Katastrophenstimmung in Lütjenburg : Schill-Kaserne dicht - "Jetzt gehen die Lichter aus"

Eine Frau mit Kinderwagen geht am Haupttor der Schill-Kaserne in Lütjenburg vorbei. Wenn der Standort geschlossen wird, hat der örtliche Kindergarten ein Drittel weniger Kinder. Foto: dpa
Eine Frau mit Kinderwagen geht am Haupttor der Schill-Kaserne in Lütjenburg vorbei. Wenn der Standort geschlossen wird, hat der örtliche Kindergarten ein Drittel weniger Kinder. Foto: dpa

Die Bundeswehr-Reform trifft Lütjenburg im Kreis Plön hart. Auf Plakaten ist noch "Lütjenburg-Soldatenstadt" zu lesen - doch die Fahnen hängen auf Halbmast.

shz.de von
26. Oktober 2011, 05:05 Uhr

Andreas Tedsen hat die Flaggen vor dem Soldatenheim "Uns Huss" in Lütjenburg schon auf Halbmast gehängt. Seit 1998 betreibt der 45-Jährige das Lokal schräg gegenüber der Schill-Kaserne. Mit der Schließung des Bundeswehrstandorts kommt nun auch das Aus für den Betrieb, ist sich Tedsen sicher. "Dann gehen hier die Lichter aus", sagt er. So wie er fürchten die meisten der Geschäftstreibenden schwere finanzielle Einbußen bis hin zur Existenzgefährdung, wenn die Kaufkraft von rund 1000 Soldaten und zivilen Mitarbeitern in der Noch-Garnisonsstadt wegfällt. Es herrscht Katastrophenstimmung.
Stadtverantwortliche und Wirtschaft wollen sich aber noch gegen die Schließung des Standortes aufbäumen: Sie haben für den 2. November zu einem Protestzug aufgerufen - samt Sargverbrennen und Kirchenglockenläuten. Bürgermeister Lothar Ocker und Stadtreferent Stefan Leyk wettern gegen eine "politische und militärische Fehlentscheidung" aus Hinterzimmern. Sie wollen, dass Bundesverteidigungsminister Lothar de Maizière zu ihnen in den Norden kommt. Der Minister müsse "die Hosen runterlassen".
"Garnisonsstadt mit Herz"
Schon vor der Entscheidung aus Berlin weigerten sich Ocker und Leyk, öffentlich über einen Plan B zu sprechen. Sie hatten im Oktober 2010 ein Aktionsbündnis geschmiedet, 10.000 Unterschriften gesammelt und mit Hochglanzbroschüren für den Erhalt des Standortes in der "Garnisonsstadt mit Herz" geworben - vergebens. Auch jetzt halten sie sich bedeckt. "Solange noch eine Chance da ist... ", sagt Ocker.
Der Bürgermeister hofft noch auf Hilfe der Landesregierung in allerletzter Minute. Von der aber fühlen sich andere längst im Stich gelassen. "Ich hätte mir von der Landesregierung deutlich mehr Engagement gewünscht für die Region. Das war nicht erkennbar", kritisiert etwa Tedsen, dem auch das Hotel Lütje Burg in der Kleinstadt gehört.
Schon jetzt die höchste Arbeitslosigkeit im Land
Wie Tedsen verweisen andere Wirtschaftstreibende auf den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Schließung der Kaserne. Allein im Soldatenheim sind es sieben, im dazugehörigen Kindergarten zwei.
Auch die großen Einkaufsmärkte fürchten Umsatzverluste und möglicherweise Stellenabbau. Das würde den 5000 Einwohner-Ort mit der höchsten Arbeitslosigkeit im Land und den meisten Hartz-IV-Empfängern weiter hart treffen.
"Schleichender Tod" im Sportverein
In Schulen und Kindergärten würde mit dem Abzug der Soldaten und ihrer Familien plötzlich jedes dritte Kind fehlen. "Weniger Kinder - weniger Geld", sagt die Leiterin des Kindergartens Rappelkiste, Susanne Franke. Auch im Sportverein kommen rund 30 Prozent der knapp tausend Mitglieder aus der Bundeswehr oder ihrem Umfeld. "Das wäre ein schleichender Tod", fürchtet man um die Zukunft.
Der Wegzug der Soldaten trifft auch die Arztpraxen, sagt Arzthelferin Kirstin Grundler. Menschlich seien die Verluste groß, betont sie, wenn Nachbarn, Freunde, Schulkameraden plötzlich weg seien. "Es ist ein riesiger Einschnitt", sagt auch die Leiterin der Förde Sparkasse, Elisabeth Blöcker. Sie verweist auf Häuser und Wohnungen, die leerstehen und an Wert verlieren werden. Überall in der Stadt sei viel investiert worden.
Fehlender Plan B wird kritisiert
Die Folgen des Bundeswehrabzugs sehen viele düster wie Oberstleutnant a.D. Hans-Heinrich König aus Darry: Die Bundeswehr sei zentrales Element in der Kleinstadt gewesen für Arbeitsplätze, Wirtschaft, Sport und Kultur. Wie die Inhaberin des Reformhauses am Ort, Monika Radzuhn, kritisiert er den fehlenden B-Plan. Die Stadt habe sehr eindimensional gedacht, statt aus Erfahrungen anderer geschlossener Standorte zu lernen und ein Zukunftskonzept zu entwickeln.
Wenn Lütjenburg aber keine Alternativen finde, dann sieht es für die Zukunft düster aus: "Im Sommer gibt es hier vielleicht noch Tourismus, aber im Winter Katastrophenstimmung hoch drei", warnt Tadsen. Und Stadtreferent Leyk resümiert: "Dann wird Lütjenburg zum Dauersubventionsfall".

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