Landtagswahl in SH 2022 Beharrlichkeit und Glück: Ministerpräsident Daniel Günther im Portrait

Von Kay Müller | 08.05.2022, 20:18 Uhr

Seine Beliebtheit hat der CDU ein überragendes Wahlergebnis beschert: Daniel Günther kann im Chefsessel der Kieler Staatskanzlei verweilen. Doch wer ist der Mann, der Schleswig-Holstein nun für eine weitere Amtszeit regieren wird?

Es gibt dieses eine Bild: Daniel Günther steht vor dem blauen Hintergrund, schaut ernst in die Kamera und beginnt dann mit getragener Stimme die neuesten Corona-Regeln zu erläutern. So haben viele Schleswig-Holsteiner ihren Ministerpräsidenten in den vergangenen zwei Jahren wahrgenommen. Günther selbst sieht das nicht nur positiv: „Die erste Hälfte meiner Amtszeit hat mir mehr Spaß gemacht“, hat er einmal gesagt – und in der heißen Wahlkampfphase hatte es ihn auch noch selbst erwischt, und er ist an Corona erkrankt.

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Dabei ist es ist wie so häufig in Daniel Günthers Leben: Beharrlichkeit, taktisches Geschick und Glück kommen in den richtigen Momenten zusammen und machen den Erfolg des Politikers aus.

Günther mag das unverkrampfte Parlieren mit den Menschen auf der Straße. Der lockere Spruch von der Stange liegt ihm mehr als staatsmännisches Auftreten und Menschen zu ermahnen, Einschränkungen zu befolgen und sich impfen zu lassen, damit es allen besser geht. Aber genutzt haben diese Ansagen trotzdem: Schleswig-Holstein ist verglichen mit anderen Ländern relativ gut durch die Pandemie gekommen, die Impfquote ist hoch – und die Beliebtheitswerte des Ministerpräsidenten auch. Vergessen ist bei vielem offenbar, dass die A 20 jetzt fertig sein sollte, gebaut hat Günther keinen Zentimeter.

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Auch die Kommunikationspannen in der Corona-Krise haben ihn mal in Bedrängnis gebracht, die zu lange geöffneten Discos ebenso. Aber in der Krise schauen die Menschen auf die Exekutive und in einer essentiellen Krise eben besonders auf den Regierungschef.

„Berufspolitiker zu werden, war nicht mein Ziel.“
Daniel Günther, CDU-Chef

Manchmal habe er es selber kaum glauben können, wie er Ministerpräsident geworden sei, hat Günther irgendwann nach seiner überraschenden Wahl 2017 gesagt. Berufspolitiker zu werden, das sei nicht sein Ziel gewesen – so hat er es jedenfalls mal den Redakteuren einer Schülerzeitung erzählt. „Die Chance hat sich ergeben, und dann habe ich kandidiert, und dann hat es auch geklappt.“

Das klingt zwar nett, ist aber eben nur die halbe Wahrheit. Denn Günther führt seit seiner Jugend ein Leben von und in der CDU. In der Schule ist er einer, der von der Ära Kohl geprägt wird. Er hat keine besonders guten Noten, weil ihn Sport und Politik mehr interessieren als Physik oder Bio. Seine Jugend spielt sich in Eckernförde ab, sein Studenten- und Arbeitsleben in Kiel. Weiter kommt er nicht. „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“, hat das die Oppositionsführerin Serpil Midyatli (SPD) mal genannt. Im Handbuch des Landtages, dessen Mitglied Günther seit 2009 ist, steht als Beruf hinter seinem Namen: „Politikwissenschaftler; Ministerpräsident“. Mehr war er nie. „Politiker“ hätte auch gereicht.

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Aber als solcher hat der 48-Jährige eben eine Menge Erfahrung. Mit Macht kennt er sich aus. In der Partei rückt er rasch auf, führt nach dem Studium erst die Geschäfte der Kreis- und unter Peter Harry Carstensen auch sieben Jahre lang die der Landes-CDU. Günther ist nicht bei allen beliebt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, er habe 2011 daran mitgewirkt, dass die Affäre des damaligen CDU-Chefs Christian von Boetticher mit einer 16-Jährigen öffentlich wurde. „Daniel kann knallhart sein“, sagt einer, der das damals mitverfolgt hat.

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Denn Günther kann verschiedene Rollen: Am liebsten gibt er den junggebliebenen Ministerpräsidenten, der locker und witzig rüber kommt. Er kann aber auch den nachdenklichen Staatsmann, ebenso den aggressiven Polarisierer. Vor allem aber ist er selbstbewusst und beharrlich. Wie beim Laufen, das sein großes Hobby ist, denkt Günther gern in Etappen und langfristig.

Sein Weg an die Spitze der CDU ist die eines Parteisoldaten, wenn auch eines geschickten. Dass sich die Union nach der Ära Carstensen selbst zerfleischt, ein Parteichef nach dem anderen, dann auch noch der Fraktionsvorsitzende und der Spitzenkandidat zurücktreten, ist aber auch für ihn nicht planbar. Am Ende ist Günther der einzige, der die CDU noch in die Landtagswahl 2017 führen kann. Und ein wenig Glück ist dann auch dabei, dass er sie gewinnt.

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Aber es ist eben auch seine Beharrlichkeit, die sich auszahlt. Und natürlich der Ehrgeiz, der Günther antreibt. So versucht er als Parteichef die CDU zu modernisieren, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen, um neue Wählerschichten zu erobern, wie es einst Helmut Kohl vorgemacht hat – doch die mittlere Parteielite sieht das gar nicht ein. Günther weiß, dass ihn die konservativ-agrarisch geprägten Teile der Union nur so lange stützen, wie er Erfolg hat. Dennoch scheut er die Auseinandersetzung nicht. Aber er weiß auch, wann es sinnvoll ist, einen Gang runterzuschalten, um am Ende sicherer ans Ziel zu kommen.

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Das ist auch 2017 so, als er zum Architekten der Jamaika-Koalition wird. Günther behandelt Grüne und FDP auf Augenhöhe, was nicht alle in der CDU den kleineren Koalitionspartnern zugestehen wollen. Beharrlich hat er darum geworben, die Grünen aus der Küstenkoalition herauszulösen – und hat am Ende auch Glück, dass FDP und Grüne die Nase voll haben von der SPD.

Günther teilt die Macht auf – aber immer so, dass noch genügend für ihn bleibt

Günther gelingt es, die Unterschiede zwischen verschiedenen Interessen auszutarieren, den anderen Freiräume zu geben. „Daniel kann auch auf den Tisch hauen, er muss das aber meist gar nicht tun“, sagt ein Kabinettsmitglied. Günther teilt die Macht auf – aber immer so, dass noch genügend für ihn bleibt. Diese Führungstechnik unterscheidet den Ministerpräsidenten von dem peniblen Partei- und forschen Fraktionsvorsitzenden, der er einmal war.

Günther erkennt, dass ihm diese Rolle auch auf anderen Ebenen hilft. In der Merkel-CDU ist er der, der meist die Positionen vertritt, die liberaler als die der Kanzlerin sind. Dabei sei der Katholik Günther deutlich konservativer als er sich gebe, meint einer, der ihm im Parlament lange gegenübergestanden hat. Doch am Ende entscheiden auch die Medien mit, wie ein Politiker rüberkommt.

Und Günther wirkt in der bisweilen miefigen Bundes-CDU frisch, noch dazu mit seiner Jamaika-Koalition und seiner unaufgeregten Flüchtlings- und Energiepolitik irgendwie modern. Die Journalisten schätzen sein offenes Wort, auch weil Günther hinter verschlossenen Türen noch nie mit kritischer Distanz zu sich selbst und seiner Partei gespart hat – und noch weniger mit harten Worten gegenüber den eigenen Leuten. Das ist nicht so häufig in einer politischen Klasse, in der jeder immer der Beste und Tollste sein will, der ohnehin alles richtig gemacht hat.

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Günther selbst leugnet seit Jahren jede bundespolitische Ambition – beim Zustand der Union in den vergangenen Jahren kann man ihn verstehen. Der 48-Jährige bleibt lieber Ministerpräsident.

Eine ganz normale Familie

Günthers Privatleben ist unaufgeregt, er redet wenig über seine Frau und die beiden kleinen Töchter – und wenn, wirkt das alles furchtbar normal. Es ist das Leben einer deutschen Durchschnittsfamilie mit Eigenheim und Familienkutsche, das die Günthers führen. Und er ist eben der normale mittelalte, weiße Mann, der keinen Mist macht. Solchen Leuten vertrauen die Wähler. Wäre Günther älter, würde er prima als moderner Landesvater durchgehen. Viel mehr braucht es vermutlich nicht, um eine Wahl zu gewinnen, wenn der Laden ansonsten läuft.

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Und da hat Günther bei allen Krisen eben auch Glück gehabt. Vor der Pandemie sprudelten die Steuereinnahmen, so dass die Regierung so viel Geld wie fast nie zuvor ausgeben konnte. Und in der Corona-Krise sorgten milliardenschwere Not-Kredite dafür, dass Günther nirgendwo sparen musste. Straßen, Kliniken, Digitalisierung – alles sei ein bisschen besser geworden, sagen nicht nur Anhänger der Koalition.

Neue Idee für das Land

Nun ging er am Ende als deutlicher Sieger aus der Wahl. Eine Perspektive außer der Krisenbekämpfung und ein „Weiter so“ hat Günther dennoch nicht wirklich aufzeigen können, ähnlich wie sein Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten fünf Jahre zuvor. Doch mit einer neuen schwarz-grünen, einer schwarz-gelben oder auch wieder einer schwarz-grün-gelben Koalition kann Günther in seiner kommenden Regierungszeit eine Geschichte erzählen, die für konservative und liberale Wähler neu wäre. Er könnte der Ministerpräsident sein, der die Energiewende mit dem Druck aus dem Ukraine-Krieg und der exponierten Lage Schleswig-Holsteins in eine neue Dimension führt.

Spaß würde ihm das sicher machen, jedenfalls mehr als Corona-Pressekonferenzen. Der Weg dahin ist sicher nicht leicht. Dafür braucht man Beharrlichkeit und Glück.