Klimaforscher Die Flut ist heute früher in der Stadt

Von sh:z | 13.02.2012, 09:35 Uhr

Ein steigender Wasserstand und mehrere Elbvertiefungen würden eine Sturmflut wie diejenige von 1962 heute noch schneller in Hamburg auflaufen lassen, sagt ein Geesthachter Klimaforscher.

Lässt der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe wie der von 1962 steigen? Wissenschaftler des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht beobachten das Sturmflutgeschehen in der Deutschen Bucht deshalb sehr genau. Gerade hat eine Gruppe von Geesthachter Küstenforschern gemeinsam mit Ingenieuren von der Universität Siegen den Anstieg des Meeresspiegels in der Deutschen Bucht analysiert. Erstmals wurden alle zuverlässigen Wasserstandsmessungen ausgewertet, um zu ermitteln, wie sich das Niveau verändert hat. Demnach ist der Meeresspiegel im letzten Jahrhundert um etwa 20 Zentimeter angestiegen, in letzter Zeit höher als in den Jahren um 1960 herum.
"Bis zum Jahr 2030 werden die bisherigen Sicherheitsstandards ausreichen", meint Instituts-Direktor Prof. Hans von Storch. "Aber danach", so der auf Föhr aufgewachsene Wissenschaftler, "kann es sein, dass sich die Lage deutlich verschärft."
"Diese Zeit ist um eine Stunde verkürzt worden"
Im Vergleich zu Anfang der 1960er Jahre laufe eine Sturmflut in Hamburg inzwischen etwa 70 Zentimeter höher auf - und sie erreiche die Hansestadt auch eine Stunde früher. "Wann ist eine Sturmflut in Cuxhaven, wann ist sie in St. Pauli - diese Zeit ist um eine Stunde verkürzt worden", erklärt von Storch. Unter anderem liege das an den zahlreichen Elbvertiefungen: "Die neueren Vertiefungen machen in diesem Punkt nichts mehr aus, aber die am Anfang waren ganz erheblich."
Das die Sturmfluthöhen ebenfalls beeinflussende Windklima, so der Professor, habe sich indes nicht verändert. Es unterlag im letzten Jahrhundert zwar starken Schwankungen, diese bewegten sich jedoch im normalen Bereich. Eine Sturmsaison bringe heute weder heftigere noch häufigere Stürme in der Deutschen Bucht hervor als zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Sollte sich das Windklima jedoch mittelfristig kontinuierlich nach oben bewegen, dann, so die Einschätzung der Experten aus Geesthacht, könnten bei gleichzeitig steigendem Wasserstand Sturmfluten bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa 30 bis 110 Zentimeter höher auflaufen als heute.
Auch wenn durch die kontinuierliche Verbesserung des Küstenschutzes heute ein hohes Schutzniveau erreicht worden ist, sehen die Bewohner Norddeutschlands Sturmfluten als großes Risiko an. Seit 2008 befragt das Institut für Küstenforschung jährlich Hamburger Bürger zu Klimawandel, Sturmfluten und Gefahrenwahrnehmung. Für über 80 Prozent der Hamburger sind Sturmfluten und Überschwemmungen die Naturkatastrophen mit den potentiell schwersten Folgen für ihre Stadt. Von Storch betont aber auch: "Dennoch ist die Sicherheit erheblich, das haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt." So fiel der Wasserstand bei der Sturmflut von 1976 noch höher aus - ohne ernsthafte Schäden.