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Syrien-Einsatz : Zwei Jageler Tornados für Aufklärungsflüge ungeeignet

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die beiden Tornados, die von Jagel aus in die Türkei geflogen sind, sollen das Gebiet erkunden – für die eigentliche Aufklärung eignen sie sich nicht. Das klang zunächst ganz anders.

Jagel | Nachdem der Bundestag grünes Licht für den Syrien-Einsatz der Bundeswehr gegen den Islamischen Staat (IS) gegeben hatte, sollte es schnell gehen. Sechs Tage nach Mandatsbeschluss starteten unter großem Medieninteresse am vergangenen Donnerstag zwei Tornado-Kampfjets aus Jagel bei Schleswig in den Einsatz. Doch die beiden Maschinen des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“ werden keine Aufklärungsmissionen über Syrien fliegen. Sie sind technisch nicht dafür ausgerüstet, die elektronischen Kameras zu tragen. Einen entsprechenden Eintrag des anerkannten Militärblogs „Augen geradeaus!“ bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber dem sh:z.

An der Geschwindigkeit, mit der der Syrien-Einsatz der Bundeswehr beschlossen und gestartet wurde, gibt es Kritik von der Opposition. Linke und Grüne bemängeln, dass der Solidaritätsbeweis für Frankreich keine Rechtsgrundlage habe.

Derzeit gehe es darum, die „komplexen Luftraumstrukturen und Koordinationsverfahren praktisch zu erfliegen“, sagte der Ministeriumssprecher. Der Betrieb auf der Basis in Incirlik in der Türkei, von wo aus die Tornados operieren sollen, wird eingeübt. Ob die Maschinen bereits die für den Einsatz nötige Konfiguration hätten, sei dabei unerheblich. Beispielsweise sei es Aufgabe der beiden Tornados, mögliche Ausweichflugplätze zu erkunden. „Die derzeitigen Aufgaben sind ein wichtiger Schritt und Bestandteil, um ab Januar in den Einsatzflugbetrieb gehen zu können.“ Erst bei den für später im Januar geplanten Einsätzen über Syrien würden Tornados gebraucht, die auch tatsächlich mit der Aufklärungstechnik fliegen könnten. Ein Sprecher der Luftwaffe sagte: „Es geht um Einweisungsflüge und nicht um Aufklärungsflüge.“

Von der Bundesregierung hieß nach dem Abflug der Tornados noch: „Zwei Tornado-Aufklärungsflugzeuge und ein Airbus zur Flugbetankung haben am Donnerstag mit 40 Soldaten die türkische Luftwaffenbasis Incirlik erreicht. Der Airbus soll bereits nächste Woche erste Einsätze fliegen. Die Tornados sollen ab Januar Aufklärungsbilder liefern.“

 

Die beiden am Donnerstag gestarteten Tornados können den für die Aufklärung benötigten RecceLite-Behälter nicht einsetzen. Dazu müssten die Maschinen auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. Das ist bei einigen Tornados des Geschwaders der Fall – die beiden in die Türkei entsandten Maschinen können das nicht. Voll genutzt werden kann der RecceLite-Behälter nur von Tornados, die das Modernisierungsprogramm Assta 3 durchlaufen haben. Dort hat der Waffensystemoffizier im zweiten Cockpit hinter dem Piloten ein Digital-Display, auf dem er die Bilder der Kamera oder des Infrarot-Sensors sofort sehen kann. Zehn solcher Maschinen gibt es bereits im Jageler Geschwader, dazu noch zwei des weiterentwickelten Standards Assta 3.1, auf den im Laufe der nächsten Jahre alle 85 verbleibenden Tornados der Luftwaffe umgerüstet werden sollen.

Die ab Januar für den Einsatz geplanten Tornados sollen nach Angaben der Luftwaffe noch geschont und die Flugstunden aufgehoben werden. Zudem teilte der Sprecher mit, dass die Tornados auch zukünftig regelmäßig ausgetauscht würden. Zu einen möglichen Rhythmus wollten sich weder Verteidigungsmisterium noch Luftwaffe äußern. Die Bereitstellung der Luftfahrzeuge vor Ort liege in der Verantwortung der Luftwaffe, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Unterdessen hat die deutsche Mission nun auch einen Namen: Das Verteidigungsministerium entschied sich für die Bezeichnung „Counter Daesh“. Erstmals wird damit im offiziellen Sprachgebrauch der in der Arabisch sprechenden Welt gebräuchliche Name „Daesh“ für die Terrormiliz IS verwendet.

Politischer Aktionismus. Ein Kommentar von Stefan Beuke

Pilot Alexander S. hockt auf dem Fliegerhorst in Jagel unter einem Tornado-Aufklärer des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“. Neben ihm der Behälter mit dem Recce lite Kamera-Aufklärungssystem.

Pilot Alexander S. hockt auf dem Fliegerhorst in Jagel unter einem Tornado-Aufklärer des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“. Neben ihm der Behälter mit dem Recce lite Kamera-Aufklärungssystem.

Foto: Staudt
 

Das Verteidigungsministerium und das Kanzleramt wollten schnell tolle Bilder in den Medien haben. Es galt, ein Zeichen gegen den Terror zu setzen. Der Plan hat funktioniert. Von Jagel aus gingen die Bilder durch die Republik. Tornados und Piloten im Blitzlichtgewitter, die Flieger auf dem Weg zu ihrem Kampfjet. Ernst, Respekt, aber auch Zuversicht ausstrahlend. Es waren genau die Bilder, die sich die Bundesregierung wünschte, verbunden mit der Botschaft: Deutschland beteiligt sich am Kampf gegen die Terroristen des Islamischen Staats.

Jetzt ist ein anderer Eindruck entstanden, der so gar nicht mit der von der Politik gewünschten Show zusammenpasst: Deutschland hat Aufklärungs-Tornados losgeschickt, die gar nicht aufklären können. Typisch Bundeswehr, könnte man meinen. Hubschrauber, die zum größten Teil nicht fliegen. Sturmgewehre, die – glaubt man der Verteidigungsministerin – nicht ordentlich treffen. Aufklärungsflugzeuge, die nicht aufklären.

Doch so einfach ist es nicht. Es ist nicht schlimm, derzeit Modelle mit älterer Technik zu schicken, da es im Moment um Einweisung und nicht um Aufklärung geht. Sie sollen lediglich das fremde Terrain erkunden.

Festzuhalten gilt: Die Luftwaffe schickt Tornados in den Einsatz. Allerdings, das wurde auch öffentlich kommuniziert, sollen die eigentlichen Aufklärungsflüge erst im Januar beginnen. Nicht kommuniziert wurde: Die zwei Tornados, die vergangene Woche Richtung Türkei gestartet sind, waren nie dafür vorgesehen, die Aufklärungsmissionen über Syrien zu fliegen. Warum das bewusste Schweigen?

Hinter der schnellen Verlegung steckte viel Show. Da passte dieses kleine, aber nicht unwichtige Detail, nicht ins Erscheinungsbild. Es braucht wenig Fantasie, um darauf zu kommen, dass der Truppe mehr Vorbereitungszeit lieber gewesen wäre. So ist die Mission mit heißer Nadel gestrickt. Es musste schnell gehen. Sehr schnell. Zu schnell? Selten haben das Kabinett und der Bundestag so zügig ein Mandat erteilt. Das Mandat wiederum so schnell umzusetzen, ist politischer Wille – und zwar von ganz oben. Kanzlerin Merkel wollte ein Zeichen setzen. Herausgekommen ist dabei politischer Aktionismus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 16.Dez.2015 | 09:49 Uhr

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