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"Sherlock Holmes" : Rolling Stone des Viktorianischen Zeitalters

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Guy Ritchie hat Sherlock Holmes entstaubt: Statt mit Deerstalker-Mütze und Meerschaum-Pfeife zu grübeln, tobt ein James-Bond-artiger Bohème durch das viktorianische London.

shz.de von
erstellt am 26.Jan.2010 | 03:42 Uhr

Schon lange bevor der neue "Sherlock Holmes" gedreht war, legten Traditionalisten die Stirn in Sorgenfalten: Holmes sollte keine klassische Karo-Mütze tragen. Er sollte auch nicht denkend an einer Meerschaum-Calabash-Pfeife saugen und angestrengt durch eine Lupe linsen. Noch viel schlimmer: Einen der typischsten britischen Charaktere sollte mit Robert Downey Junior ein Amerikaner spielen. Und der Regisseur, Guy Ritchie? Das war doch der, von dem zuletzt vor allem in Verrissen oder in Klatschspalten wegen seiner Scheidung von Madonna zu lesen war.
Dass es gerade seine Absicht war, keine traditionelle Verfilmung des Detektiv-Klassikers abzuliefern, macht Ritchie schon in der ersten Szene klar. Statt über einem Fall zu brüten, schwingt der Meisterdetektiv der Moderne die Fäuste und schlägt seine Gegner blutig. Und zu seinem treuen Begleiter Dr. Watson - gespielt vom Schönling Jude Law - pflegt Holmes geradezu eine homoerotische Beziehung. "Wir mussten Sherlock Holmes entstauben", erklärte Ritchie, der mit Filmen wie "Bube, Dame, König, grAs" oder "Snatch" bekanntwurde.
Sherlock Holmes im Stil von James Bond

Herausgekommen ist ein action-geladenes Spektakel im Stil von James Bond, bei dem es weniger um die eigentliche Geschichte als um die Verpackung geht. Dieses Mal rettet Holmes die Welt vor den dunklen Mächten des Bösewichts Lord Blackwood (wunderbar gespielt von Mark Strong). Verschwörungen, Okkultismus und Wiederauferstehung kommen dabei nicht zu kurz - eine Anspielung auf den britischen Holmes-Autor Arthur Conan Doyle, der sich in seinen späten Lebensjahren mehr und mehr dem Spiritualismus zuwandte.

Vor allem Downey in der Rolle als Super-Spürnase ist brillant. Dafür erntete der 44-Jährige auch einen Golden Globe. Downey spielt nicht den intellektuellen Denker, sondern einen leicht depressiven Exzentriker mit Hang zum Bohème-Leben. Wenn Holmes nicht gerade verlottert wie ein Künstler tagelang in seiner Wohnung liegt und mit irrem Blick an seiner Geige zupft, steigt er gestählt wie Rocky in den Boxring und verdrischt seine Gegner. "Wir haben versucht, Holmes dahin zurückzubringen, was wir für seine Wurzeln halten. Er ist eine Figur, die viel mehr aus dem Bauch heraus handelt", erklärt Ritchie. Entstanden ist ein "Rolling Stone des Viktorianischen Zeitalters".
Held Watson

Freilich rettet dieser "Rolling Stone" in letzter Minute bei einem Showdown auf der Tower Bridge eine Frau vor dem Abgrund, schließlich muss in jedem Actionfilm auch ein bisschen Liebe mitschwingen. Diese Rolle kommt Irene Adler zu (gespielt von Rachel McAdams), die sich wie Holmes immer am Rande des Gesetzes bewegt und die dem Detektiv daher auch den Kopf verdreht hat.
Neben Holmes hat auch Watson ein Erneuerung durchgemacht. Im Gegensatz zu anderen Interpretationen ist er nicht der etwas dümmliche Helfer. Er ist ein ebenso harter Kerl, der zwar nicht ganz so schlau, dafür aber disziplinierter als Holmes ist. Auch er sollte "ein bisschen was von einem Helden" haben und vor allem auch "gut aussehen", so Ritchie. Neben Downey, der schon in der Charlie-Chaplin -Biografie "Chaplin" brillierte, wirkt Law jedoch etwas blass.
Temporeiche Musik von Hans Zimmer

Der Film schafft es, das fotografische Gedächtnis und die Kombinationsfähigkeit von Sherlock Holmes darzustellen. Der Detektiv erfasst jedes Detail. Die Bilder dazu sind blitzschnell geschnitten und gehen dann wieder in Zeitlupe über. Vergangenes überlagert sich mit Künftigem. Unterstützt wird das Tempo von der Musik des deutschen Blockbuster-Komponisten Hans Zimmer. "Ich wollte eine Mischung aus Kurt Weill, The Pogues und einer verrückten Zigeuner-Band aus Rumänien", sagt Zimmer über seinen Soundtrack.
Auch wenn Nostalgiker ihren Holmes nicht mehr wiedererkennen mögen: Die Aufnahmen von einem alten London mit dunklen Gassen, Schlachthäusern und Schiffswerften sind beeindruckend. Auch die Kostüme passen perfekt ins Bild, selbst wenn Holmes berüchtigte Deerstalker-Mütze fehlt. Diese stammt sowieso nicht aus Conan Doyles Feder, sondern kam erst später in Illustrationen der Geschichten dazu.

Und mit den Action-Szenen zieht die unkonventionelle Neuverfilmung wohl eine neue Generation von Holmes-Fans heran. In den USA landete der Film in den Hit-Listen immerhin auf dem zweiten Platz. Und selbst in Holmes" Heimatland Großbritannien fielen die Kritiken nicht allzu schlecht aus. Eine Fortsetzung des neuen "Sherlock Holmes" dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein.

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