Verhaftung von Carola Rackete Kapitän Stefan Schmidt: „Da läuft ein politischer Prozess“

Von ky | 01.07.2019, 20:03 Uhr

Im Interview mit Kay Müller zieht der frühere Cap-Anamur-Kapitän Parallelen zur aktuellen Situation von Carola Rackete.

Er weiß, wie sich die Kapitänin des Flüchtlingsschiffes „Seawatch 3“ fühlt: Der Zuwanderungsbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, Stefan Schmidt, spricht im Interview mit unserem Reporter Kay Müller über die Parallelen zu seinem eigenen Schicksal und die Chancen von Carola Rackete auf Freiheit.

Herr Schmidt, wie oft haben Sie in den vergangenen Tagen an Carola Rackete gedacht?

Mehrmals am Tag. Denn ich erkenne mich wieder: 2004 war ich als Kapitän der „Cap Anamur“ in einer ähnlichen Lage, hatte 37 Schiffbrüchige an Bord. Und wie Carola musste ich eine Entscheidung treffen, ob ich gegen das Verbot der Behörden einen italienischen Hafen auf Lampedusa anlaufe...

... Sie haben auf etwaige Strafen gepfiffen und sich wie Carola Rackete fürs Einlaufen entschieden – warum?

Ich wusste damals genau, dass ich hundertprozentig richtig handele, weil ich Menschenleben rette. Dass die Behörden damals das Einlaufen verhindern wollten, war nicht gerecht – aber immer wenn ich Ungerechtigkeit spüre, werde ich sauer und extrem stur.

Sie haben damals eine Woche im Gefängnis gesessen.

Ja, aber das war lächerlich.

Das sagen Sie so.

Wir waren ja zu dritt dort – und haben viel Unterstützung bekommen. Die Behörden haben uns extra in ein Gefängnis mit Dieben und Mördern gesteckt, weil sie uns schlecht behandeln wollten. Aber die Häftlinge haben uns gefeiert. Und wir haben durchs Fernsehen mitbekommen, dass viele Menschen gegen unsere Verhaftung demonstriert haben und dass die Welt an unserem Schicksal Anteil nimmt.

Bei Carola Rackete ist das genauso. Glauben Sie, dass sie schnell wieder freikommen wird?

Ich hoffe es sehr. Da hilft jeder, der sich in irgendeiner Form mit ihr solidarisch erklärt. Aber ich habe schlechte Erfahrungen mit den italienischen Behörden gemacht. Damals hieß der Regierungschef Silvio Berlusconi – und der war schon schlimm. Ich fürchte, dass der heutige Innenminister Matteo Salvini noch schlimmer ist. Für den sind Flüchtlinge Menschenfleisch.

Sie sind wütend.

Natürlich. Gerade weil sich Geschichte so wiederholen muss. Wenn ich kein so friedliebender Mensch, sondern der Kaiser von Deutschland wäre, würde ich am liebsten mit den maritimen Gebirgsjägern in Italien einreiten.

Aber Ihr Schicksal hat doch gezeigt, dass am Ende der Kapitän eines Flüchtlingsschiffes, der in Italien anlegt, richtig gehandelt hat. Sie sind frei gesprochen worden...

...ja, aber erst nach fünf Jahren Prozess. Das steckt man nicht so weg. Nein, nein: Nur weil das bei Schmidt am Ende so ausgegangen ist, muss das bei Rackete nicht auch so sein – eher im Gegenteil.

Was fürchten Sie?

Die Italiener sind schnell beleidigt. Da ist es vielleicht eher hinderlich, dass es mit mir schon einmal so einen Fall gegeben hat. Ich hoffe es nicht, aber ich fürchte, dass Carola noch mehr Schwierigkeiten bekommen könnte als ich damals.

Wie kann man das verhindern?

Wie damals bei uns, läuft da ein politischer Prozess. Uns hat sehr geholfen, dass uns schon in der Haft Vertreter des EU-Parlaments besucht und sich für uns eingesetzt haben. Das braucht Carola auch. Der politische Druck muss hoch bleiben.

Die Menschen in Deutschland haben schon viele hunderttausend Euro Spenden gesammelt – ist das aus Ihrer Sicht nötig?

Carolas Verein ist noch mehr auf Spenden angewiesen als wir es damals waren. Man benötigt auf jeden Fall Geld. Wir hatten damals wirklich gute Anwälte – und die brauchen wir auch.

Kennen Sie eigentlich Carola Rackete persönlich?

Nein, leider noch nicht. Aber an dem Tag, an dem sie frei kommt, werde ich sie nach Kiel einladen – sie kommt ja von hier. Und es wird mir eine Freude sein, ihr die Hand zu schütteln.