Landtagswahl in SH 2022 Der AfD-Kandidat mit dem Bernsteinherz – Jörg Nobis im Porträt

Von Martin Schulte | 03.05.2022, 17:06 Uhr

Jörg Nobis – Spitzenkandidat der AfD – Politiker, Vater und leidenschaftlicher Bernsteinsammler. Er steht stramm hinter seiner Partei, aber aus einem Grund würde er sie verlassen.

Der Spaziergang hat gerade erst begonnen, da holt Jörg Nobis den Stein aus der Tasche. Vorsichtig öffnet er den Reißverschluss seiner Jacke, sucht kurz und hält das gute Stück dann ins Licht, damit der Stein in seiner ganzen gelbbraunen Pracht leuchtet. Ein seltener Fund, auch in der Größe. „Als ich ihn im Januar 2020 entdeckt habe, lag er einfach hier im Sand“, sagt Nobis. Er zeigt in Richtung Spülsaum. Die herzähnliche Form sei schon zu erkennen gewesen, „ich habe dann noch versucht, sie deutlicher herauszuarbeiten – das hat aber nur mäßig geklappt.“

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Interviewort mit besonderer Bedeutung

Der AfD-Spitzenkandidat steht am Strand von St. Peter-Ording – Abschnitt Böhl – hier kann, wer will, mit dem Auto oder Wohnmobil in Richtung Wasser fahren. Es ist ein sonniger Tag Mitte April, der Wind treibt den Sand vor sich her, nur wenige Menschen sind unterwegs. Nobis hat sich diesen Ort für das Treffen ausgesucht, der Strand sei während der Corona-Pandemie sein Fluchtort gewesen. „Hier haben meine Freundin und ich gerade in den Wintermonaten die Freiheit gefunden, die wir in dieser Zeit so vermisst haben.“

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Nobis ist seit einigen Jahren ein begeisterter Bernsteinsammler, und die fossilen Harzklumpen werden vor allem in den kalten Monaten an die Strände gespült. Mit etwas Glück, sagt er, könne man auch heute noch fündig werden.

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Von der Hysterie der Regierenden

Er geht weiter und erzählt davon, wie ihm während dieser Wintermonate manchmal Menschen entgegenkommen seien, die Masken trugen: „Stellen Sie sich das mal vor, sogar hier.“ Der Subtext ist klar: So weit hat die Hysterie der Regierenden uns getrieben. Es ist der erste Wir-gegen-Die-Moment und das erste Mal an diesem Nachmittag, dass der Politiker Nobis sich plötzlich vor den Privatmann schiebt. Man kann die beiden ganz gut voneinander unterscheiden, aber davon später mehr.

„Ich wollte eigentlich in die FDP eintreten, da habe ich Bernd Lucke im Fernsehen gesehen und kurz darauf online meinen Mitgliedsantrag ausgefüllt.“
Jörg Nobis, Spitzenkandidat der AfD

Jörg Nobis ist das Gesicht der Alternative für Deutschland in Schleswig-Holstein, er war 2013 eines der Gründungsmitglieder, als die Partei noch ganz vom Geist der Euroskeptiker geprägt war. „Ich wollte eigentlich in die FDP eintreten, da habe ich Bernd Lucke im Fernsehen gesehen und kurz darauf online meinen Mitgliedsantrag ausgefüllt“, sagt Nobis, der damals noch selbstständig als nautischer Sachverständiger gearbeitet hat.

Video: AfD-Spitzenkandidat Jörg Nobis im Video-Interview

Seine Gegenspielerin: Doris von Sayn-Wittgenstein

Er half, die AfD in Schleswig-Holstein aufzubauen und lernte dabei früh, dass die Arbeit in dieser Partei schmerzhaft sein kann. Nobis umschreibt das anders: „In der Politik braucht man ein dickes Fell.“ Nachdem er 2013 den Sprung in den Bundestag noch verpasst hatte, zog er 2017 als Spitzenkandidat in den Landtag ein. Doch die Freude über diesen Erfolg währte nicht lange. Zwei Monate später geriet er erstmals mit der Frau aneinander, die in den kommenden Jahren seine große Gegenspielerin werden sollte und nebenbei die AfD im Land zerlegte: Doris von Sayn-Wittgenstein gewann die Wahl zum Landessprecher gegen Nobis, der danach aus dem Parteivorstand ausschied.

„Dieser Bruch resultierte nicht aus unserer Fraktionsarbeit, sondern aus parteiinternen Querelen, die öffentlich ausgetragen wurden.“

Damit war der Ton für die Legislatur gesetzt, die fünfköpfige AfD-Fraktion zerrieb sich in Machtkämpfen mit dem Landes- und Bundesverband – bis sie im September 2020 den Fraktionsstatus einbüßte, weil ihr mit Sayn-Wittgenstein und Frank Brodehl zwei Abgeordnete abhanden gekommen waren. „Dieser Bruch resultierte nicht aus unserer Fraktionsarbeit, sondern aus parteiinternen Querelen, die öffentlich ausgetragen wurden“, sagt Nobis. Während andere Parteien so etwas hinter verschlossenen Türen klären würden, hätten viele AfD-Politiker „immer noch den Hang, sich auf der öffentlichen Bühne mit der Keule zu duellieren“.

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Er geht weiter, in Richtung eines kleinen Priels. Bernsteinjagdrevier. „Da könnte was sein, achten Sie auf Holz- und Muschelreste“, sagt er. Der Blick geht für eine Weile nach unten.

„Ich muss mich immer für Höcke und all die anderen rechtfertigen, aber ich kann für die nicht sprechen. Ich habe in den fünf Jahren im Schleswig-Holsteinischen Landtag in über hundert Reden nicht einmal den demokratischen Boden verlassen – oder gar gehetzt.“
Jörg Nobis

Welche Keule war eigentlich schlimmer in den vergangenen fünf Jahren – die von Doris von Sayn-Wittgenstein oder die von Björn Höcke und seiner Flügel-Bewegung? Jörg Nobis bleibt am Ende des Priels stehen, er mag solche Fragen nicht. Seine Antwort klingt, als habe er sie schon ein paar Mal zu oft gegeben: „Ich muss mich immer für Höcke und all die anderen rechtfertigen, aber ich kann für die nicht sprechen. Ich habe in den fünf Jahren im Schleswig-Holsteinischen Landtag in über hundert Reden nicht einmal den demokratischen Boden verlassen – oder gar gehetzt.“

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AfD – ein rechtsextremer Verdachtsfall

Es gehört ja auch zur Biografie dieser jungen Partei, dass sie an genau diesem Mangel an Differenzierung und Abgrenzung zerbrechen könnte. Im März dieses Jahres ist die gesamte AfD vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft worden. „Dagegen wehren wir uns“, sagt Nobis und er wirkt ehrlich empört, dass er in die Nähe rechten Gedankenguts gerückt wird. „Die Demokratie braucht doch Meinungsvielfalt, sonst wenden sich immer mehr Menschen von der Politik ab. Aber genau das interessiert die etablierten Parteien nicht – die sind genauso zufrieden, wenn sie bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent ihre Mehrheiten organisieren können.“ Da ist es wieder, das Leitmotiv: Wir gegen Die – AfD gegen das Establishment. Warum immer diese Zuspitzungen? „Natürlich polarisiert die AfD in einigen Bereichen, aber die Spaltung ist doch schon längst da, die geht seit der Pandemie durch die gesamte Gesellschaft und durch ganze Familien.“

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Politiker, zumindest die meisten, wollen gestalten. Auch Jörg Nobis sagt von sich, dass er irgendwann mitregieren wolle: Für eine stabile Währungspolitik, für eine geregelte Migration, für den Schutz der Industrie gegen klimapolitische Auswüchse, für günstige Energie. „Das ist das Ziel, ganz klar. Aber das wird auf absehbare Zeit in Schleswig-Holstein nicht passieren. In Ostdeutschland sieht es besser aus, da sind wir bald dabei.“

Wer ist Jörg Nobis?

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es vielen gemäßigten AfD-Politikern so schwer fällt, sich deutlich von den ultrarechten und völkischen Kräften wie Höcke zu distanzieren; sie werden von deren Erfolg auch mitgezogen. Eine faustische Falle. Möglicherweise ist es deshalb auch so leicht, den Privatmann vom Politiker Jörg Nobis zu unterscheiden. Manchmal klingt er wie ein durchschnittlicher AfD-Bundespolitiker. Dann sagt er Sätze wie diesen: „Der Sturm auf den Reichstag war doch eine Inszenierung, da wurde medial zu viel draus gemacht.“ Und dann, wenig später: „Putin ist ein Kriegsverbrecher.“ Dazwischen ist vieles möglich und darum bleibt der Politiker Jörg Nobis auch schwer fassbar.

Der Familienmensch Nobis

Ganz anders der Privatmensch. Der erzählt liebevoll von seiner Patchworkfamilie, den zwei Töchtern seiner Freundin und seinen beiden Söhnen, die nach der Trennung von seiner Frau bei ihm in Kaltenkirchen leben. Und er verrät, dass es Menschen gebe, die sich wegen seiner AfD-Mitgliedschaft von ihm abgewendet hätten, auch in seiner Familie. Als er seiner Freundin erzählte, dass er Politiker ist, habe sie gesagt: „Hauptsache nicht bei den Grünen.“ Also wird sie ihn wählen? „Das hoffe ich doch.“ Er lacht.

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Keinen Bernstein gefunden

„Dass Frau Weidel sich dem Flügel angenähert hat, stört mich schon.“
Jörg Nobis

Die Suche nach Bernsteinen bleibt erfolglos. Der Spaziergang ist zu Ende, aber eine Frage muss noch gestellt werden: Gibt es einen Punkt, an dem Sie die AfD verlassen würden, Herr Nobis? „Ich weiß, worauf Sie abzielen, aber ich stelle mir diese Frage nicht, weil ich mich in der Partei wohlfühle.“ Trotz des ganzen Ärgers in den vergangenen fünf Jahren, trotz von Sayn-Wittgenstein, trotz der Beobachtung durch den Verfassungsschutz? Jörg Nobis zögert, dann sagt er, dass ihn schon manches ärgere: „Dass Frau Weidel sich dem Flügel angenähert hat, stört mich schon.“

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Und dann, schon fast auf dem Parkplatz, erzählt er von einer Bitte, die er nach einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt an Alexander Gauland gerichtet habe: „Sagen Sie bitte Herrn Höcke, dass er mehr nach vorn und nicht so viel zurückblicken soll. Die Rolle des Parteihistorikers bekommt ihm nicht gut.“

„Wenn der Verfassungsschutz die AfD am Ende als klar rechtsextremistisch einstuft und alle juristischen Mittel dagegen ausgeschöpft sind, dann müsste man schon überlegen, ob diese Partei noch die richtige ist.“
Jörg Nobis

Das klingt ein bisschen danach, als könnte es doch eine rote Linie für ihn geben. „Wenn der Verfassungsschutz die AfD am Ende als klar rechtsextremistisch einstuft und alle juristischen Mittel dagegen ausgeschöpft sind, dann müsste man schon überlegen, ob diese Partei noch die richtige ist.“ Eine umständliche Antwort, in der er – bewusst oder unbewusst – das distanzierte „Man“ statt des „Ich“ verwendet. Und damit ist ganz am Schluss zum ersten Mal an diesem Tag nicht klar, ob gerade der Politiker oder der Privatmann Jörg Nobis geantwortet hat.

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