„Fire and Fury“ : Psychiater drängen auf Untersuchung Donald Trumps

Donals Trump verteidigt sich via Twitter und feuerte die Diskussion über seinen Geisteszustand zusätzlich an.
Donals Trump verteidigt sich via Twitter und feuerte die Diskussion über seinen Geisteszustand zusätzlich an.

Das Enthüllungsbuch wirft Fragen auf. Psychiater warnen vor Gefahren, die von dem US-Präsidenten ausgingen

shz.de von
07. Januar 2018, 13:33 Uhr

Washington | Bandy X Lee erforscht seit zwanzig Jahren an der Elite-Universität Yale als Expertin für forensische Psychiatrie Störungen, die in gewaltsames Verhalten münden. Was sie beim 45. Präsidenten der USA beobachtet, beunruhigt Lee so sehr, dass sie öffentlich Alarm schlägt. Trump sollte bei seiner medizinischen Routine-Überprüfung am 12. Januar auch auf seinen geistigen Zustand hin untersucht werden; notfalls gegen seinen Willen.

Die Gründe dafür legte die Psychiaterin in einem vertraulichen Gespräch mit mehr als einem Dutzend Abgeordneten und Senatoren aus beiden Parteien im US-Kongress dar. Dieses fand bereits Anfang Dezember statt und sickerte nun im Zusammenhang mit der Veröffentlichung Michael Wolffs Bestseller „Fire and Fury“ an die Öffentlichkeit durch.

Nuklearer Holocaust nicht die einzige Gefahr

Wolffs auf mehr als 200 Interviews im Umfeld des Präsidenten basierende Naheinstellung Trumps, zeichnet das Bild eines dünnhäutigen Narzissten, der im Amt überfordert ist und von seinen engsten Beratern nicht für voll genommen wird. Für Psychiaterin Lee ist das ein Grund mehr, die mentale Gesundheit des Präsidenten zu evaluieren.

Ein nuklearer Holocaust auf der koreanischen Halbinsel sei nicht die einzige Gefahr, die von Trump ausgehe, sagte Lee dem Online-Magazin VOX. „Der Präsident ist nicht dazu in der Lage, mit gewöhnlichem Stress wie einfacher Kritik oder unvorteilhaften Nachrichten umzusehen.“ Er sei paranoid, kehre immer wieder auf Verschwörungstheorien zurück und verliere den Bezug zur Realität.

„Die schiere Häufigkeit seiner Tweets reflektiert den rasenden Zustand, in dem sich sein Gehirn befindet“, warnt Lee, die sagt, dies sei keine Diagnose der Persönlichkeit Trumps, sondern bloß die Warnung vor einer gefährlichen Situation.

 

Als wollte Trump die Diskussion über seinen Geisteszustand selber anfeuern, verteidigte er sich am Samstag via Twitter mit einer Serie beispielloser Kommentare. Seine beiden stärksten Eigenschaften seien „mentale Stabilität und die Tatsache, dass ich richtig schlau bin“. Er habe sich von einem sehr erfolgreichen Geschäftsmann über einen Top-Star im Fernsehen zum Präsidenten der USA hochgearbeitet. „Ich denke, das zeigt nicht nur, dass ich clever bin, sondern ein Genie. Und ein mental gefestigtes Genie obendrein.“

Genau daran lässt Wolffs Bestseller „Fire and Fury“ zweifeln. Unterlegt mit Beispielen und Zeugnissen von Personen, die täglich mit Trump zu tun haben, zeichnet er das Bild eines mental instabilen Präsidenten, der mit dem Amt überfordert ist.

Darüber hinaus habe er auch intellektuell keine Kapazität, sich mit Sachthemen vertraut zu machen. Trump lese nicht, sei unwillig „Informationen von Dritten aufzunehmen“ und lebe in einer Welt aus „Übertreibungen, Hirngespinsten und der Verkrüppelung von Fakten“.

Enthüllungen über den US-Präsidenten – das steht in dem Buch:

 

Wolff zitiert Trumps Wirtschaftsberater, den ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Gary Cohn mit der Aussage, der Präsident sei ein „Idiot, der von Clowns übergeben ist.“ Diese Worte legt Wolff auch Finanzminister Steven Mnuchin und dem Medien-Mogul Rupert Murdoch in den Mund. Mnuchin bestreit das ebenso wie in der Vergangenheit Rex Tillerson, der Trump einen ”Volltrottel“ genannt haben soll.

Besonders hart geht der in Ungnade gefallene ehemalige Chefstratege Steve Bannon mit Trump ins Gericht. Dieser agiere im Weißen Haus „wie ein Neunjähriger“, der inständig nach Belohnung suche.  

Nach einem Jahr im Amt, so Wolff in seinem vernichtenden Fazit, seien alle Personen in Trumps Umfeld „zu einhundert Prozent zu dem Schluss gelangt, dass er nicht die Fähigkeit hat, in seinem Job zu funktionieren“.

Psychologen fordern medizinische Untersuchung

Yale-Psychiaterin Lee hatte bereits im Oktober vergangenen Jahres zusammen mit 27 renommierten Kollegen einen Sammelband unter dem Titel „Der gefährliche Fall Donald Trump“ veröffentlicht. Darin wird der Charakter eines Soziopathen beschrieben, dessen Psyche Züge von der Adolf Hitlers aufweist.

Das trug den Verfassern die Kritik des Fachverbandes der Psychiater ein, dessen offizielle Politik Ferndiagnosen öffentlicher Personen verbietet. Diese Selbstbeschränkung wird von den Mitgliedern immer häufiger hinterfragt. Viele gehören zu den mittlerweile schon 60.000 Unterzeichnern einer Petition des Magazins „Psychology Today“, die eine medizinische Untersuchung Trumps fordert.

Wie Psychiaterin Lee, die in den kommenden Tagen mit weiteren Kongressmitgliedern zusammentreffen wird. „Wir brauchen definitive Antworten“.

Amtsenthebungs-Fantasien leider nur eine Wunschvorstellung – ein Kommentar unseres US-Korrespondenten Thomas Spang

Michael Wolffs Bestseller „Fire and FuryC enthüllt nicht viel Neues über Donald Trump. Jeder, der nur ein wenig aufgepasst hat, weiß seit langer Zeit, dass der Kaiser nackt ist.

Dieser Mann hätte allein schon wegen seines bescheidenen Intellekts, den offenkundigen Defiziten seiner Persönlichkeitsstruktur und den kindlichen Verhaltensweisen niemals Präsident der USA werden dürfen.

Dennoch ist das Buch wichtig, weil es in drastischer Anschaulichkeit dem letzten Schönfärber drastisch vor Augen führt, wie es um die Führung der Supermacht tatsächlich steht. Die USA werden von einem überforderten Präsidenten regiert, der eine große Gefahr für sein eigenes Land und die Welt bedeutet. Niemand wird sich seit dem Erscheinen von „Fire and Fury“ mehr darauf berufen können, er habe nicht wissen können, wie schlimm es steht.

Der Appell renommierter Psychiater, Trumps Geisteszustand bei seinem jährlichen Gesundheitscheck zu evaluieren, ist der verzweifelte Versuch, die Notbremse zu ziehen. Sollte eine mentale Beeinträchtigung diagnostiziert werden, könnte der Präsident nach dem 25. Verfassungszusatz abgesetzt werden.

Wie die Amtsenthebungs-Fantasien der Vergangenheit fällt leider auch dieses Szenario in die Kategorie der Wunschvorstellungen. Die Republikaner haben sich dem Narzissten im Oval Office längst vor die Füße geworfen und denken nicht im Traum daran, etwas für das Gemeinwohl zu tun.

Das ist das andere Verdienst des Bestsellers, der zeigt, wer Trump möglich macht: Eine Welt zynischer Intriganten, ehrgeiziger Wichtigtuer und willfähriger Narren, denen die Macht wichtiger ist als die Moral.

Die traurige Wahrheit lautet, dass es die „Niemals Trump“ Bewegung in der „Grand Old Party“ niemals gegeben hat. Dagegen bleibt das „Trumper“-Amerika eine unverrückbare Realität. Statt dem baldigen Ende eines überforderten Präsidenten, droht nun die völlige Entgleisung des selbsternannten „Genies“ im Weißen Haus. 

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