Übergang in Ruhestand : Rente: Berlin will längeres Arbeiten zulassen

Immer mehr Menschen über 65 Jahren arbeiten. Viele von ihnen nicht gezwungenermaßen, sondern weil ihnen der Beruf gefällt und sie sich fit fühlen. Für sie gibt es zwei Möglichkeiten.

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27. Juni 2014, 11:58 Uhr

Der Übergang in die Rente soll flexibler werden. Darüber ist man sich in der großen Koalition einig. Allerdings gehen die Meinungen darüber, was „flexibel“ bedeutet, weit auseinander. Gewerkschaften und SPD meinen, Arbeitnehmer sollen schon ab 60 Jahren gleitend in den Ruhestand gehen können. Der Arbeitgeberflügel der CDU verlangt Regelungen, die es Mitarbeitern erleichtert, über das offizielle Rentenalter hinaus berufstätig zu bleiben.

Tatsache ist: Immer mehr Menschen über 65 Jahren arbeiten. Viele von ihnen nicht gezwungenermaßen, sondern weil ihnen der Beruf gefällt und sie sich fit fühlen. Für sie gibt es zwei Möglichkeiten:
> Sie beantragen ihre Rente und arbeiten als Rentner weiter. Das machten 2013 laut aktueller Statistik der Bundesagentur (BA) 855.510 Bürger. 270.000 mehr als 2003.
> Die zweite Variante: Arbeitnehmer schieben die Rente auf und bleiben Arbeitnehmer. Die Statistik für das Vorjahr weist 188.800 Beschäftigte aus, die jenseits des offiziellen Rentenalters einer regulären Beschäftigung nachgingen.

Man muss nämlich nicht in Rente gehen, und man wird nicht automatisch verrentet. Die Betroffenen können den Antrag auch später stellen, beispielsweise mit 67 oder mit 70 Jahren. „Die Leistungen der Rentenversicherung werden nur auf Antrag gezahlt“, bestätigt Andreas Feuser von der deutschen Rentenversicherung in Lübeck. Ein späterer Renteneintritt zahlt sich nach Worten des Renten-Experten immer aus.

Beispiel: In diesem Jahr muss ein Beschäftigter bis zum Alter von 65 Jahren und drei Monaten arbeiten, um die Regelrentengrenze zu erreichen. Stellt er keinen Rentenantrag, erhöht sich die Rente pro Monat des späteren Einstiegsalters um 0,5 Prozent, erklärt Feuser. Ein Älterer, der erst zwei Jahre später Rente beantragt, erhält also derzeit eine um zwölf Prozent höhere Rente – und zwar lebenslang. Hinzu kommt: Wer über das Regelrentenalter hinaus weiter arbeitet, ist in der Regel auch weiterhin rentenversicherungspflichtig. Die weiter gezahlten Rentenbeiträge bringen dann nochmals eine Erhöhung des späteren Altersruhegeldes. Auch auf diese Erhöhung gibt es den Zwölf-Prozent-Zuschlag. Berücksichtigt werden muss jedoch, das der Rentenanteil, der versteuert wird, mit jedem Jahr um zwei Prozent steigt, was den Zugewinn schmälert – sofern man überhaupt steuerpflichtig ist.

Wer weiterarbeiten will, muss das natürlich mit seinem Chef absprechen. In der Praxis tauchen rechtliche Klippen auf, da Arbeitsverträge und Tarifverträge das Ausscheiden beim Erreichen der gesetzlichen Grenze vorsehen. Diese Befristung ist zulässig, wenn ein Arbeitnehmer durch die Regel-Altersrente abgesichert ist (Az.: 7 AZR 9/03), entschied das Bundesarbeitsgericht 2003. Unternehmen können derzeit auch nicht hingehen und ein vormals unbefristetes Beschäftigungsverhältnis über das Rentenalter hinaus zeitlich befristet verlängern.

Das aber soll nach dem Willen der großen Koalition künftig möglich sein. Beschäftigte und Arbeitgeber sollen die Möglichkeit erhalten, das Arbeitsverhältnis über die Regelgrenze für bestimmte Zeit auszudehnen. Es sollen mehrfache Befristungen erlaubt sein, so Unionsfraktionschef Volker Kauder. Voraussetzung: Die Vereinbarung wird während des laufenden Arbeitsverhältnisses geschlossen. Vorgesehen ist dies für Arbeitnehmer, die noch nicht in Rente gehen wollen.

Unterdessen entbrennt schon die nächste Diskussion: Die Frankfurter Rundschau berichtet, es gebe bei der Rente mit 63 ein Schlupfloch - eine legale Möglichkeit, schon zwei Jahre früher ohne Abschläge aus dem Beruf auszusteigen. Demnach könnten Arbeitnehmer mit 61 Jahren ihren Arbeitsplatz räumen, zwei Jahre lang Arbeitslosengeld beziehen und nebenher in einem Minijob arbeiten. Ein Sprecher des Arbeitsministeriums sagte, dass sich in dieser Zeit kaum weitere Rentenansprüche aufbauen, so dass die Einbußen bei Einkommen und anschließender Rente ab 63 nach 45 Versicherungsjahren sehr hoch sein.

Die Diskussion über die Ruhestandsreglungen geht also knapp sechs Wochen nach Verabschiedung des umstrittenen Rentenpakets weiter. Ein Dutzend Parlamentarier von Union und SPD lotet derzeit gemeinsam mit Ressortchefin Andrea Nahles (SPD) weitere „flexible Übergänge in den Ruhestand“ aus.

Mit dpa

Alter ist kein Kündigungsgrund: Ist im Tarifvertrag und im Arbeitsvertrag  nichts  über den Rentenbeginn geregelt, kann ein Arbeitnehmer kaum gekündigt werden. Alter ist kein anerkannter Kündigungsgrund. Eine solche Kündigung ist sogar verboten. So verwarf das Arbeitsgericht Paderborn 2006 die Kündigung eines 70-jährigen Autoverkäufers (Az.: 3Ca1947/ 05). Es bewertete allein die gesetzlichen Sozialauswahl-Kriterien Betriebszugehörigkeit, Alter, Unterhaltsverpflichtungen sowie Behinderung und befand, dass der Betroffene nicht weniger, sondern eher mehr Schutz verdiene als jüngere Kollegen.
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