Christianstraße in Neumünster Eilean Layden ist die Netzwerkerin für Integration

Von Christina Norden | 17.08.2017, 17:50 Uhr

Wenn es um Integration in Neumünster geht, hat Eilean Layden ein Wort mitzureden. Sie weiß, wo der Schuh drückt.

Eilean Layden arbeitet als Koordinatorin für Integration bei der Stadt Neumünster. Ihr Name deutet auf den eigenen Migrationshintergrund hin: Ihr Vater ist Schotte, die Mutter stammt aus Nordfriesland. Geboren wurde die 33-Jährige in Teheran, heute lebt sie in Kiel.

Frau Layden, warum braucht man in Neumünster – und speziell in der Christianstraße – eine Koordinierungsstelle Integration?

Das Vicelinviertel, in dem die Christianstraße liegt, hat den größten Migrationsanteil in Neumünster. Mein Aufgabenfeld ist sehr vielfältig. Ich habe weniger mit einzelnen Personen zu tun, sondern koordiniere die Vernetzung der Organisationen und Vereine - sodass nichts doppelt gemacht wird. Egal ob DRK, türkische Gemeinde oder die Merkezefendi Moschee - ich stehe mit allen regelmäßig in Kontakt, um beispielsweise die interkulturelle Woche zu planen. Der Austausch untereinander und mit der Stadt ist sehr wichtig und dafür bin ich zuständig. Außerdem unterstütze ich die Organisationen in ihrer oftmals ehrenamtlichen Arbeit und schaue, wo Bedarf besteht.

Mehr Informationen:

Christianstraße Beschreibung des Projekts


Besonderes Recherche-Projekt: Der 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße


Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Geflohenen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Politiker machen sich Gedanken über eine deutsche Leitkultur. Doch uns interessiert: Wie funktioniert das multikulturelle Zusammenleben vor Ort? JournalistInnen von shz.de haben eine Woche lang in einem sozialen Brennpunkt recherchiert. Am Beispiel der Christianstraße in Neumünster soll hyperlokal über Integrationsherausforderungen und -lösungsansätze berichtet werden. Alle Artikel der Recherche finden Sie auf www.shz.de/christianstraße.

Hier geht es zum 360-Grad-Rundgang durch die Christianstraße.

Und welche Bedürfnisse gibt es?

In der Christianstraße suchen zurzeit zum Beispiel viele Menschen aus Rumänien und Bulgarien Hilfe bei der Migrationsberatungsstelle des DRK sowie bei der türkischen Gemeinde Neumünster. Doch dabei gibt es das Problem, dass für die Gruppe dieser Zuwanderer keine Unterstützung da ist - nicht nur bei Behördengängen, sondern auch bei der Erklärung der Systeme. Da geht es zum Beispiel um die Themen Kita, Schule und die Unterstützung der Eltern. Aber weil diese Menschen keinen Fluchthintergrund haben, sind für sie keine Gelder vorgesehen. Man geht wahrscheinlich davon aus, dass EU-Bürger einfach schon integriert sind. Aber das stimmt nicht. Und diese Thematik hat noch andere Schwerpunkte, zum Beispiel Arbeitsausbeutung oder katastrophale Wohnverhältnisse.

Was kann die Stadt tun?

Aus Sicht der Stadt ist es schon mal vorteilhaft, wenn die verschiedenen Bereiche zusammenarbeiten. Die Fachbereiche schließen sich mit externen Stellen, z. B. Polizei und Zoll, kurz - auch was die teilweise problematischen Wohnverhältnisse angeht. Doch es handelt sich um private Vermieter und da ist es als Staat schwierig einzugreifen. Wir versuchen, diejenigen, die an diesem System verdienen, ausfindig zu machen. Der Großteil der Betroffenen leidet unter den Lebensbedingungen. Ihnen müssen wir helfen - zum Beispiel mit Sprachmittlern. Wobei Sprach- und Integrationskurse eigentlich für sie nicht vorgesehen sind.

Wo gibt es also noch Handlungsbedarf?

Bedarfe gibt es noch in finanzieller Hinsicht. Neumünster ist keine reiche Stadt. Doch gerade für EU-Zuwanderer gibt es keine Landes- oder Bundesmittel. Wenn sie Leistungen des Jobcenters beziehen und das Jobcenter sie verpflichtet, einen Integrationskurs zu besuchen, dann zahlt es auch das Jobcenter. Ansonsten müssen die Zuwanderer aus Bulgarien oder Rumänien den Kurs selbst bezahlen.

Kiel ist in vielen Punkten schon weiter. In Gaarden gibt es zum Beispiel von der Stadt finanzierte Elternlotsen, die darüber informieren, warum es wichtig ist, dass das Kind in die Schule geht.

Was funktioniert in puncto Integration schon gut?

Wir haben in Neumünster eine sehr gute Vernetzung. Man ist mit den meisten im Gespräch. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass viele Vereine in der Stadt schon seit Jahren vertreten sind. Integration ist hier schon seit den 70ern ein Thema. Die Vernetzung sieht man auch gut im Forum für Vielfalt, das alle Migranten - egal welcher Nationalität - auch politisch vertritt. Nur Extremisten werden ausgeschlossen.

Positiv ist auch, dass es überhaupt mit meiner Stelle einen Ansprechpartner für alles gibt, was mit Integration zusammenhängt. Das gibt es nicht in jeder Stadt und Neumünster macht das freiwillig. Die Stelle wurde 2013 in Vollzeit und unbefristet eingerichtet. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Und dann gibt es noch eine sehr starke Zivilgesellschaft. Gerade als in den beiden zurückliegenden Jahren besonders viele Flüchtlinge in der Stadt waren, gab es hier keine Angriffe auf Unterkünfte. Und wenn hier eine Demo von Rechten angemeldet wird, gibt es gleich eine größere Gegendemo. Auch die politischen Fraktionen sind sich in der Hinsicht total einig.

Verfolgt die Stadt konkrete integrationspolitsche Ziele?

Es gibt ein Integrationskonzept, das unter großer Beteiligung verschiedener Akteure entstanden ist und das verschiedene Handlungsfelder und Ziele vorsieht - zum Beispiel, dass alle Menschen die deutsche Sprache beherrschen oder dass Kitabesuche auch bei Migrantenfamilien selbstverständlich sind. Dazu zählt aber auch die interkulturelle Öffnung der der Stadtverwaltung sowie anderer Einrichtungen und Institutionen.

Wie weit muss Integration eigentlich gehen?

Das ist eine sehr persönliche Ansicht. Aus Sicht der Stadt kann Integration nicht von politischen Gremien verordnet werden, sondern muss von den beteiligten Personen und Organisationen gestaltet werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was sollte sich in der Integrationspolitik ändern?

Aus meiner Perspektive würde ich mir wünschen, dass nicht diese Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsländern von Neuzuwandern gemacht werden. Das empfinde ich durchaus als problematisch. Alle haben ähnliche Bedarfe bei der Integration. Es sollte Fördermittel für alle geben.