum wieder mieten.“ Normalerweise seien die Wohnungen nicht zu vermarkten. Kühn erzählt von verschimmelten Wohnblöcken mit undichten Türen, Fenstern und Wänden, in denen vor allem EU-Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänen wohnen. „Aber die werden ja unter irgendwelchen dubiosen Netzwerken vermietet, die die Leute hierherholen und abzocken.“ Diese Netzwerke würden als Unterstützer auftreten, dann aber staatliche Hilfen der Zuwanderer abkassieren. „Die Migranten können ja kein Deutsch, die wissen nicht, was sie unterschreiben. Da werden Konten mit Vollmachten eröffnet und irgendwann räumen die angeblichen Helfer die Konten leer.“ Kühn erzählt weiter: „Dann haben die Leute, die hier wohnen, Schulden – diejenigen , die hierhergeholt wurden, die überhaupt nichts verstehen.“ Doch sie seien am Ende diejenigen, die belangt werden. „Weil sie halt die armen Schweine sind“, sagt Kühn. Mittlerweile gebe es immerhin eine Taskforce aus Polizei, Zoll und Jobcenter, die eng zusammenarbeiten, um die Hintermänner ausfindig zu machen und ihnen das Leben schwer machen.

Der Fall zeigt: Die Probleme, mit denen Kühn im Vicelinviertel konfrontiert ist, lassen sich nicht im Handumdrehen lösen. Der Quartiersmanager wünscht sich deshalb vor allem eins: Kontinuität. „Die aktuelle Förderperiode läuft noch bis Ende 2018. Vielleicht wird dann noch einmal verlängert, aber spätestens 2020 läuft die Städtebauförderung aus.“ Doch auch darüberhinaus werden die Christianstraße und das Vicelinviertel noch jemanden brauchen, der sich für die Bewohner einsetzt und sich um ihre Bedürfnisse kümmert.