Studie der Techniker Krankenkasse Geburtshilfe wird weiter ausgedünnt

Von Margret Kiosz | 05.03.2014, 18:32 Uhr

Acht Geburtskliniken wurden in SH seit 2010 geschlossen. Der spektakulärste Fall war auf Sylt. Laut einer Studie dürfte es nicht der letzte gewesen sein.

Von finnischen Verhältnissen sind die Schleswig-Holsteiner noch weit entfernt. In dem skandinavischen Land beträgt der längste Weg einer Gebärenden zur nächsten Geburtsklinik deutlich über 500 Kilometer. Doch auch in Schleswig-Holstein werden die Wege länger. In den vergangenen zehn Jahren wurde jede vierte Geburtsstation im Land geschlossen, seit 2010 allein acht. Zwar war das Aus für Kaltenkirchen, Kappeln, Helgoland, Mölln und Brunsbüttel nicht von so spektakulären Protestaktionen wie jüngst in Eckernförde und auf Sylt begleitet. Doch wenn in einer 50.000-Einwohnerstadt wie Elmshorn plötzlich keine Kinder mehr zur Welt gebracht werden können, ist das ein einschneidendes Ereignis.

Dabei ist das erst der Anfang. „In der Geburtshilfe konstatieren wir einen Rückgang der Geburtenzahlen bei gleichzeitigem Anstieg des Alters der Erstgebärenden – dies hat massive Konsequenzen für die Klinikstrukturen“, heißt es in einem Positionspapier der Techniker Krankenkasse (TK), das am Freitag veröffentlicht wird. Sinkende Geburtsziffern bei gleichzeitigem Anstieg des Risikos stellten besondere Anforderungen an die personelle Strukturqualität.

„Tradierte Strukturen, die alle Beteiligten lieb gewonnen haben, müssen daher überprüft werden“, heißt es in dem Papier. Im Interesse der Sicherheit von Mutter und Kind sei „ grundsätzlich eine optimale Behandlungsqualität höher einzuschätzen als der Wunsch nach einer wohnortnahen Versorgung in einem dünn besiedelten ländlichen Raum“. Unbeeindruckt von den jüngsten Protesten werdender Mütter stellen die Kassenmanager klar: „Wir sind überzeugt, dass es in einer mobilen Gesellschaft weder nötig noch bezahlbar sein wird, das nächste Krankenhaus um die Ecke vorzuhalten.“

Die TK beschreibt damit nicht ein spezifisch norddeutsches Problem. Laut Deutschem Hebammenbund gab es in Deutschland 2001 noch 1189 Krankenhäuser mit Entbindungsstation, zehn Jahre später waren es nur noch 781. Trotzdem besteht in Schleswig-Holstein nach Ansicht von Fachleuten zusätzlicher Handlungsbedarf, denn die Säuglingssterblichkeit sei mit 2,9 Promille im Norden deutlich höher als in anderen Bundesländern. Noch mehr Kinder sterben während oder nach der Geburt nur in Niedersachsen und Bremen, erklärte kürzlich der Ersatzkassenverband Schleswig-Holstein – und nennt als eine Ursache die relativ kleinteilige Struktur der Geburtshilfe im Norden.

Wer sein Kind im Krankenhaus bekommen möchte, kann in Schleswig-Holstein zwischen Entbindungsstationen an 32 Standorten wählen. Selbst das Sozialministerium in Kiel räumt inzwischen ein, dass es einen „Zusammenhang von Fallzahlen in der Geburtshilfe und Qualität in der Versorgung gibt“, der auch durch wissenschaftliche Studien belegt sei. „Geringere Fallzahlen geben dem Personal weniger Möglichkeiten für qualitätsgesicherte Ablaufprozesse“, teilt das Ministerium auf Anfrage der FDP mit.

Am weitesten lehnte sich bislang der Ersatzkassenverband aus dem Fenster, indem er vorschlug, Kliniken mit weniger als 500 Geburten auf den Prüfstand zu stellen, weil hier das Risiko signifikant höher sei als in großen Häusern. Man bezieht sich dabei auf eine Studie des Gesundheitsökonomen Andreas Gerber. Demnach ist bei der Geburt von normalgewichtigen Säuglingen in einer Klinik mit weniger als 500 Geburten das Risiko zu versterben um den Faktor 3,5 höher im Vergleich zu einer Klinik, in der mehr 1500 Kinder zur Welt kommen.

Viele Gesundheitskonzerne konzentrieren auch deshalb Geburtsstationen. Der Asklepios-Konzern begründet das Aus für die Sylter Klinik mit Qualitätsproblemen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen mehrerer ungeklärter Todesfälle in der Klinik. Auch in Bad Oldesloe hatte es im Vorfeld der Schließung der Geburtsstation einen tragischen Zwischenfall gegeben. Nicht selten stimmen Mütter mit den Füßen ab und meiden das Haus.

Doch wenn Größe tatsächlich Qualität verspricht – was nicht unumstritten ist – was ist dann groß? Im allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona werden etwa jährlich 2600 Kinder zur Welt gebracht – in der größten schleswig-holsteinischen Entbindungsklinik in Kiel sind es gut 1700, im Flensburger Diakonissenkrankenhaus immerhin 1673. Am unteren Ende rangieren unter anderem Oldenburg und Niebüll mit gut 200 Geburten sowie Preetz und Ratzeburg mit rund 300. Die Inselklinik Föhr schafft 45 Geburten. Selbst die Helios-Klinik in Schleswig überspringt die magische 500er-Grenze nur ganz knapp.

„Ich befürchte, dass nach der Sylter Geburtshilfestation in Zukunft noch weitere Einrichtungen geschlossen werden müssen“, erklärt die FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn und bekommt Schützenhilfe aus dem Sozialministerium: „Für kleine Geburtskliniken sind die Voraussetzungen vor dem Hintergrund kleinerer Fallzahlen schwerer zu erfüllen, und ein Fortbestand der Kliniken kann problematisch werden.“ Geburtskliniken werden in eine schwierige Situation geraten, wenn sie die Bedingungen für eine sichere Geburt nicht mehr erfüllen können, so die Prognose der Behörde.

Der Landtag hat mittlerweile beschlossen, ein Konzept zur Neuordnung der Geburtshilfe im Land erstellen zu lassen. „Wir müssen uns schon die Frage stellen, was wir den schwangeren Frauen in Schleswig-Holstein zumuten wollen. Es ist ein Problem, wenn man für die Geburt in ein Krankenhaus muss, das sehr weit vom Wohnort entfernt liegt“, sagt Sozialministerin Kristin Alheit (SPD). Die Landesregierung will sich dabei nicht auf eine Kilometerzahl festlegen: „Sicherheit für Mutter und Kind sind wichtiger als eine schematische Entfernungstabelle.“

Als die Schließung der Geburtsstation in Eckernförde drohte, hieß es, 21 Kilometer bis zur nächsten Klinik seien zumutbar. Als die Station in Bad Oldesloe dicht gemacht wurde, sah das Ministerium ebenfalls die Versorgung nicht gefährdet: „In einem 50-Kilometer-Radius um Bad Oldesloe gibt es sechs Geburtskliniken. Mit Segeberg (20 Kilometer) und Lübeck (25 Kilometer) sind leistungsfähige Geburtskliniken gut erreichbar“, so die Ministerin.

Der Vorschlag des Verbandes der Ersatzkassen, kleine Kliniken zu schließen, um an den dann verbleibenden 13 Häusern, die meist über eine angeschlossene Kinderklinik verfügen, ein möglichst breit gefächertes Angebot sicherzustellen, stößt jedoch in Kiel auf große Ablehnung. Egal ob SSW, Grüne, CDU, SPD oder die Krankenhausgesellschaft – alle sprechen sich gegen die Schließung weiterer Entbindungsstationen aus. Kleine Häuser seien nicht gefährdet versprach die SPD. SSW und CDU warnten davor, in Geburten nur noch Risiken und Problemfälle zu sehen. „Die meisten Geburten laufen doch völlig komplikationslos ab“, erklärte der SSW.

Nachdenkliche Worte gab es bei der Landtagsdebatte Anfang des Jahres nur von Oppositionspolitiker und Ex-Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP), der sagte: „Wir werden noch sehr häufig in diesem Landtag stehen und uns fragen, ob die eine oder andere Fachabteilung des einen oder anderen Krankenhauses noch richtig ist oder nicht. Das ist erst der Anfang einer riesengroßen Diskussion, was der demografische Wandel bedeutet und welche Konsequenzen dieser Wandel für die medizinische Versorgung einer Bevölkerung in einem Flächenland hat.“