Halbjahreszeugnisse Nachhilfe trotz guter Noten? Wann Extra-Büffeln hilft – und wann es übertrieben ist

Von Eva Voss | 29.01.2017, 15:14 Uhr

Nicht immer ist Nachhilfe die beste Lösung für Schulprobleme. Wann sie sinnvoll ist und wann nicht, erklärt Diplom-Psychologe Ralph Schliewenz im Interview.

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Fast 900 Millionen Euro geben Eltern jährlich für private Nachhilfestunden aus, wie aus einer Bertelsmann-Studie von 2016 hervorgeht. Der Anteil der Nachhilfeschüler ist heute fast doppelt so hoch wie vor rund 15 Jahren. In Schleswig-Holstein liegt der Wert mit 15,5 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt.

Ist das denn überhaupt sinnvoll?
Diese Frage muss man immer im Einzelfall stellen. Doch wir leben in einer Leistungsgesellschaft und Eltern möchten, dass ihre Kinder mithalten können. Insgesamt haben wir aber meiner Ansicht nach tolle Angebote und ein ausgeklügeltes Schulsystem in Deutschland. Deshalb sollte das grundsätzlich reichen, um Kinder und Jugendliche auf das Leben und die Arbeitswelt vorzubereiten. Wo eine Nachfrage ist, gibt es aber natürlich auch ein Angebot und wo ein Angebot ist, wird die Nachfrage oft größer.
Nun sind ja die Halbjahreszeugnisse da. Ist jetzt Nachhilfe angebracht, wenn vielleicht sogar die Versetzung gefährdet ist?
Das Halbjahreszeugnis ist eine Art Zwischenbilanz und wenn ein „mangelhaft“ darauf steht, ist das ein deutlicher Hinweis, dass an dieser Stelle nachgebessert werden muss. Das muss aber nicht unbedingt durch Nachhilfe sein. Mit der richtigen Motivation kann das Kind oder der Jugendliche auch ohne Nachhilfe die Note verbessern. Manchmal reicht es schon, wenn sie einfach im Unterricht besser aufpassen und ihre Hausaufgaben ordentlich erledigen. Sollte es aber weitergehende Probleme im Sinne von Lernstörungen geben, dann müsste man sich mit der Schule zusammensetzen. Irgendwann stellt sich dann auch die Frage, ob die Schulform die passende ist. Bei einem mittelmäßigen Halbjahreszeugnis würde ich Eltern aber empfehlen, sich nicht allzu große Sorgen zu machen. In der Regel sind die Endjahreszeugnisse ohnehin besser.
Können Sie Beispiele nennen für Situationen, in denen Nachhilfe sinnvoll sein kann?
Nachhilfe kann sinnvoll sein, wenn beim Jugendlichen größere Wissenslücken aufgetaucht sind, zum Beispiel durch eine längere Erkrankung, einen Umzug oder einen Schulwechsel. Das muss dann aber nicht unbedingt der Unterricht in einem teuren Nachhilfeinstitut sein, sondern das kann auch ein pensionierter Lehrer, ein Student oder ein Schüler aus einer höheren Klasse übernehmen. Von einem Dauerangebot, bei dem Kinder und Jugendliche ein- oder zweimal die Woche zum Nachhilfeunterricht gehen müssen, halte ich ohnehin nichts.

Warum nicht?
Die Schüler sind dann sehr eingeschränkt, was ihre Freizeit außerhalb der Schule betrifft. Sportvereine, Verabredungen mit Freunden und andere Hobbys kommen häufig zu kurz. Ein Jugendlicher, der drei Mal angerufen wird und immer absagen muss, weil er Nachhilfe hat, der wird das vierte Mal vielleicht nicht mehr angerufen.
Was ist mit Online-Lernplattformen, die werden ja inzwischen auch immer beliebter?
Ja, mittlerweile gibt es da auch gute Angebote. Das ist auch ein Stück weit persönliche Vorliebe, ob man sich für ein Nachhilfeinstitut, einen älteren Schüler oder eine Online-Plattform entscheidet. Empfehlen würde ich aber immer den persönlichen Kontakt und Nachhilfeunterricht, der sich zeitlich begrenzen lässt. Es sollte um eine bestimmte Fragestellung gehen oder die Vorbereitung auf eine Klausur und keine Dauereinrichtung werden.
Können auch Grundschulkinder schon mit Nachhilfe gefördert werden?
Ich glaube nicht, dass es in der Grundschulzeit angebracht ist, Kinder zur Nachhilfe zu schicken. Wenn das Angebot der Schule nicht reicht, sollte man noch einmal Rücksprache mit dem Lehrer oder der Schule halten, welche Probleme es genau gibt. Nachhilfe ist da wahrscheinlich nicht zielführend.
In welchem Kostenrahmen bewegen sich Nachhilfestunden denn so?
Über 200 Euro im Monat darf es nicht kosten. Bei wöchentlichen Angeboten von ein oder zwei Doppelstunden in Nachhilfeinstituten liegt man meist so bei 120 bis 160 Euro im Monat. Das gibt es aber auch deutlich günstiger. Wenn die Nachhilfestunden ein älterer Schüler oder ein Student übernimmt, liegt man eher bei zehn Euro pro Stunde.
Manche Eltern geben ihren Kindern ja auch selbst Nachhilfeunterricht. Was halten Sie davon?
Eltern sind ja in erste Linie Eltern und die wenigsten von ihnen sind selbst Lehrer. Und selbst wenn sie es sind, geht das selten gut. Natürlich ist es schön, wenn Kinder ihre Eltern fragen können, ob sie bei den Hausaufgaben helfen können. Doch irgendwann stoßen Eltern an ihre Grenzen, weil sie merken, dass sich die Lehrmethoden doch geändert haben. Am Ende kommt es dann oft zu Auseinandersetzungen, weil die Lehrerin in der Schule es ganz anders erklärt hat. Ich würde davon abraten, um die gute Eltern-Kind-Beziehung nicht aufs Spiel zu setzen. Wenn die Kinder die Aufgabe gar nicht verstanden haben, ist es im Zweifelsfall besser, sie sie nicht erledigen und im Unterricht noch einmal nachfragen zu lassen. Letztendlich ist dafür ja die Schule da.

Was ist, wenn Eltern merken, dass ihr Kind überfordert ist und die Nachhilfe nichts bringt?
In dem Fall sollten Eltern das Gespräch mit der Schule suchen, zum Beispiel beim Elternsprechtag. Da können sie auch direkt mit den Lehrern sprechen, die das Kind im Unterricht erleben und die Situation entsprechend beurteilen können. Da stellt sich dann die Frage, ob das Kind nur abgelenkt ist, träumt, oder ob es wirklich überfordert ist. Wenn das schulische Latein am Ende ist, kann man natürlich auch Fachleute zu Rate ziehen, zum Beispiel Schulpsychologen oder Lerntherapeuten. Manchmal geht es auch nicht darum, Lücken in bestimmten Fächern auszugleichen, sondern um echte emotionale Probleme, die im Hintergrund liegen. Dann kommt man auch mit Lerntherapie nicht weiter, sondern sollte über Psychotherapie nachdenken. Das ist aber eher die Ausnahme.

Ralph Schliewenz ist Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und arbeitet in einer Privatpraxis in Werne. Zudem leitet er die Fachgruppe „Kinder- und Jugendlichenpsychologie“ der Sektion „Klinische Psychologie“ im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V..