Pandemie lässt Schulen improvisieren Unterrichtsausfall in SH deutlich gestiegen

Von Frank Jung | 22.10.2022, 06:00 Uhr

Eine Statistik des Kieler Bildungsministeriums beziffert jetzt konkret, was viele Eltern im eigenen Umfeld erlebt haben: Durch die Pandemie hat auch bei geöffneten Schulen im vergangenen Schuljahr weniger regulärer Unterricht stattgefunden als normalerweise.

Trotz durchgängigem Präsenzbetrieb ist im Schuljahr 2021/22 in Schleswig-Holstein deutlich mehr Unterricht ausgefallen oder nur improvisiert erteilt worden als im langjährigen Mittel. Das hat das Bildungsministerium jetzt in seinem neuesten „Bericht über die Unterrichtssituation“ mitgeteilt. Gut ein Zehntel der Stunden fanden nicht regulär statt: 2,2 Prozent sind komplett ausgefallen, 8,5 Prozent gingen „nicht planmäßig“ über die Bühne. Der Durchschnitt der Werte seit dem Schuljahr 2014/15 liegt bei nur zwei beziehungsweise 7,3 Prozent.

So groß ist die Rolle von Krankmeldungen

Das Bildungsministerium führt die Verschlechterung auf die Corona-Pandemie zurück. Dadurch habe es zum einen „erkennbar höhere Krankenstände“ gegeben. Hinzu gekommen seien „noch die Effekte, die durch Lehrkräfte in Quarantäne entstanden sind“. In 68 Prozent der Fälle erklärt das Ressort von Karin Prien (CDU) nicht regulär erfolgten Unterricht mit Krankmeldungen des Unterrichtspersonals. In 22 Prozent der Fälle seien anderer Aufgaben wie etwa Prüfungen, Projekttage, Klassenfahrten oder Wandertage die Ursache.

Die stärksten Einbußen hatten die Gemeinschaftsschulen zu verzeichnen. An den Gymnasien fielen die Einbrüche im regulären Betrieb „etwas moderater“ aus. Die Grundschulen ließen Unterricht am wenigsten von allen Schularten ganz ausfallen, da sie gegenüber den Eltern mindestens vier Stunden pro Tag eine Betreuung sicherstellen sollen - mussten dafür aber umso mehr improvisieren, um die Kinder zu beschäftigen.

Häufiger Preis: Verzicht auf Doppelbesetzungen

Eine Abfrage des Ministeriums an den Schulen ergab: 79 Prozent der „nicht planmäßig“ erteilten Stunden wurden durch kurzfristig eingesprungene Lehrkräfte vertreten. Das geschah häufig um den Preis, dass in anderen Klassen eigentlich vorgesehene Doppelbesetzungen aufgelöst oder Lerngruppen zusammengelegt wurden. Doppelbesetzungen sind eigentlich dazu da, um einer stetig vielschichtigeren Schülerschaft gerecht zu werden, etwa damit innerhalb einer Klasse auf verschiedene Lernniveaus oder unruhige Kinder besser eingegangen werden kann.

So oft waren Schüler auf sich alleine gestellt

In 21 Prozent der Fälle hieß „nicht planmäßig erteilter“ Unterricht, dass Schüler „eigenverantwortlich arbeiten“ mussten. Das heißt, dass sie in Stillarbeit Aufgaben lösen. Je nach Altersstufe stellt sich die Größenordnung dieses von Eltern wie Schülern kritisch beäugten Instruments sehr verschieden dar: In der Oberstufe wurden fast vier von fünf zur Vertretung anfallenden Stunden durch „eigenverantwortliches Arbeiten“ aufgefangen.

„Bei entsprechender Nachbereitung der Aufgaben mit der Lehrkraft ist eigenverantwortliches Arbeiten in allen Stufen ein effizientes und pädagogisch sinnvolles Instrument“
aus dem „Bericht zur Unterrichtssituation“
des Bildungsministeriums SH

Obwohl es für die damit verbundenen Kompetenzen eigentlich Hausaufgaben und Projektarbeiten gibt, versuchen die Autoren des Berichts, das aus der Not heraus geborene Format als Stärke zu verkaufen, sogar für jüngere Altersgruppen: „Bei entsprechender Nachbereitung der Aufgaben mit der Lehrkraft ist eigenverantwortliches Arbeiten in allen Stufen ein effizientes und pädagogisch sinnvolles Instrument. Ziel ist es, den Einsatz und die Ausgestaltung des eigenverantwortlichen Arbeitens an den Schulen zu optimieren.“

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