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Räuber aus Neumünster : Rentner schießt auf Räuber – Prozess unterbrochen

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Notwehr oder Totschlag? Der Rentner, der vor seiner Villa in Sittensen einen jugendlichen Räuber aus Neumünster erschossen hat, muss sich nun vor Gericht dafür verantworten. Der Prozess wurde vorerst ausgesetzt.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2014 | 10:22 Uhr

Stade/Sittensen | Das Landgericht Stade hat den Prozess gegen einen 80-jährigen Rentner wegen tödlicher Schüsse auf einen jungen Räuber unterbrochen. Ein Sachverständiger soll nun bis nächste Woche klären, ob der Angeklagte verhandlungsfähig ist. Der Gutachter sagte am Mittwoch nach einer ersten Untersuchung, er könne noch nicht abschließend beurteilen, ob der Angeklagte den Belastungen der Verhandlung gewachsen sei. Der Vorsitzende Richter erklärte, wenn dies nicht der Fall sei, werde der Prozess ausgesetzt. Das hatte der Verteidiger beantragt.

Der Angeklagte hielt sich am Mittwochmorgen beim Prozessauftakt einen Aktenordner vor sein Gesicht, als er den Verhandlungssaal im Landgericht Stade betrat. Kameras waren auf ihn gerichtet, Fotoapparate blitzten. Der 80 Jahre alte Rentner wirkte sichtlich angeschlagen. Das Stehen fiel ihm schwer, er stützte sich auf seinen Stock. Gleich zu Beginn des Prozess beantragte die Verteidigung, das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten bis auf weiteres auszusetzen. Die Anklage war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verlesen worden. Als einer der Rechtsanwälte auf den Gesundheitszustand des 80-Jährigen zu sprechen kam, brach der Angeklagte in Tränen aus, sein Gesicht lief rot an. Der Anwalt verwies zur Begründung auf ein ärztliches Attest des Hausarztes: Danach drohe dem 80-jährigen die Gefahr eines erneuten psychischen Zusammenbruchs, wenn er dem Stress einer öffentlichen Verhandlung ausgesetzt werde. Schon in den Tagen zuvor habe der Rentner unter Weinkrämpfen gelitten, berichtet der Verteidiger.

Die 2. Große Strafkammer des Landgericht Stade hatte sich daraufhin zur Beratung zurückgezogen und die Verhandlung bis zum Mittag unterbrochen. Die Vertreterin der Nebenklage schlug vor, bei dem Verfahren eventuell die Öffentlichkeit auszuschließen. Nach der Pause gab das Landgericht in Stade bekannt, den Prozess gegen den 80-Jährigen vorerst zu unterbrechen.

Nach den tödlichen Schüssen auf einen jungen Räuber muss sich der 80-Jährige wegen Totschlags vor dem Landgericht Stade verantworten. Die Anklage wirft dem Rentner vor, 2010 einen 16-Jährigen erschossen zu haben, der ihn mit anderen jungen Männern in seinem Haus in Sittensen überfallen hatte.

Rentner Ernst B. war im Dezember 2010 vor seiner reetgedeckten Villa in Sittensen (Landkreis Rotenburg) von fünf jungen Männern überfallen worden. Sie hofften auf reiche Beute, denn ihr Opfer hatte es als Bestatter zum Millionär gebracht.

Der Tipp für den Überfall kam von einer Prostituierten aus Neumünster, deren Liebesdienste der wohlhabende Senior in Anspruch genommen hatte. Ernst B., ein passionierter Jäger, war zur Tatzeit nach einer OP auf Krücken angewiesen. Als er seine Hunde im Zwinger füttern wollte, wurde er von den Räubern ins Haus gedrängt. Ihm sei eine Pistole an den Kopf gehalten, sein Portemonnaie mit 2000 Euro aus der Hose gezogen worden. Als die Räuber den Tresor öffnen wollten, lösten sie jedoch den Alarm aus – und flüchteten.

Ernst B. griff nach einer seiner Waffen und schoss den jungen Männern hinterher. Labinot S. (16) aus Neumünster wurde in den Rücken getroffen und starb.

Waren diese Schüsse Notwehr oder handelte es sich um Totschlag? Darüber hatte es ein heftiges juristischen Tauziehen gegeben. Die Staatsanwaltschaft war zunächst von Notwehr ausgegangen – und stellte das Verfahren ein. Die Familie des Getöteten erhob dagegen Widerspruch. Es gab neue Ermittlungen, denen dann doch eine Anklage vor dem Landgericht Stade folgte. Doch die zuständige Kammer lehnte die Eröffnung des Verfahrens ab. Die Familie legte erneut Beschwerde ein. Das Oberlandesgericht Celle entschied schließlich: Es muss verhandelt werden, der Fall könne nicht nach Aktenlage entschieden werden.

Nun steht der heute 80 Jahre alte Ernst B. vor dem Landgericht und muss sich wegen Totschlags verantworten. Bedeutend für das Urteil könnte eine Pistole sein, die erst eine Woche nach der Tat neben dem Leichenfundort im Schnee entdeckt wurde. Der Verdacht: Der Rentner hat sie dort deponiert, um eine Bewaffnung der Räuber vorzutäuschen.

Diese hatten lediglich eine Softair-Pistole dabei, die sie aber nicht für den Überfall genutzt haben wollen. Die vier Komplizen des Getöteten sind zu Haftstrafen zwischen drei und vier Jahren verurteilt worden. Einer der jugendlichen Täter wurde nach Verbüßung seiner Strafe in den Kongo abgeschoben.

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