Landtagswahl 2022 in SH Der friesische Aktenfresser: Ein Porträt von Lars Harms vom SSW

Von Carlo Jolly | 13.04.2022, 17:58 Uhr

Der Husumer Lars Harms ist der wichtigste Vertreter der friesischen und dänischen Minderheit im Kieler Landtag. Der Spitzenkandidat des SSW für die Landtagswahl 2022 erklärt, was man von Dänen und Friesen lernen kann.

Rund 1450 Follower hat Lars Harms auf Twitter. Er schätzt die Statements und Texte, die man dort lesen kann Er ist dort beruflich unterwegs – auch weil man in dem sozialen Netzwerk herausfinden könne, was die Leute bewegt. Aber eines weiß der Vorsitzende des Südschleswigschen Wählerverbandes SSW im Landtag bereits heute: Sobald er aus der Politik ausscheidet, will er auch seinen Account bei Twitter schließen. „Manchmal ist mir der Ton dort zu hart und unfair. Ich bin eigentlich der Typ, der sich von solchen Dingen fernhält“, sagt Harms.

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In der politischen Auseinandersetzung, auch in der fairen, ist das aber nicht immer möglich: „Ich unterhalte mich viel lieber mit den Leuten oder gehe in die Kneipe“, sagt der Nordfriese und zitiert „Crocodile Dundee“, den Großstadt-Cowboy in einer 80er-Jahre-Filmkomödie: „Du bist einsam? Hast Du keine Kneipe?“

Von der Heider Tourist-Info in den Kieler Landtag

Es ist nun schon 22 Jahre her, dass Lars Harms (57) seinen Job als Leiter der Tourist-Information in Heide mit dem Abgeordneten-Mandat im Kieler Landtag tauschte. Seitdem pendelt der Betriebswirt nicht mehr von Koldenbüttel, wo er fast zehn Jahre im Gemeinderat saß, über die Eider nach Heide, sondern nach Kiel-Düsternbrook in den Landtag.

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Der Vater von sechs Kindern gehört mittlerweile zu den dienstältesten Abgeordneten in Kiel. Alle fünf Söhne und die Tochter sind erwachsen, nur noch zwei von ihnen in Ausbildung. Als Harms im Jahr 2000 erstmals ins Parlament einzieht, ist der älteste Sohn gerade mal zehn Jahre alt, die heute 19-jährige jüngste Tochter noch gar nicht geboren. „Als die Kinder klein waren, war das natürlich eine Herausforderung“, sagt der Husumer.

Seit zehn Jahren ist Harms Vorsitzender der kleinsten Landtagsgruppe, er ist geschieden und mittlerweile auch schon Großvater: „Jetzt komme ich mit 70 bis 80 Stunden ganz gut klar.“

Das Treffen zum Fototermin findet am Husumer Hafen statt. Sicher wäre auch der Dockkoog recht gewesen, Husums Naherholungsgebiet mit Blick auf Nordstrand und die Nordsee, oder eine Wanderung irgendwo zwischen Südermarsch und Hattstedter Marsch. Denn Harms mag lange Spaziergänge in der Marsch, wenn denn mal Zeit bleibt.

Er lebt mittlerweile im Zentrum der nordfriesischen Kreisstadt, drei Minuten zu Fuß vom Binnenhafen entfernt. Doch viel zu häufig muss er ohnehin das Auto-Emoji auf seinem Mobiltelefon drücken. Dann weiß der Fahrer des Chefs des SSW im Landtag, dass die nächste Tour beginnt.

„Ich bin ein ziemlicher Aktenfresser. Ich lese alles.“
Lars Harms, SSW-Spitzenkandidat

Eine Stunde und 15 Minuten dauert die Fahrt von der Husumer Innenstadt an die Kieler Förde. „Jedenfalls wenn man sich an die Regeln hält“, sagt Harms. Das sind an jedem Arbeitstag schon mal mindestens zweieinhalb Stunden im Dienstwagen. Da bleibt viel Zeit zum Lesen: Presseschau, Anfragen, E-Mails, Twitter-Kommentare, Akten, Akten, Akten. „Ich bin ein ziemlicher Aktenfresser. Ich lese alles.“ Kein anderer Abgordneter stand im vergangenen Jahr so häufig am Rednerpult des Landtags wie der Husumer.

Lars Harms ist seit Jahren das wichtigste politische Gesicht der dänischen Minderheit. Jedenfalls bis zur Bundestagswahl war das so. Jetzt hat die freundliche Partei der Minderheit mit dem Flensburger Stefan Seidler auch noch einen Bundestagsabgeordneten.

„Ein Taxifahrer in Kopenhagen hat mich mal gefragt: Kann es sein, dass Du von den Faröer kommst?“
Lars Harms, SSW-Spitzenkandidat

Harms kommt eigentlich aus der noch kleineren friesischen Minderheit – sozusagen der Minderheit der Minderheit. Er ist zu einer ganz normalen deutschen Schule gegangen. Friesisch, Plattdeutsch und Hochdeutsch sind bis dahin seine Sprachen gewesen.

„Kann es sein, dass Du von den Färöer kommst?“
Taxifahrer in Kopenhagen

Dänisch hat er sich als Erwachsener selber beigebracht. Ein echter Aktenfresser braucht dafür keine Schule. Dabei scheint sich ein kleiner Akzent eingeschlichen zu haben, mit dem man in der Metropole auffallen kann: „Ein Taxifahrer in Kopenhagen hat mich mal gefragt: Kann es sein, dass Du von den Färöer kommst?“

Bei einer 70- bis 80 Stunden-Arbeitswoche in der Politik und zig Stunden im Auto kam die Bewegung zuletzt etwas zu kurz. Dabei hat der 1,90-Mann früher selbst Fußball gespielt – in der Jugend bei Husum 18. Welches seine Lieblingsposition ist? „Torwart oder Mittelfeld“, sagt der Nordfriese. Soviel Flexibilität ist ist im Fußball ungewöhnlich, aber Perspektivwechsel ist für Politiker immer gut. Jetzt sollen Radfahren und das Rudergerät zu Hause dabei helfen, von den 92 Kilo nochmal das eine oder andere loszuwerden.

Als Partei der Minderheit steht Harms auch zu mancher Minderheitenmeinung – nicht nur, wenn es um seine Friesen oder Dänen geht. Als einzige Parte im Landtag spricht sich der SSW gegen ein LNG-Terminal in Brunsbüttel aus: „Lieber gleich in nachhaltige Energie investieren als auf gefracktes Erdgas aus dem Terminal zurückgreifen“, sagt der Mann von der Westküste, wo sie mit erneuerbarer Energie die längste Erfahrung haben.

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Jetzt sei die Zeit gekommen, um in Nachhaltigkeit und grünen Wasserstoff zu investieren. Das gelte auch für Züge und Busse, von denen zwischen Niebüll, Husum und Flensburg schon die ersten beiden verkehren.

Anruf bei Christian Dirschauer in Flensburg: Der 40-jährige SSW-Landesvorsitzende möge bitte erklären, ob er eigentlich der Chef von Harms sei – oder umgekehrt. Das sei eigentlich ganz einfach, sagt Dirschauer: „Wir sind ein super Team.“ In der Partei sei er der Chef, und im Landtag habe Harms natürlich Richtlinienkompetenz. Dirschauer nennt Harms einen Volkstribun im positiven Sinne.

„Jeder hat das Recht, einmal abzuschalten.“
Christian Dirschauer, SSW-Landesvorsitzender

Er sei nahbar, habe das Ohr an den Menschen und sei immer ansprechbar. Welches Harms' Schwäche sei? Auch, dass er immer ansprechbar sei, fürchtet Dirschauer: „Jeder hat das Recht, einmal abzuschalten.“

Was man von den Friesen und Dänen lernen kann, muss Lars Harms schließlich noch erklären: Beide zeichne ein ausgeprägter Pragmatismus aus, sagt Harms. Von den Dänen können man zum Beispiel bei der Digitalisierung allerhand lernen. Von der Schule über die Verwaltung bis zur Krankenversicherung sei in Dänemark alles durchdigitalisiert. Der Staat werde als Serviceorgan gesehen. Vielleicht könne eine Partei wie der SSW vermitteln zwischen der dänischen Freiheit und der deutschen Angst vor zu viel staatlicher Überwachung.

Mitglied im friesischen Jugendverein und im Flüchtlingsrat

Als führender Kopf der Minderheit ist einer wie Harms in zahlreichen Minderheitenorganisationen engagiert. Er ist zum Beispiel Mitglied im friesischer Jugendverein, in der dänischen Kulturorganisation Sydslesvigsk Forening, beim Nordfriisk Instituut in Bredstedt, aber auch im Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein.

Nicht zuletzt muss Lars Harms auch leidensfähig sein. Der Hobby-Fußballer ist bekennender HSV-Fan. Und der Hamburger SV hat zwar mehr als 700.000 Twitter-Follower. Zum Aufstieg fehlen aber noch ein paar Punkte.

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Die Serie

Täglich spült der Landtagswahlkampf Nachrichten auf die politische Tagesordnung. Seltener ist über die Personen hinter den Nachrichten zu lesen. Deshalb stellt shz.de in einer Porträtserie die Spitzenkandidaten der Parteien zur Landtagswahl vor. Weitere Folgen: Monika Heinold (Grüne), Thomas Losse-Müller (SPD), Jörg Nobis (AfD), Daniel Günther (CDU) und Bernd Buchholz (FDP) und Susanne Spethmann (Linke). Berücksichtigt hat die Redaktion dabei die Spitzenkandidaten jener Parteien, die im Kieler Landtag oder im Bundestag vertreten sind.

Auch Teil der Serie: Gothic-Chic für den Landtag? Ein Porträt über die Linke Susanne Spethmann